Kind sein ist wie Fahrradfahren

Liebe LeserInnen,

die Schatzmeisterin unseres Kleingärtnervereins bat mich um Hilfe bei der Erstellung der alljährlichen Mitgliederrechnungen. Ich widmete mich den Listen und Zahlen. Ich tippte und druckte und faltete und füllte Briefumschläge, zehn, fünfzig, zweihundert.

Ich verstaue mein Werk, nach Postleitzahlen sortiert, in Plastetüten und will es überreichen.

„Das hast du prima gemacht.“, sagt die Schatzmeisterin und hustet und schnieft und schnäuzt in ein Papiertaschentuch. „Ich hätte da noch eine Bitte.“, fährt sie fort.

Ich verstehe, die Sonne scheint, es ist Wochenende und ich wollte ja eigentlich sowieso einen Spaziergang machen, vielleicht nicht unbedingt einen so langen Spaziergang. Ich könnte mein Fahrrad aus dem Keller holen.

„Ich hole mein Fahrrad aus dem Keller!“, höre ich mich sagen.

Die Schatzmeisterin lächelt mich dankbar an.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich schlecht NEIN sagen kann?

Mein Fahrrad ist eins fix drei startklar. Ein wenig Luft pumpen, ein paar Tropfen Öl auf Kette, Gangschaltung und Bowdenzüge und ich radele los.

Unterwegs begegnet mir mein Nachbar vom Planeten Dings. Er winkt und ich springe vom Rad.

„Na? Hast Du schon Kindheitserinnerungen veröffentlicht“, fragt er.

„Ich wünsche dir auch einen schönen Tag.“, entgegne ich.

„Deine?“, frage ich zurück. „Na klar,  umgehend.“

Er schüttelt seinen Kopf.

„Das weiß ich doch. Ich lese deinen Blog. Nein, deine Kindheitserinnerungen. Willst du dich da etwa drücken?“

„Och, weißt du, ich hab hier noch zirka einhundertzwanzig Briefe, die müssen noch zugestellt werden.“

„Wieso schickst du die nicht mit der Post?“ Mein Nachbar mustert mich, als müsste er mir erklären, was eine Briefmarke ist.

„Da kennst du aber unsere Kleingärtner nicht. Wenn eines der zahlreichen Vorurteile weitestgehend zutrifft, dann das, das Kleingärtner sehr, sehr sparsam sind, sehr sparsam. Außerdem kann ich später bezeugen, dass die Rechnungsbriefe in den Hausbriefkästen der Gartenfreunde gelandet sind. Nur für den Fall, dass irgendein Säumiger auf die Idee kommt zu behaupten, dass er gar keine Rechnung erhalten hat.“

„Ahso.“ Mein Nachbar zuckt mit seinen Schultern. „Harte Bandagen, was?“

„Vorsicht ist die Mutter des Purzelbaums.“

„Aber du schreibst noch Kindheitserinnerungen auf?“

„Ich weiß nicht.“

„Komm schon. Ich hab was geschrieben, jetzt bist du dran. Morgen ist schon Sonntag. So schwer kann das doch nicht sein.“

So schwer kann das doch nicht sein, der hat gut reden.

Ich bin ein Einzelkind.

Mein Vater arbeitete im Dreischichtsystem als Sprenghauer in einem Erzbergwerk. Meine Mutter war im Sekretariat der Betriebsleitung beschäftigt. Dort arbeitete sie tagsüber und an einigen Abenden ging sie in unserem Wohngebiet noch als Vertreterin einer Versicherungsgesellschaft in die Haushalte.

Dem entsprechend war ich sehr oft bei meiner Oma, der Mutter meines Vaters, die im ältesten Teil meiner Geburtsstadt in einem Fachwerkhaus zur Miete wohnte.

Das Wohngebiet, in dem ich mit meinen Eltern lebte, war auf einem Berg gebaut worden. Oma lebte im Tal. Um zu ihr zu gelangen, gab es fünf Wege, die alle eine Gemeinsamkeit hatten, an irgendeiner Stelle musste der Höhenunterschied überwunden werden.

Solange ich ausschließlich zu Fuß oder mit meinem Tretroller unterwegs war, war da kein Problem. Das änderte sich, als ich mein erstes Fahrrad geschenkt bekam.

Mein Vater wollte mich beim Erlernen des Fahrradfahrens unterstützen. Er ließ mich Aufsitzen, packt mich mit einer seiner riesigen Pranken am Genick und schob das Fahrrad mit mir darauf auf dem Parkplatz hinter unserm Haus auf und ab.
Dann lockerte er seinen Griff und versetzte mir einen Schubs, so dass ich einige Meter auf dem Fahrrad rollte. Dabei rief er: „Treten, du musst treten.“

Ich hatte den Bogen recht schnell heraus. Schon allein, weil ich durch selbstständiges fahren vermeiden konnte, dass mich mein Vater erneut am Genick packte.

Die erste größere Ausfahrt unternahm ich in Begleitung meiner Mutter. Wir wollten Oma besuchen. Meine Mutter wählte mit Bedacht den einzigen Weg, in dessen Verlauf der Höhenunterschied durch mehrere kleine auf einander folgende Abfahrten überwunden werden konnte. Nach jeder Abfahrt folgte ein kleines Stück wo der Weg fast eben verlief. Von Nachteil war, das es sich um einen unbefestigten, sandigen Weg mit Fahrspuren und zahlreichen Schlaglöchern handelte.

Schon bei der zweiten Abfahrt wurde es abenteuerlich. Aus irgendeinem Grund war bei meinem Fahrrad die Kette vom Hinterrad gesprungen. Damit fiel der Rücktritt als Bremse aus. Ich trat ins Leere.

Mein Vater hatte mir eingeschärft, dass ich bei schneller Fahrt auf gar keinen Fall die Vorderradbremse benutzen soll. So raste ich ungebremst den Hügel hinab.

Ich schrie.

Meine Mutter schrie.

Am Ende der Abfahrt verlief der Weg in einer leichten Linkskurve und auf der rechten Seite stand, nach zirka zwei Metern Brennnesseln und Gestrüpp, ein Maschendrahtzaun.

Ich fuhr mit Schwung ins Gestrüpp. Das Vorderrad wurde dadurch jäh gebremst und ich vollführte das, was ich durch das Nichtbenutzen der Vorderradbremse eigentlich hatte verhindern wollen.

Ich flog mit dem Gesicht voran über den Lenker in den Maschendrahtzaun.

Oma besuchten wir an jenem Tag nicht mehr.

Eine Krankenschwester in der nahe gelegenen Klinik kümmerte sich gut um mich.

Nur die nächsten Schultage waren nicht einfach. Da der Maschendraht ein deutliches Muster in meinem Gesicht hinterlassen hatte, sparten die anderen Kinder nicht mit Spott.

Nach einigen Wochen, fürchtete ich keinen der fünf Wege mehr. Noch nicht einmal den, den die anderen Kinder Todeshügel nannten, weil er unmittelbar in eine Hauptstraße mündete.

Meine Mutter behauptet bis heute, dass die Kette gar nicht vom Hinterrad gesprungen war, sondern ich lediglich vor lauter Aufregung immer weiter nach vorn getreten hätte, anstatt den Rücktritt zu benutzen.

Vielleicht war es ja auch so.

Unversehrte Grüße aus dem Garten

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6 Gedanken zu “Kind sein ist wie Fahrradfahren

  1. Uiuiuiuiiiii….das klang aber mörderisch abenteuerlich !! Im Nachhinein kann man ja drüber lachen. Immerhin scheinst du kein Trauma davongetragen zu haben, wenn du nach kurzer Zeit auch alle anderen Wege mit dem Rad gemeistert hast. Tapfer, tapfer 🙂 Kettenrasselnde Grüße

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