Belanglose Gespräche mit dem Tod

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Verlegen, etwas scheu bückte sich die Gestalt und half dem alten Mann hinein.

Es ist mir sehr unangenehm, dass du meinetwegen solche Mühsal auf dich nimmst. Ich hätte nicht gedacht, dass es dir so wichtig ist.

Die hagere Gestalt wischte dem alten Mann das Blut vom Gesicht und versorgte die Wunden mit Lumpen und einer merkwürdigen, grauen Salbe. Dann setzte er ihn an einen Tisch aus massiven, rohen Balken. Dort stand Brot und ein heißer Kräutersud. In die Rückwand des Raumes war eine offene Feuerstelle unter einem Steinernen Kamin. Ein übertrieben großes Feuer loderte hier. Eben noch zerschunden, verfroren und hungrig fand sich der alte Mann nun gewärmt vor einem reich gedeckten Tisch. Sein krankhaft blasser Gastgeber redete auf ihn ein:

Stärke dich erst mal, alter Mann. Iß und ruh dich aus. Dann siehst du gewiss alles in einem anderen Lichte. Wenn du es dir überlegt hast, können wir noch einmal in Ruhe darüber reden. Kaum zu glauben, dass du den ganzen Weg auf dich genommen hast. Wie konntest du mich hier finden?

Der alte Mann kaute an dem nahrhaften Brot. Der Kräutersud belebte ihn auf angenehme Weise. Sein schmerzender Körper beruhigte sich. Noch mit vollem Mund antwortete er, nicht ohne Stolz:

Ich habe nicht aufgegeben. Und die Leute im Dorf der Verdammten haben mir geholfen. Darf ich dir meine Fragen stellen.

Der Gastgeber blickte irritiert aus tiefen, verschatteten Augen:

Die Leute im Dorf der Verdammten…? Merkwürdig, wie können sie wissen…? Aber frag nur. Wenn ich kann, antworte ich dir gerne.

Der alte Mann konnte es nicht fassen. Nach allen Qualen und Rückschlägen sollte er endlich ans Ziel gelangt sein. Er stockte einen Augenblick. Dann fasste er sich ein Herz und fragte:

Was hast Du mit dem Prinzen Jakob dem Leichtsinnigen für einen Pakt geschlossen? Wie lautet der Handel?

Der bleiche Mann starrte ihn verständnislos an.

Mit dem Prinzen Jakob? Vom Lächerlichen Land?

Der alte Mann strahlte über das ganze Gesicht und nickte freudig:

Genau mit dem. Was habt ihr vereinbart?

Der Mann im schwarzen Umhang wirke jetzt ein wenig verstört:

Was soll ich mit ihm vereinbart haben? Sicher ich treffe ihn irgendwann. Aber ich habe doch keinen Zeitpunkt vereinbart. Du musst schon entschuldigen. Schickt der Prinz dich? Ich kann mich nicht erinnern…

Dann fasste er sich, seine Haltung straffte sich, die Augen funkelten, ruhig und bestimmt sprach er mit Grabesstimme:

Ich verhandele mit keinem Menschen.

Der alte Mann erschrak. Vollkommen verwirrt saß er mit offenem Mund da. Schließlich stammelte er:

Aber du hast doch…? Du bist doch…? Du bist doch der Teufel?

Wiederum reagierte der bleiche Mann verwundert. Dann entspannte er sich, eine Art Lächeln erschien auf seinen verhärmten Zügen:

Alter Mann, jetzt verstehe ich. Ich bin nicht der Teufel. Ich bin der Tod.

Der alte Mann erstarrte endgültig. Speichel und Brotkrumen tropften ihm aus dem offenen Mund. Er wagte nicht einmal mehr zu atmen. Dem Tod war das sehr peinlich. Er mochte es nicht, wenn die Stimmung derart kippte, denn eigentlich freute er sich sehr über den unerwarteten Besuch. Er versuchte den alten Mann zu beruhigen:

Bitte erschrick nicht. Aber du konntest ja nicht wissen, dieses Haus gehört tatsächlich dem Teufel. Er benutzt es aber fast nie. Da haben wir vereinbart, dass ich hier wohnen kann. Ich muss nur das Feuer unterhalten, das ist ihm wichtig.

Aber… aber du kommst mich jetzt holen…?

Da musst du entschuldigen, das hatte ich ganz vergessen. Aber wenn ich hier in den Anhöhen bin, vergesse ich immer die Zeit. Und seit dann auch noch der Henker im lächerlichen Land nicht mehr Arbeitet, habe ich sowieso nicht mehr viel zu tun.

Der alte Mann war noch verwirrter:

Du hast vergessen mich zu holen?

Ja, du warst eigentlich schon länger fällig. Was glaubst du, warum du der älteste Einwohner des lächerlichen Landes bist? Und da du mich in den letzten Tagen mehrmals gerufen hast, dachte ich du wärst jetzt zu mir gekommen.

Aber du arbeitest nicht mehr so viel?

Ja, seit der Henker pause macht.

Das beruhigt mich jetzt. Aber es gibt doch noch andere Länder auf der Welt. Musst Du da nicht hin?

Der Tod sah ihn ernst an:

Im lächerlichen Land interessiert sich niemand für den Rest der Welt. Nicht einmal der Tod.

Die beiden schwiegen eine Weile. Der alte Mann aß sich am Brot satt, auch Schinken war aufgetragen. Der Tod indes starrte versonnen vor sich hin. Dem alten Mann schien er richtiggehend traurig:

Unser lächerliches Land ist Dir nicht besonders lieb?

Der Tod sah ihn düster an:

Alter Mann, wenn du wüsstest. Nirgendwo auf der Welt bringt man mir so wenig Ehrfurcht entgegen wie bei euch. Den Leuten scheint es völlig gleichgültig, ob sie leben oder nicht. Und wann immer ihr in Not seid, ruft ihr nach mir, wie nach einem Knecht. Wie du auf dem Eber, du erinnerst dich?

Den alten Mann machte dieses Gespräch etwas verlegen:

Nun ja, unser Leben ist allenthalben nicht eben leicht. Also hängen wir alle nicht sehr daran. Und der Ritt auf dem Schwein war wirklich grauenhaft. Du hast es nicht erlebt.

Das mag ja alles sein, alter Mann. Aber andere haben es auch nicht leicht. Und trotzdem zeigen die meisten Menschen im Angesicht meiner ein wenig Respekt. Sie verharren kurz in dem was sie tun. Finden sich zusammen. Manche huldigen mir sogar und richten ein Fest aus. Dort verweile ich gerne. Aber ihr im Lächerlichen Land kennt überhaupt keine Totenfeier. Ihr werft eure Toten auf den Misthaufen, wenn ihr sie nicht gleich den Schweinen verfüttert.

Der alte Mann wunderte sich:

Was sollen wir denn sonst mit ihnen tun? Das ist außerdem sehr sinnvoll. Wenn die Schweine eine Leiche fressen, dann fängt sie nicht an zu stinken. Und die Schweine werden schnell fett. Außerdem ist das sehr gerecht: Wir essen die Schweine und Schweine essen uns.

Zufrieden nahm er sich ein großes Stück Schinken. Der Tod seufzte:

Und ihr habt auch noch recht damit, das ist das schlimmste daran.

Der alte Mann konnte nicht recht folgen:

Wie sollten wir es auch anders machen? Wir Menschen werden geboren und sterben dann irgendwann. Das ist doch nichts besonderes, da gibt es nichts zu feiern. Am ende sollen wir auch noch feiern, wenn jemand geboren wird?

Der Tod wirkte resigniert:

Und deshalb will niemand auf der Welt mit euch vom Lächerlichen Land etwas zu tun haben. Ich frage mich, was der Teufel von euerm König will…

Der alte hakte nach:

Du hast wirklich keine Ahnung davon?

Der Tod überlegte:

Nun, in der Regel kauft der Teufel Brennholz. Er muss immer ein großes Feuer unterhalten. Das ist so eine Marotte von ihm.

Der alte Mann nickte begeistert:

Genau so wird es sein. Unser Kronprinz, Jakob der Leichtsinnige sollte ihm Holz besorgen. Aber womit bezahlt der Teufel?

In der Regel bezahlt der Teufel denkbar schlecht. Sie mich an, ich habe nichts als Wohnrecht, mein Essen musste ich selbst mitbringen.

Und das ist ausnehmend gut und reichhaltig. Lobte der alte Mann.

Der Tod lächelte:

Ja, in meinem Beruf habe ich immer Brot.

Der alte Mann erwiderte mit vollem Mund:

Und den Schinken nicht zu vergessen.

Das einzige, was ihr gut könnt im lächerlichen Land.

Der alte Mann hörte es mit Stolz:

Du gibst es selber zu. Man muss die Schweine nur gut füttern und sich liebevoll um sie kümmern. Davon verstehen wir etwas.

Der Tod ließ das Thema auf sich beruhen. Er selbst aß nicht so viel und machte sich nicht viel daraus. Und über die Gewohnheiten der Menschen, insbesondere derer aus dem Lächerlichen Land, wollte nicht weiter nachdenken. Der alte Mann jedoch war jetzt fröhlich und unbesorgt. Wer dem Tod gegenübersitzt, braucht sich um nichts mehr zu sorgen. Er plapperte fröhlich von seinem langen, eintönigen Leben als Schweinehirte und von den ereignisreichen letzten Tagen. Der Tod machte sich ernsthafte Gedanken darüber, wie er den merkwürdigen Besucher wieder loswerden konnte.

Diesmal wieder ein Text aus der Schublade,“Der alte Mann und der Teufel“,  Kapitel 5 und 6. Kapitel 1 -3 erschienen schon bei passendem Thema im Mitmachblog. Den gesamten, bisher erschienenen Text gibt es hier auf dem Geheimen Tagebuch.  Guten Appetit!

schwarze-klaue

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2 Gedanken zu “Belanglose Gespräche mit dem Tod

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