Der gläserne Käfig

Anna Unbekannt war ein entzückendes kleines Mädchen.

So dachte zumindest ihre Mutter. Ihr Vater nicht unbedingt. Auch er wollte ihr nur Gutes. Selbst als er seinen Arbeitskollegen erzählte, sie wäre nicht besonders hübsch. Sie hätten positiv überrascht sein sollen, so lautete der verletzende, väterliche Plan. Waren sie dann aber nicht. Von Geburt an eilte ihr daher der Ruf voraus, ein häßliches Entlein zu sein.

Anna Unbekannt war ein ruhiges Mädchen.

Zumindest in Gegenwart von Fremden sprach sie nicht. Und fremd waren ihr alle, die nicht zur Familie gehörten. Selbst in der Schule fand sie keinen Zugang zu den anderen Kindern. Kaum war die selbstreflexionslose Unbeschwertheit im Kindergarten vorüber, und die beste Freundin weggezogen, schon stand sie vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe, neue Freunde zu finden.

Wie sollte sie das anstellen?

Anna Unbekannt beschloss das bravste Kind in der Klasse zu werden.

Sie stellte das Reden mit den anderen Kindern ein. Unter der Stunde war es ohnedies nicht erlaubt, und die Pausen waren zu kurz, als dass sie zur Kontaktaufnahme gereicht hätten. Denn diese benötigte Zeit, viel Zeit und Überwindung, so hoch und scharf wie ein Stacheldrahtzaun.

Anna Unbekannt und die Kollegen

Natürlich wollte sie dabei sein, wenn andere Spaß hatten und sich angeregt über dies und jenes unterhielten. Aber wenn sie sich zu einer Gruppe stellte, stand sie bald außerhalb des Kreises der bereits eingeschworenen Freunde.

Man beachtete sie nicht. Oft war es ihr, als wäre da eine Wand zwischen ihr und den anderen. Als sähen und hörten die anderen sie nicht. Als säße sie in einem Käfig, aus dem nur sie heraus sehen könnte, aber niemand zu ihr hinein.

Versuchte sie – selten genug – an einem Gespräch teilzunehmen, und machte nach (über)reiflicher Überlegung, endlich den Mund auf, gingen die anderen schon wieder auseinander.

Sie blieb wie versteinert zurück, biss sich auf die Lippen und starrte in die Luft.

Luft.

War sie tatsächlich Luft für die anderen?

Nein. Luft ist etwas, das Menschen brauchen. Sie brauchte niemand. Sie fehlte auch niemanden, wenn sie nicht da war. Lag sie ein paar Tage krank zu Hause, blühte sie auf. Selbst mit Fieber oder juckenden Ausschlägen. Zu Hause war sie sie selbst. Zurück in der Schule stand sie allen nur im Weg.

Sogar sich selbst.

Anna Unbekannt und die Kompetenzen

Schüchternheit ist keine Zier. Weiter kommst du nur ohne ihr“ – schrieb sie sich irgendwann hinter die Ohren. Nach einer leidvollen Schulzeit ohne Freunde, träumte sie davon, in der neuen Umgebung etwas ändern zu können. Alles ändern zu können.

Ihre Scheu davor, mit anderen Menschen zu reden, hatte sie sehr einsam gemacht. In ihren Träumen war sie locker und mutig und beliebt. Und wenn sie wach war, las sie Bücher über soziale Kompetenz.

Anna Unbekannt war sehr ehrgeizig.

Sie wollte sich Freundschaften erarbeiten, durch Fleiß auffallen. Wer fleißig war, wurde gebraucht. Gebraucht zu werden bedeutete, den anderen nicht egal zu sein. Manchmal sprach sie jemand auf der Uni an. Dann bemühte sie sich, interessante Antworten zu geben.

„Hallo! Gehts du auch in diesen Kurs?“

„Ja.“

Schweigen.

„Kennen wir uns nicht von irgendwoher?

„Nein.“

„Bist du dir sicher? Ich glaube, ich habe dich schon einmal gesehen…“

„Nein.“

Schweigen.

Schwitzen.

Anna Unbekannt blieb alleine mit ihren Büchern vor dem Seminarraum zurück.

Anna Unbekannt beschloss noch fleißiger zu werden.

Sie war eine fleißige, einsame Frau. Nur die Schüchternheit blieb ihr treu.

regenbogen
Manche dunklen Wolken können selbst von einem Regenbogen nicht vertrieben werden
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Ein Gedanke zu “Der gläserne Käfig

  1. Hat dies auf Mein Name Sei MAMA rebloggt und kommentierte:

    Was verstehen wir eigentlich unter Behinderung – wird diese Woche auf dem Mitmachblog gefragt. Ein Thema, das von sehr vielen Seiten beleuchtet werden kann. Das darauf fallende Licht bricht sich aber nicht in die bunt schillernden Farben eines ungreifbaren Regenbogens, dessen Schönheit unsere Seele wärmt. Nein, seine Facetten fühlen sich oft rauh und kalt an.

    Gefällt 1 Person

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