Kommen Sie mal hoch!

„Hallo, Sie da. Kommen Sie mal hoch zu mir!“ Ich stehe an der Straßenbahnhaltestelle und blicke verwirrt nach oben. Eine alte Frau lehnt am Fenster im 1. Stock. „Ja, Sie!“ sie deutet auf mich. „Kommen Sie doch mal hoch. Bitte.“ Ich bin verwirrt. „Brauchen Sie Hilfe?“ frage ich – selbst etwas hilflos. Man wird ja nicht täglich von fremden Leuten ins Haus gebeten oder überhaupt nur angesprochen. Sie antwortet nicht. „Bitte, kommen Sie doch.“ sagt sie nur.

Also betrete ich das Haus, einen klassischen mehrstöckigen Altbau, Ende 19. oder Anfang 20. Jahrhundert. Zu viele Schnörkel für meinen Geschmack.
Ob die Frau verletzt ist? Vielleicht war es ihr peinlich, direkt um Hilfe zu rufen? Ich steige etwas besorgt die ausgetretene Steintreppe mit dem geschwungenen Geländer nach oben.
Im ersten Stock sehe ich eine halb offen stehende Türe, aber niemand erwartet mich. Hier muss es sein, denke ich. Zaghaft klopfe ich, keine Antwort. Alarmiert trete ich ein.

Die Wohnung ist großbürgerlich. Mein geübter Blick für Altbauten schätzt ca. 200 m² Grundfläche. Ich sehe Steinboden mit Mosaik, Wandvertäfelung und Parkett. Stuck an der Decke. Teure Antiquitäten. Wer immer hier wohnt, arm ist er jedenfalls nicht. „Entschuldigung? Ist hier jemand?“ Niemand ist zu sehen. Ich höre auch nichts. Irgendetwas stimmt hier doch nicht! Mal abgesehen von der ansonsten schon absurden Situation. „Hallo?“ rufe ich nochmal beherzt. Vor meinem inneren Auge spielen sich unschöne Szenarien ab. Wann war eigentlich mein letzter Erste-Hilfe-Kurs?

„Ach, da sind Sie ja. Kommen Sie bitte.“ plötzlich steht sie in der Diele. Lächelnd. „Ich habe schon auf Sie gewartet. Hier drin. Ich habe uns Kaffee gekocht. Und Kuchen gebacken.“ Ich fühle mich unbehaglich. Fehl am Platz. Mit ausgewaschenen, zerissenen Jeans und einem Kapuzenpulli, strähnigen Zöpfen und meiner verbeulten Tasche stehe ich vor einer richtigen – Dame. Ihre grauen Haare sind aufonduliert und haben einen lila Schimmer. Sie trägt ein Baumwollkleid, das nicht eine Falte aufweist, im Gegensatz zu ihrem Gesicht. Natürlich trägt sie Perlen. Echte, vermute ich. Aber ich habe keine Ahnung davon. „Ich glaube, Sie verwechseln mich.“ stammle ich und finde mich ganz und gar unhöflich. „Entschuldigen Sie bitte. Ich gehe wohl besser.“

„Oh, bitte. Gehen Sie nicht! Kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig plaudern.“ Sie sieht mich traurig an und fügt leise hinzu: „Ich bin so allein.“ Ich blicke ihr jetzt direkt ins Gesicht. Ich sehe ihr blaßblauen wässrigen Augen. Kluge Augen. Traurige Augen. Ihre Einsamkeit schwappt auf mich über und mir wird plötzlich klar, warum ich hier bin.

Ich nicke, schlucke den Kloß im Hals runter und lächle. „Ja. Gerne trinke ich einen Kaffee mit Ihnen. Ich heiße übrigens Katja.“

200 m² Grundfläche. Mosaik, Wandvertäfelung, Parkett. Meissner Porzellan. Frankfurter Kranz und Jacobs Kaffee.
Wer immer hier wohnt, es fehlt ihm an nichts. Und doch an allem.

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6 Gedanken zu “Kommen Sie mal hoch!

  1. @tallyshome @gkazakou: Leider hat die Geschichte kein so schönes Ende. Die Dame hat mir viel aus ihrem Leben erzählt und mir war es eigentlich sehr unangenehm, weil sie so vertrauensvoll war. Ich dachte, dass sie vermutlich häufiger Menschen einfach so einlädt und dann dachte ich, wie leicht manch einer die Situation ausnützen könnte. Mich hat das überfordert und ich kam mir irgendwie ungewollt aufdringlich vor. Da mein Augenarzt um die Ecke war (nur deshalb stand ich überhaupt an der Straßenbahnhaltestelle, in dem Stadtteil war ich sonst nie), bin ich noch ein paar Mal am Haus vorbei. Gesehen habe ich sie aber nicht mehr.

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  2. Kann ich aber in allen Einzelheiten recht gut nachvollziehen. Mir wäre es wahrscheinlich genauso ergangen. Irgendwie ja schade, das man sich dann so fühlt. Bei uns gab es mal eine ältere Dame die immer auf unserer Treppe vor dem Haus ein Päuschen eingelegt hat. Auch ein sehr einsames Persönchen. Irgendwan lud meine Mutter sie auf ein Glas Wasser ein. Danach war sie jeden Tag Gast bei uns. Allerdings wurde das auf Dauer sehr belastend, denn sie blieb immer recht lange, so dass meine Mutter sich irgendwann nicht mehr traute die Tür zu öffnen. Irgendwann kam sie dann nicht mehr. Einige Jahre darauf verstarb die alte Dame dann. Meine Mutter hatte reichlich lange ein schlechtes Gewissen deshalb :-/

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