Herr Z. eleminiert das ABER

Stellen wir uns mal folgende, absolut fiktive Situation vor.

Herr Z. sitzt, den Kopf auf die Hände aufgestützt, am Küchentisch und schaut mit leicht eingetrübtem Blick in die Ferne ohne etwas zu erblicken. Seine Mimik spricht eigene Bände. Die Stirne leicht in Falten gelegt, angespannte Lippen, aufeinander gebissene Zähne.

Rechts auf der Schulter sitzt Engelchen, links Teufelchen. Beide liefern sich mal wieder einen Schlagabtausch, von dem Herr Z. offenbar nichts wahrnimmt, weil er seinen eigenen Gedanken nachhängt.

Der Übersichtlichkeit wegen erhalten die Charaktere eigene Farben. Ein himmlisches Hellblau für das Engelchen, ein höllisches Rot für das Teufelchen und ein neutrales Grün für Herrn Z.

Engelchen singt leise nach der Melodie eines Siegerschlagers von 1982 vor sich hin:

Ein bisschen Liebe, ein bisschen Leiden, ein bisschen Herzschmerz, ein bisschen Freuden…. hmmm, hmmm, hmmm, hmmm ♫

Was ist denn mit dir los? Heckst du wieder was aus?

Aushecken?! tz tz tz, das klingt schon wieder so negativ. Nie kannst du auch mal gönnen können. Schau dir doch unseren Herrn Z. an. Der weiß nicht, woran er ist und was er machen soll. Da lernt er endlich mal eine Frau kennen und dann steht er sich wieder selbst im Weg. Weiß nicht, ob er Schmetterlinge haben soll oder darf, findet die Frau klasse und redet sich das runter, um ja keine Gefühle aufkommen zu lassen. Der hat doch ein kleines bisschen Glück verdient. Jahrelang alleine und wir haben ihn auch noch von einem Schicksalsschlag in den nächsten gejagt, um ihn zu prüfen. Nun ist doch mal gut damit.

Oh ja, das hat Spaß gemacht. Verlust, Tod, Krankheit…war eine gute Mischung von mir. Da bin ich stolz drauf. Leider habe ich es immer noch nicht geschafft, ihn endgültig in die Knie zu zwingen. Der ist echt zäh. Rappelt sich immer wieder auf. Wo ich so eine schöne Verdammnis für ihn vorbereitet habe. Außerdem funkst du mir immer wieder dazwischen. Finde ich nicht gut. Ich hatte ihn schon fast soweit.

Denk ja nicht, dass ich dich gewinnen lasse! Ich rühre ihm jetzt erstmal einen Herr-Z-ohne-Schmerz-Trank zusammen.

Herr Z. sortiert derweil seine Gedanken und wägt ab. Soll er sich auf die Frau einlassen, was bedeuten würde, dass er das Risiko eingehen müsste, sich zu öffnen? Mit der Gefahr, verletzt zu werden. Andererseits hat er in vielerlei Hinsicht eine umfassende Sammlung von verpassten Chancen im Leben, soll er da noch eine weitere ablegen und sich eines Tages darüber ärgern, dass er nicht mutiger war? Ist es diese Frau wert über den eigenen Schatten zu springen? Und die Grundsatzfrage: Bin ich es selber wert? Darf ich glücklich sein, darf ich nach vorne sehen und mich von allen Päckchen der Vergangenheit befreien ohne mein Gesicht vor mir selbst zu verlieren?

Die Frau ist doch gar nicht dein Typ, Herr Z. Schau mal, keine Modelmaße, breite Narben von irgendwelchen Operationen und Verletzungen, bestimmt hat sie auch Orangenhaut und schlaffe Titten.

Halt die Klappe, du Depp! Das Aussehen ist doch sekundär. Es geht ums Herz, um Leidenschaft, um gute Gespräche und ähnliche Interessen. Die Schönen hat man eh nie für sich alleine. Die wollen nur ans Portemonnaie und zack, sind sie wieder weg. Oder gehen fremd und man merkt es erst, wenn sie auf einmal schwanger um die Ecke kommen, obwohl man gar nicht intim war.

Ja geil, gelle? Eine Prise Zwietracht, eine Prise Neid von Freunden, etwas Mißgunst und Eifersucht. Eine perfekte Mischung. Höllisch gut.

Das Teufelchen kichert in sich rein.

Soll ich oder soll ich nicht? Die Frau ist es wert. Warum kommen mir eigentlich dauernd die großen Aber in die Quere? Können die nicht mal bleiben wo sie sind?

ABER! Müssten da nicht Schmetterlinge sein? ABER! Ich fühle mich bei ihr so wohl. ABER! Ich habe gar kein Anrecht, glücklich zu sein. ABER! Das Anrecht habe ich doch. ABER! Ich habe Angst vor Verletzung. ABER! Ich möchte endlich ein bisschen mutiger sein und das Risiko eingehen, weil sie es wert ist. ABER, ABER, ABER… ABER, ich will kein ABER mehr hören. Ich sage es ihr jetzt. Und dann werden wir reden und wenn sie das genauso sieht wie ich, werden wir kleine Schritte aufeinander zugehen und sehen, was passiert.

Was ist denn mit Herrn Z. los? Was hast du da zusammen gebraut, du missratener Glücksengel? Er entgleitet mir. Ich muss mir was einfallen lassen.

Hä? Mein Trank ist doch noch gar nicht fertig. Ich glaube, der trifft einfach eigenen Entscheidungen. Das finde ich nicht fair. Ich will auch mal gewinnen. (stampft mit dem Fuß auf)

Ich hatte ihn doch so gut im Griff. Was soll das denn? Bist du dir sicher, dass du nichts damit zu tun hast? Wo ist mein Niedertrachtsaft nur? Ich glaube, ich koche ein neues, stärkeres Süppchen. Ein Eßlöffel Unsicherheit – besser zwei oder drei. 40 ml Zweifel. 100 g Gleichgültigkeit. Ein gestrichener Teelöffel Frust. 2 missgünstige Freunde, ach und natürlich noch ein dünnes Nervenkostüm zufügen. Gut umrühren und langsam auf kleiner Flamme köcheln lassen…. Tralalalala….♫

Da halte ich dagegen. Moment mal. Statt den Esslöffeln Unsicherheit nehme ich Sicherheit, dazu 40 ml Vertrauen. 100 g persönliches Interessen. Ein gestrichener Teelöffel Perspektive. 2 aufbauende Freunde und eine Dose Nerven wie Drahtseile. Bei großer Hitze aufkochen und glühend heiß servieren.

Wisst ihr was, ihr Schultersitzer? Ihr könnt mich mal! Erstickt an euren eigenen Süppchen. Ich mache, was ich will. Ich brauche euch und eure intriganten Ratschläge nicht mehr. Sucht euch ein anderes Opfer. Ich will mich auf diese Frau einlassen. Ich will das riskieren, auch mit der Gefahr, dass es nicht funktioniert. Ich gehe jetzt auf die Suche nach der kleinen Raupe im Bauch, aus der eines Tages vielleicht ein großer, bunter Schmetterling schlüpft. Und wenn nicht, dann ist da was anderes. Ich vertraue ihr. Ich mag sie. Wer braucht schon Liebe auf den ersten Blick, wenn nach dem Aufwachen der zweite Blick Ernüchterung bringt. Da schaue ich doch besser auf andere Werte. Und die hat sie. Geduld, Zurückhaltung, Manieren. Und, wie ich auch, ein wenig Unsicherheit, Angst, Zweifel. Doch ich kann super mit ihr reden und wir können vieles klären und ich glaube das erste Mal seit langen, dass wir die gleiche Wellenlänge haben.

Herr Z. schnipst als erstes Teufelchen, dann Engelchen von seinen Schultern und geht seinen eigenen Weg. In der Entfernung hört er noch

Aber....

 

 

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7 Gedanken zu “Herr Z. eleminiert das ABER

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