Mein Beitrag für Klagenfurt

Karla

„Warte Karl- warte!“ Ihre Füße schienen den Boden kaum zu berühren, als sie zum Hoftor rannte. Atemlos keuchte sie: „Wo fährst du hin? Wann kommst du wieder?“ Er nahm ihren Kopf in seine großen Hände und gab ihr einen Kuss auf die Nase. Sie schluckte. „Du kommst doch wieder?“ Ihre Unterlippe begann zu zucken. „Karlchen meine Kleine,“, sagte er, „wenn es soweit ist, werde ich dich holen!“ „Versprochen?“ Er gab ihr seine Hand. „Allergrößtes Ehrenwort!“ Sie spuckte darauf und damit war es besiegelt. Und er hatte noch nie ein Versprechen gebrochen. Noch nie! Er ließ den Motor von seinem Moped aufheulen, es knallte und dann war ihr großer Bruder aus ihrem Leben verschwunden. Da war Karla gerade zehn. Sie stand allein unter einem strahlend blauen Himmel, an dem hübsche kleine Zuckerwattewölkchen klebten. Die Bäume wiegten ihr sattes Grün in einem leichten Sommerwind und Bienen und Hummeln flogen emsig über die blühenden Wiesen. Eine bleischwere Stille senkte sich hernieder. Sie verstopfte Karlas Ohren. Sie schnürte ihre Kehle zu, sie umschlang ihren Körper wie eine Boa ihr Opfer.

“Karla du faules Luder! Was stehst du da und glotzt Löcher in die Luft? Meinst wohl, die Arbeit macht sich von allein?“ Das war ihre älteste Schwester Thea. Die schlimmste von allen. Hinter ihr kamen Anna, Liesel und der Vater mit dem Heu gefahren, in der Scheune warteten Inge und Matthias. Thea stieß sie in den Rücken. Karla fiel um und sagte nichts. „Steh auf du Nichtsnutz und sieh zu, dass das Heu reinkommt!“, schnauzte Thea. Karla rappelte sich auf, stolperte in die Scheune und fiel Anna vor die Füße. „Ich dachte wenigstens, dass du schon laufen kannst.“, sagte die. „Du taugst ja wirklich zu gar nichts! Weißt du eigentlich, dass Vater dich nach deiner Geburt aussetzen wollte?“ „Hätte er es bloß getan!“, giftete Thea. „An die Arbeit, ihr dummen Hühner!“, brummte der Vater. „W–wer w–weiß, wie lange Hü-hü-hü-hühner leben?“, fragte Matthias. „G-g–genauso, wie k-k-k-kurze!“ Er und die anderen lachten, selbst der Vater verzog den Mund ein wenig, nur Karla hörte nichts und sagte nichts, stach nur mechanisch die Gabel ins Heu und warf es nach oben.

„Wo ist Karl?“, fragte der Vater am Abend. Alle schwiegen. „Wo ist Karl?“, fragte er noch einmal. „Weg.“, sagte Karla schließlich. „Wie ‚weg’?“ „Weggefahren.“ „Wann?“ „Heute Nachmittag.“ „Und wohin?“ „Weg.“ Die anderen duckten sich und schaufelten ihre Kartoffeln in sich hinein. „Sei nicht so unverschämt zu deinem Vater!“, donnerte er und verpasste Karla eine Kopfnuss, dass sie fast von ihrem Schemel flog. „Wo ist er hingefahren?“ Er packte Karla am Ohr und drehte es nach hinten um. „Wohin?“ Und er stank so fürchterlich nach Zwiebeln und Stall. Am Ohr zog er Karla durch die halbe Küche in den Garten hinaus. „Wohin- wohin- wohin- sag es endlich du- sonst-!“ Dann war alles still und man hörte das Hoftor quietschen. Vorsichtig schlichen die anderen hinaus. „K-k-k-k-karla?“, rief Matthias. Sie hörten etwas platschen und gingen zur Jauchegrube. Nicht schnell. Es war ja nur Karla. Die strampelte im beißenden Gestank. Die Mädchen glotzten und hielten sich die Nase zu. „Mal sehn, wie lang die schwimmen kann.“, sagte Thea zu den anderen. „K-k-k-k-karla, Freitag is doch erst W–waschtag!“, witzelte Matthias. Wenigstens holte er sie aus der Grube. „W–wie du stinkst, man, d-d-d-das hält ja k-k-k-keine Sau aus!“ Als der Vater heimkam, hatte sich Karla an der Pumpe im Hof soweit gesäubert, wie es eben ging. Ihre Haut war krebsrot, so hatte sie sich geschrubbt. Sie saß in der Küche und aß die kalten Kartoffeln, die die anderen übrig gelassen hatten. Plötzlich stand da der Vater. Er füllte den ganzen Türstock aus und schien immer größer zu werden. Die Geschwister wollten sich an ihm vorbeischleichen, aber er kriegte jeden zu fassen. „Ihr seid alle Schuld!“, donnerte er und bei jedem Wort setzte es eine Ohrfeige. „Aber du-“, damit packte er Karla und schleuderte sie durch den Raum. „Du bist am meisten Schuld! Dass du es wagst, überhaupt an meinem Tisch zu sitzen, du elendes Drecksgör!“ Er riss seinen Gürtel aus der Hose. „Heiraten sollte der Bub- den Hof übernehmen- wollte er nicht- alles wegen dir! Kümmert sich um dich wie eine Glucke. Mein Junge ist doch kein elendiges Federviech!“ Purpurne Striemen platzten auf, warme Blutstropfen quollen hervor und flossen träge über Karlas Rücken. „Du verfluchtes Balg- ertränken hätte ich dich sollen, gleich nachdem deine Mutter- ach!“ Ihm verging der Atem und er sackte auf der Ofenbank in sich zusammen. Wenig später war er eingeschlafen und Schnaps- und Bierwolken deckten ihn zu. Karla schleppte sich in ihre Kammer.

In dem winzigen Kämmerchen unter dem Dach hatte früher eine Magd geschlafen, später hatte Karl durchgesetzt, dass dies sein und Karlas Zimmer wird. Er hatte dafür mit einem blauen Auge bezahlt. Drei Wochen hatten sie gemeinsam die Farbenpracht bewundert, die Karl hervorzaubern konnte. „Für dich mein Karlchen hol ich sogar die Sterne vom Himmel!“ Und er hatte sie ganz fest an sich gedrückt, so dass sie fast keine Luft mehr bekam. Nicht, weil er zu fest drückte, sondern vor Glück. Es gab sogar einen Schlüssel für die Kammertür. Karla drehte ihn um. Sie legte sich auf Karls Seite des Bettes und vergrub ihr Gesicht in sein Kissen. Endlich kamen die Tränen. Seit Karla denken konnte, war Karl für sie da gewesen. Er hatte ihr das Schwimmen beigebracht, sie vor den Schwestern beschützt und wenn ihr der Hintern brannte von den Schlägen des Vaters, hatte Karl ihr kalte Tücher darauf gelegt. Er hatte ihr auch erklärt, dass der Vater gar nicht ihr Vater war. Die Mutter hatte die Sache öfters mit einem anderen Mann gemacht und einmal sei Karla aus der Sache entstanden. Auf ihre Frage, welche Sache er denn meine, hatte er ihr geduldig die Sache zwischen Mann und Frau erklärt, die die machen, wenn sie verheiratet sind, oder so gut wie, oder- na ja, sich sehr mögen. „Aber das tut der Frau doch weh!“, hatte Karla sich empört. Karl hatte gelacht und sie in den Arm genommen. „Wenn die Frau den Mann lieb hat, tut es überhaupt nicht weh.“ „Ich hab dich sehr lieb Karl!“, hatte Karla gesagt und sich an ihn geschmiegt. Er hatte sie auf die Nasenspitze geküsst und-

Karla jaulte auf, wie ein getretener Hund. Sie weinte nicht mehr, sondern schrie in das Kissen, boxte und strampelte mit den Füßen. Aber es hörte nicht auf. Das Gefühl, dass alles schläft, taube Hände, Füße, Arme, Beine, leerer, schwerer Kopf. Nur im Rücken fühlte sie es pulsieren. Sie war noch nicht ganz tot, aber irgendwann würde der Vater sie wahrscheinlich totschlagen, so wie den anderen Mann. Sie war ja nur ein Kuckucksei. Das erklärte auch ihre grauen Augen. An die Mutter konnte sie sich kaum erinnern. Sie muss sehr schön gewesen sein. Karl hatte gesagt, sie habe sie gehütet, wie einen Schatz. Und er, Karl, hatte die Mutter immer beschützt, so gut er konnte. Dann war die Mutter gestorben. Karl war damals zwölf und hatte der Mutter im Sterben versprochen, immer und ewig auf Karla aufzupassen. Sie hatte nicht mehr auf seine Hand spucken können, dafür war sie zu schwach, aber Karl hatte sein Versprechen gehalten. Bis heute. Karla wimmerte. Sie stand auf, und legte ihre Stirn an das winzige Fensterchen. Draußen beleuchtete ein eiskalter Mond den Hof und die Katzen begannen ihr nächtliches Konzert. Einmal hatte Karl den Schwestern für ihre Bosheit in die Milch gerotzt. Ein schleimiger Pflatschen in jeden Topf, umgerührt und Karla hatte sich auf die Lippen beißen müssen, um nicht laut loszulachen, als die Schwestern die Milch genüsslich schlürften. Überhaupt hatte Karl sie immer zum Lachen bringen können. Mal ist er auf dem alten Bock geritten, wie ein edler Ritter, mal auf dem Fahrrad rückwärts gefahren, oder er hatte sie solange gekitzelt, bis ihr die Luft ausging vor Lachen. Und jetzt war er weg und hatte ihr Lachen mitgenommen. Sie schaute in den Mond und bat den lieben Herrgott, dass es doch bald soweit sein möge und Karl oder er sie zu sich holen würde.

Dieses Gebet sprach Karla noch vier lange Jahre. Dann kam sie in die Stadt zu einem Gemischtwarenhändler. Peter, der Sohn hatte ein Auge auf sie geworfen. Er half ihr beim Regale einräumen, unterhielt sie, wenn sie am Abend den Laden ausfegen musste und eines Tages lud er sie sogar ins Kino ein. Karla war noch nie in einem Kino gewesen. Sie zog ihr gutes Kleid an und setzte sich ehrfurchtsvoll zwischen die anderen Leute, die alle durcheinander schwatzten. Als das Licht ausging, erschrak sie und Peter legte einen Arm um sie. „Alles gut.“, flüsterte er und Karla gab sich ganz dem Film hin. Er war wundervoll! Eine Liebesromanze. Karla schluchzte und weinte vor Freude, als die zwei sich am Ende doch noch kriegten. So würde es auch bei Karl und ihr sein- sie würden sich genauso finden, wie die zwei im Film! Karla blieb sitzen bis zum letzten Flimmern auf der Leinwand und Peter hielt sie die ganze Zeit im Arm. Sanft zog er sie nach draußen in die Wirklichkeit zurück. Mit seinem karierten Taschentuch tupfte er ihr die Tränen von den Wangen. „Wie schön du bist Karla!“, sagte er und strich mit dem Daumen sanft über ihre Lippen. Plötzlich zog er sie an sich. „Peter, was machst du?“, rief Karla entsetzt. Peter versuchte, sie zu küssen. Karla wollte ihn wegstoßen, er hielt sie fest, sie schlug auf seine Arme, er umklammerte sie fester, sie versuchte sich ihm zu entwinden und plötzlich saß er auf ihr und drückte ihre Arme auf den Boden. „Du willst es doch auch!“ Und wieder presste er seinen Mund auf sie und schob ihr seine Zunge in den Mund. Karla biss zu. „Au verdammt! Du Miststück!“, fluchte er, „das wirst du mir büßen!“. Mit der rechten Hand hielt er ihre Arme fest wie ein Schraubstock, mit der linken schob er ihren Rock hoch und riss an ihrem Höschen. Karla schrie, Peter stopfte ihr das Höschen in den Mund. „Hier hinterm Kino kann dich sowieso keiner hören!“ Sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze, seine Spucke tropfte auf ihr Gesicht. Karla zappelte und wand sich, doch Peter war mit seinen siebzehn einfach zu stark für sie. Er holte sein Dings aus seiner Hose und stieß es in sie hinein. Wieder und wieder und wieder. Jedes Mal fühlte es sich so an, als ob bei Karla da unten etwas zerreißen würde. Wieder und wieder schossen kleine spitze Nadelpfeile von da unten bis in ihren Kopf. Alles um sie herum wurde weiß, nur Peters Fratze keuchte ganz dicht über ihr. Dann war es vorbei und er stand auf. „Geht doch.“ Er stopfte sein Dings in seine Hose zurück. Dann beugte er sich über Karla und raunte ihr ins Ohr bevor er verschwand: „Wehe du sagst was! Aber dir glaubt doch sowieso keiner, du Landei.“ Karla lag am Boden und schaute in den Himmel. Abermillionen kleiner Wunderkerzen funkelten und blinkerten, eine schöner als die andere. Je länger sie schaute, desto mehr wurden es. Unendlich viele Diamanten lagen ausgebreitet auf  einem weichen Samttuch und wieder hielt die bleischwere Stille sie fest umklammert.

Irgendwie kam Karla zurück zum Laden. Die innere Tür war nicht abgesperrt und sie verkroch sich ganz hinten unter dem Regal mit dem Petroleum. Wie ein verletztes Tier begann sie, ihre Wunden zu lecken. Ihr ganzer Körper zitterte und drohte, auseinanderzufallen. „Oh meine arme Kleine!“, sagte eine Stimme aus der Dunkelheit des Ladens. Karla kroch noch weiter unter das Regal. „Was hat er mit dir gemacht?“ Sie hielt die Luft an. „Er hat dir weh getan, er hat dir so verdammt weh getan, oh mein armes kleines Karlchen!“
Karla schoss unter dem Regal hervor. Es klirrte und eine Flasche zersplitterte auf dem Steinfußboden.
„Karl?- Karl?- Bist du das?“
“Natürlich bin ich das.“
“Karl! Wo bist du?“. Angestrengt starrte sie in den Laden.
“Ich bin da, wo ich die ganze Zeit schon war.“
“Aber wo Karl wo, wo bist du Karl- es war- er hat-.“
“Ich weiß.“ Ein Schatten schien sich aus dem Ladeninneren zu lösen. Er setzte sich neben sie.
Karla konnte endlich weinen. „Karl, oh Karl, warum- all die ganze Zeit-.“
“Ich war da. Ich war die ganze Zeit bei dir. Immer.“
“Es war so- Er hat mit mir die Sache gemacht.“
“Ich weiß. Und es war nicht richtig. Er darf das nicht. Niemand darf mit dir die Sache machen.“
“Niemand?“
“Niemand, außer dein Mann.“
“Aber-“, Karla wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab. „Du hast doch auch-.“
“Nein!“
„Aber-.“
“Nein, das war etwas anderes. Ich habe dir gezeigt, wie die Sache geht.“
Karla saß vor dem Regal und dachte nach. Sie tippte immer wieder ihren Finger in die Pfütze, die sich auf dem Boden gebildet hatte. „Aber wir haben die Sache gemacht.“, sagte sie nach einer Weile. „Und das heißt, dass du mein Mann bist und ich deine Frau.“
“Nein nein nein nein nein! Wir haben es nicht wie Mann und Frau gemacht. Ich habe dir gezeigt, wie es geht, aber ich war hinten drin. Das zählt nicht als Mann-und-Frau-Sache!“
“Und dass es fast jede Woche war?“
“Zählt nicht.“
“Auch nicht, dass du mir dein Dings in den Mund geschoben hast?“
Der Schatten sprang auf. “Karlchen, was willst du jetzt von mir hören? Dass du meine Frau bist? Du bist doch meine Schwester! Wie kannst du da meine Frau sein?“
Karla starrte angestrengt, aber der Schatten schien sich aufzulösen. „Ja aber-.“
“Peter war nicht dein Mann, aber er hat die Sache vorne gemacht, so wie Mann und Frau.“
„Oh Karl, Karl, wo bist du! Es ist alles- ich habe Schuld- ich-!“ Karla schluchzte laut auf.
“Karla, hör mir zu: Peter hat Schuld. Er hat sich an dir versündigt. Und dafür gehört er bestraft!“
“Der Herrgott-.“
“Karla, Karlchen- wach auf! Der Herr Gott hat sich von uns abgewendet! Er handelt genauso willkürlich, wie unser Herr Vater.“
“Das darfst du nicht sagen!“
„Doch, und du musst mir glauben! Du bist allein auf dieser Welt!“
“Aber du-.“
“Ich bin auch allein. Wir beide sind allein, mutter- und vaterseelenallein gelassen in dieser Welt und es hilft dir keiner.“
“Karl,“, flüsterte Karla, „Karl, sag das nicht. Bitte.“ Sie schob die Glasscherben in der Petroleumpfütze zu einem Haufen zusammen.
„Du musst dir selber helfen Karlchen, du musst!“
Und eine Schachtel Streichhölzer krachte neben ihr auf den Boden.

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