Ohne Wenn und ohne Aber

Auf der Suche nach schönen Bildern, die man an die Wand hängen kann, sind mir neben den Klobildern meiner Kindheit, auch solche in die Hände gefallen, welche noch nicht ganz so alt sind und mich in der Zeit vor meiner Schwangerschaft zeigen. Hübsch, denke ich überrascht. Da schaust du ja noch so richtig, richtig gut aus! Das ist verwunderlich, denn generell finde ich mich nie hübsch. Weder real noch auf irgendwelchen Fotos. Diese Bilder allerdings zeigen mich, wie ich einmal gewesen bin und sie zeigen mir auch, dass es damals eigentlich keinen Grund gegeben hat, mich nicht hübsch oder gar für zu dick befunden zu haben.

Während ich die Bilder betrachte, überkommt mich nicht nur ein Gefühl von neid auf mein damaliges Ich, ich spüre auch eine gewisse Nostalgie in mir empor steigen, die den Hauch einer Depression mit sich trägt.

Ich stelle mich nackt vor den Kleiderschrank und betrachte nachdenklich mein Spiegelbild. Dieses starrt missgünstig zu mir zurück.

„Fett bist du geworden“, bemerkt mein sich spiegelndes Ich und mustert mich einmal von unten nach oben und wieder zurück.

Ich zucke innerlich zusammen. Das stimmt. Ich habe in der Schwangerschaft 30 kg zugelegt und gerade einmal die Hälfte davon bin ich bisher wieder losgeworden. „Wenn ich erst mal auf Schokolade verzichte, wieder auf meine Ernährung achte und weiterhin jeden Tag spazieren gehe, dann wird es bald wieder so sein wie vorher“, sage ich.

Mein Spiegelbild kichert hämisch. „ABER du willst gar nicht auf deine Schokolade verzichten und dich gesünder ernähren. Und das da …“ mein Spiegelbild deutet auf meinen Bauch. „… das wirst du durch spazieren gehen ganz sicher nicht mehr hinbekommen.“

Ich blicke an mir hinunter und betrachte meinen Bauch. Oder das, was einmal mein Bauch gewesen ist. Neben den dutzend Op-Narben sind jetzt auch noch diverse Schwangerschaftsstreifen hinzugekommen. Breit, dick, rot. Zu allem überfluss hängt mein Bauch ein wenig nach unten und sieht somit aus wie ein ausgeleiherter Luftballon. „Wenn ich Sport machen w…“ Weiter komme ich nicht. Mein Spiegelbild unterbricht mich sofort.

„ABER du hasst Sport. Deshalb brauchen wir darüber gar nicht reden.“ Ich grinse verlegen, denn auch das stimmt. Eher laufe ich wohl den Rest meines Lebens als Hängebauchschweinchen durch die Gegend, als das ich freiwillig sport treiben würde. „Ih!“, sagt mein Spiegelbild. „Hör auf zu Grinsen! Das ist ja eckelhaft!“

Sofort schließe ich meinen Mund. Stimmt auffällig. Mir fehlen nämlich vorne im Oberkiefer 3 Zähne, die am Anfang meiner Schwangerschaft aufgrund einer Zyste gezogen werden mussten. „Wenn ich erst einmal beim Zahnarzt gewesen bin, dann hat sich das erledigt“, entgegne ich trotzig. Mein Spiegelbild zuckt mit den Schultern.

„ABER bis dahin siehst du aus wie ein fetter zahnloser Troll. Ein Bergtroll! Immerhin passt die rote Haut ja ganz gut dazu. Schön schuppig“, gluckst mein Spiegelbild.

Das ist die Neurodermitis, die mir derzeit schwer zu schaffen macht. Meine Augen sind derzeit ständig gerötet, alles juckt, alles brennt und nach dem Duschen sehe ich aus wie ein gekochter Hummer. Ich starre mein Spiegelbild mit blutunterlaufenen Augen an und dieses starrt gehässig zurück. Ich bin kurz davor loszuheulen. Schon lange habe ich mich nicht mehr so häßlich gefühlt, wie in diesem Augenblick. Ungeliebt und allein.

„Mmmmmaaaa-MMMMMAAAA-Pffffrrrrrbllll-Brrrrr“, kommt es von links. Mein Spiegelbild und ich blinzeln und wir blicken erstaunlich Synchron zur Seite.

Mein 6 Monate alter Sohn liegt in seiner Wippe, strampelt und sieht mich aus großen erstaunten Augen an, als sei ich das siebte Weltwunder. Als ich zu ihm sehe, beginnt er zahnlos zu grinsen und als ich sofort zahnlos zurück lächele, lacht er  quietschend auf und strahlt. Dabei sieht er die ganze Zeit zu mir, nicht zu meinem Spiegelbild oder irgendwo anders hin. Nur zu mir. Meinem Sohn ist es offensichtlich völlig egal, ob ich aussehe wie ein Supermodel oder wie ein Bergtroll. Ich werfe einen flüchtigen Blick zu meinem Spiegelbild und strecke diesem kurzerhand den Mittelfinger entgegen, ehe ich mich vorbeuge, um meinen Minibergtroll aus seiner Wippe zu nehmen. Dieser fängt an vor Freude zu wackeln und zu zappeln. Dann reibt er seinen Kopf an meiner geröteten und rauen Haut und versucht sich auf meinen ausgeleiherten Bauch mit den Füßchen hochzustemmen. Gleichzeitig will er kuscheln. Ja, eindeutig. Meinem Sohn ist das alles ganz einerlei. Für ihn bin ich seine ganze Welt. Ich bin wieder glücklich.

Ganz ohne Wenn und ohne Aber.

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8 Gedanken zu “Ohne Wenn und ohne Aber

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