Die schöne Deirdre – Vorerzählung zum Táin

Profil.jpgMan sagt, Erinnerungen an die eigene Kindheit setzen erst mit dem vollendeten dritten Lebensjahr ein. Wir können davon ausgehen, daß es sich bei den keltischen Helden etwas anders verhielt. Wir lernten ja schon, sie konnten auch mal, wie König Conchobor, von Zeugung bis zur Geburt locker drei Jahre im Mutterleib verbringen. Die schöne Deirdre, von der heute erzählt wird, konnte im Mutterleib schreien. Und zwar so laut, daß sie den gesamten Hofstaat aufschreckte. Das rief den Druiden Cathbad auf den Plan, der in seiner Eigenschaft als Seher vor ihrer Geburt Deirdres gesamtes Leben öffentlich vorwegerinnerte. Durch Handauflegen. Eine pränatale Geschlechtsbestimmung gab es gratis obendrauf.
Es begab sich nämlich, daß Conchobor und sämtliche wichtige Helden beim Geschichtenerzähler Fedlimid Mac Daill zu Gast waren. Wenn der König und die Helden beim Barden zu Gast sind, muß der also ein sehr wichtiges Amt bekleidet haben. Wir sehen daran, daß die keltischen Könige damals schon die Bedeutung positiver Berichterstattung, mithin Propaganda und ständige Verfügbarkeit alternativer Fakten, sehr hoch einschätzten.
Als alle ihrem männlichen Heldenmut entsprechend epische Mengen an Essen und Bier vertilgt hatten, schaute die schwangere Herrin des Hauses, Fedlimids Frau, nach dem Rechten. Um sich einen groben Überblick über das aufzuräumende Chaos zu verschaffen. Da aber schrie das Kind in ihrem Bauch ganz fürchterlich, so laut, daß noch der betrunkenste Held beunruhigt aufwachte. Unnatürliches, nächtliches Schreien galt den Kelten nämlich als ziemlich suspekt und verhieß meistens nichts gutes. Die werdende Mutter wandte sich vertrauensvoll an Cathbad, den Druiden, der nach kurzem Bauchabtasten schnell ein erste Diagnose stellte. Zunächst sollte das wild zappelnde Mädchen Deirdre, die Tobende, heißen. Und sie würde zu einer absolut umwerfenden Schönheit heranwachsen. Blond, grüne Augen, rote Lippen, elegante Wangenknochen, schöne Zähne und natürlich dazu eine Hammerfigur. Krieger werden verrückt und Königinnen werden sie beneiden. So weit, so schön. Zu ihrer Geburt geht es aber weiter mit den Prophezeiungen und die hören sich jetzt nicht mehr ganz so toll an. In hübschen Versen verkündet der Druide zur Taufe nämlich folgendes:
Viel Schaden wird durch Deirdres Schönheit entstehen. Das ganze Reich Ulster wird erschüttert. Die drei Söhne des Uislu werden ins Exil getrieben. Später dann wird Fergus Ulster als Feind den Rücken kehren und einige Helden werden sterben.
Die Krieger bekamen es mit der Angst und meinten, man solle das Baby vorsichtshalber lieber gleich töten. König Conn aber hatte wohl schon bei Blond, hübsches Gesicht und rote Lippen aufgehört, zu denken. Er erklärte das Problem zur Chefsache und ordnete an, daß die kleine Deirdre abgeschottet an einem geheimen Ort aufwachsen sollte. Nur so zur Sicherheit, damit sie keine anderen Krieger verrückt macht und er sie dann, wenn sie schön genug, nein, also alt genug sei, als einziger zur Frau nehmen könne.
Wer es nicht glaubt, kann’s ja bei Wikipedia nachlesen. Die Lügen nie.

Innerhalb der Woche werde ich das traurige Schicksal der Deirdre weitererzählen. Ganz Zentral ist das nämlich verbunden mit einer gar erschröckeligen Behinderung des Fergus mac Roich, Amtsvorgänger und Teilzeitstiefvater von König Conchobor.

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3 Gedanken zu “Die schöne Deirdre – Vorerzählung zum Táin

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