Die Schöne Deirdre und das Handicap des Fergus

Ein heikles Wochenthema, bei dem es gilt, nicht Respektlos zu werden und auch nicht unanständig auf die Tränendrüse zu drücken. Wer darüber angemessen schreiben will, sollte sich fragen: Was würde ein altirischer Barde tun, der erfahren hat, daß sein frisch geborenes Kind mit einem abscheulichen Fluch beladen ist, der größtmögliches Unglück über die Gemeinschaft bringen wird? Und zwar mit dem schrecklichen Makel betörender Schönheit? Er würde wahrscheinlich ein blutiges Drama darüber verfassen, an dem sich die Nachwelt von „Tristan und Isolde“ bis „The harder they come“ abarbeiten wird. Und er würde wohl damit beginnen, daß die unbesiegbaren Helden meist auch ihre spezielle Schwäche hatten. Denn sie hatten fast alle eine Geis. Also keine Ziege, sondern wieder so ein schwierig zu übersetzendes, altirisches Wort. Eine Geis ist jetzt nicht eine Behinderung im herkömmlichen Sinne. Eher ein Tabu, Bannfluch oder Kryptonit. Achillesferse oder Siegfriedschulter würde grade im Zusammenhang mit alten Sagen auch hervorragend passen.

Beispielsweise hatte Cuchulainn, der Held des Táin, von dem hoffentlich irgendwann auch mal die Rede sein wird, nämlich zwei verschiedene Geis. (Keine Ahnung, wie die Mehrzahl von Geis heißt). Einmal durfte er keine Essenseinladung ablehnen. Aber er durfte auch niemals Hundefleisch essen. Seine Feinde konnten ihn dann schlußendlich besiegen, in dem sie ihm mit einer Essenseinladung auflauerten und da dann Hundefleisch servierten. Cuchulainn mußte essen, die Geis wirkte schwächend und der einst unbesiegbare Held konnte von nur wenigen hundert Kriegern quasi mit links besiegt und getötet werden.

Jetzt geht es aber erst mal um Deirdre, die Bardentochter und die Geis von Fergus mac Roich. Die schöne Deirdre ist wegen ihrer gemeinschaftsgefährdenden Schönheit in staatliche Obhut genommen worden. Um die Gemeinschaft zu schützen und um den Genuß ihrer Schönheit einzig König Conn vorzubehalten. Der König glaubt sie sicher verwahrt, kümmert sich nicht mehr und bedenkt nicht, daß sich die holde Weiblichkeit ziemlich früh für Beziehungsleben und so Zeug zu interessieren beginnt und auch noch selber aktiv wird. Die zart erblühte Deirdre fragt also ihre Amme, wer denn der angesagteste Junge in Ulster ist. Die empfiehlt ihr sogleich Noisiu, den Sohn Uislus, einen wahren Posterboy: Sieht gut aus, kann gut singen, als Krieger sowieso die beste Partie im Reich und hat außerdem noch zwei Brüder, falls einer mal kaputt geht.

Deirdre also wirft sich in Schale, lauert dem Noisiu auf und macht im Angebote, die er nicht ablehnen möchte. Noisiu gerät in arge Gewissensnöte, denn er weiß um Cathbads Fluch und kennt König Conns Schädelhaus. Seine Brüder bieten ihm moralische Unterstützung an. Die Teenagerhochzeit wird vollzogen und Deirdre und die Söhne Uislus fliehen nach Schottland.

Wir bemerken, der Fluch der Deirdre beginnt zu wirken und können einen Zwischenbilanz ziehen:
Krieger von Ulster:         – 3 (incl. 150 Familien Gefolge)
Wutentbrannter König:               + 1 (incl. seine Loyalitäten infragestellender Hofstaat)

Im Exil in Schottland arbeiten die Söhne Uislus nun als Söldner. Das ist aber eine ziemliche Knochenarbeit. Außerdem zeigt jeder Arbeitgeber unanständiges Interesse an Deirdre und deshalb auch am Ableben ihres Mannes, was die Aufträge nicht einfacher macht. Die Exilfamilie ist bald ziemlich frustriert. Außerdem heuchelt König Conn Großmut, lädt Deirdre mit Anhang wieder nach Ulster ein. Zu Sicherheit sendet er Fergus, seinen eigenen Sohn Cormac und einen gewissen Krieger Dubthach als Bürgen und Wachschutz. Eigentlich eine sichere Sache, denn Fergus stellt keinen Frauen nach, weil sie sowieso auf ihn fliegen. Laut Wikipedia bedeutet sein Name Fergus mac Roich sowas wie Großschwänziger Sohn eines Hengstes. Außerdem ist er ein ziemlicher Superheld, respektiert Eide und ist als Leibwächter unschlagbar. Wenn da nicht seine schlimme Geis wäre, ein arger Gottesfluch: Fergus darf keine Einladung zum Biertrinken ablehnen!

Der arme Mann! Man muß sich mal vorstellen, wie man in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt ist, wenn man qua Gottesfluch kein Bier ablehnen dürfte. Ein normales Leben wäre kaum möglich! Wenn das alle Iren hätten, wäre das Land ja im Handumdrehen von jedem dahergelaufenen Engländer kolonisiert! Ach, Irland ist von England … ich führe den Gedanken nicht weiter, über Behinderungen soll man sich nicht lustig machen.

König Conn weiß das, legt einen Hinterhalt und läßt Fergus zum Bier einladen. Fergus muß also genau im Entscheidenden Moment Biertrinken und kann nicht kommen, als Deirdre mit Mann und Schwägern wieder ulsteranensisches Staatsgebiet betritt. König Conn hatte gelogen und läßt Aisiu und Brüder von einem Gefolgsmann hinterrücks ermorden, kein Fergus da, um ihn zu schützen. Die Kriegerschaft Ulsters entzweit sich und eine Menge Leute fangen an, sich gegenseitig totzuschlagen, ein mittelschwerer Bürgerkrieg bricht aus. Fergus fällt ein, daß er König Conn eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Da war ja auch was mit der Königswürde und Conns Mutter Nes. Also wandert Fergus mit seinen beiden Mitbürgen nach Connacht aus. Mit seiner Unterstützung fühlen sich die Connachter jetzt berufen, Ulster zu überfallen und den braunen Bullen von Cooley zu rauben. Der Táin kann also vielleicht bald beginnen.

Und die schöne Deirdre? Die hat sich dann leider in Gefangenschaft ziemlich dramatisch selbst das Leben genommen. Es heißt, ihr Schädel sei dabei geplatzt, wahrscheinlich, damit der König sich ihn nicht auf ein Regal stellen kann.

falbala
Eine blonde Dorfschönheit bringt einen keltischen Krieger um den Verstand. Diese Abbildung aus dem Werk zweier anerkannter Keltologen wurde ohne zu fragen irgendwo aus dem Internet geklaut.
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