Von Zeit zu Zeit

Die Kinder sind im Kindergarten und ich habe einen freien Vormittag. Großartig, was ich in diesen Stunden alles erledigen kann! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, am liebsten würde ich so viele Dinge auf einmal machen und dann noch dazu einfach nichts und das genießen. Ach, und dann ist da noch der Haushalt, der still vor sich hin gewachsen ist, während er auf mich gewartet hat.

Zwei Stunden später habe ich noch immer nichts von dem gemacht, worauf ich mich wirklich freue. Da läutet es plötzlich an der Tür. Super, ausgerechnet jetzt will mir auch noch irgendjemand etwas verkaufen oder mir sonst wie die Zeit stehlen. Aber nicht mit mir. Abwimmeln und dann endlich die restlichen paar Stunden ordentlich nützen. Mit diesem großartigen Plan gehe ich an die Tür, denn nicht zu öffnen ist der Neugierde wegen auch keine Option.

Es läutet wieder. „Ja, ja, ich komme schon!“ Ungeduldige Störenfriede mag ich besonders. Als ich öffne, steht da ein kleines Mädchen, das mich sehr ernst ansieht. Ich warte einen Moment, aber sie sagt nichts. „Ja, bitte?“ frage ich und wundere mich darüber, dass das Kind um diese Zeit nicht in der Schule ist. Entweder wird das mit der Schulpflicht heutzutage nicht besonders ernst genommen oder sie ist wegen eines Schulprojekts hier. Das wird es wohl sein. Die Volksschule ist ja nicht so weit weg. Das Mädchen lächelt jetzt ein wenig und sehr schüchtern, aber sie schweigt weiterhin. Also frage ich „Kann ich dir helfen?“ Es klingt sehr streng, wenn ich mich so höre. Jetzt habe ich sie womöglich noch mehr verschreckt, denke ich. Doch, endlich, macht sie den Mund auf.

Ich bin es!

Aha“ fällt mir dazu nur ein. Sonst nichts. Ich grüble, ob das Mädchen vielleicht in der Nachbarschaft wohnt. Gesichter kann ich mir schlecht merken, aber irgendwie kommt sie mir bekannt vor.

Nein, Entschuldigung. Ich müsste wohl sagen: Du bist es!“ Sie kichert.

Jetzt bin ich gänzlich verwirrt. Ihre Stimme klingt so bekannt und die Augen. Ihre Art die Finger aus Verlegenheit zu verschränken erinnert mich an … an …

Langsam, sehr langsam klappt mein Mund auf.

Ja, ich bin es.“ wiederholt sie als sie bemerkt, dass ich sie endlich erkenne. „Darf ich herein kommen?“ sie späht neugierig an mir vorbei ins Innere meiner Wohnung.

Ja, ja, natürlich“ stammle ich und trete zur Seite, um meinem jungen Ich Platz zu machen.

Bald schon sitzen wir im Wohnzimmer und plaudern.

Aber, wenn du in die Zukunft reist und mich hier triffst, dein zukünftiges Ich, bringt das nicht alles durcheinander? Ich meine, wir wissen doch beide, dass es bei Zurück in die Zukunft zu massiven Veränderungen nicht nur der persönlichen Geschichte gekommen ist, als sich der Marty aus der Vergangenheit und der Marty der Gegenwart trafen“ gebe ich zu bedenken.

Nein, das ist alles Blödsinn“ antwortet mein junges Ich in der für mich typischen naseweisen Art. „Die Vergangenheit ist ja schon vorbei. Die steht fest, da ändert sich gar nichts mehr. Und bevor ich nur fad herum sitze, dachte ich mir, ich besuche einmal die Gegenwart und schaue mich vor Ort um, was aus mir so wird. So lebst du jetzt alsoSo werde ich einmal leben?

Mit Eifer erzählt mir das Mädchen, das ich einmal war, von seinen Zukunftsplänen: „Also, ich möchte eigentlich entweder als Artistin zum Zirkus und viel reisen oder als Star-Staatsanwältin mit großartigen Reden die Geschworenen überzeugen und Verbrecher hinter Gitter bringen.

Ich lächle. Ach ja, diese Träume von der großen weiten Welt und dem Ruhm durch glühende Plädoyers hatte ich schon ganz vergessen.

Und was bist du jetzt eigentlich geworden?“ fragt sie ganz aufgeregt.

Also weißt du“ leite ich vorsichtig ein, „ich arbeite seit ein paar Jahren in …

Da läutet es wieder an der Tür. „Das gibt es doch nicht. Was ist denn heute los?“ rufe ich und eile zur Tür. Vor der Tür steht eine alte Frau. Gebeugte Haltung, Gehstock, graue Haare zu einem Zopf gebunden. „Was ist das denn?“ rufe ich unbedacht aus. „Kommt mich jetzt auch noch meine Zukunft besuchen?

Die alte Frau sieht mich überrascht an und sagt leise „Oh, Entschuldigung. Ich wollte mir nur etwas ausleihen, aber es passt scheinbar gerade nicht…

Jetzt tut es mir leid, dass ich so unhöflich war. „Nein, nein. Bitte, was wollten Sie denn?“ beeile ich mich zu sagen. Dabei fällt mir ein, wie sich unsere Nachbarin früher immer Zucker und Eier und sonstige Lebensmittel „ausgeborgt“, aber niemals zurückgegeben hat. Fast das einzige, was mir von ihr in Erinnerung geblieben ist.

Die alte Frau lacht auf und meint, etwas schwer zu verstehen unter dem Gekichere: „Ha ha! Das war nur ein Scherz. Natürlich bin ich es. So ein Treffen lasse ich mir doch nicht entgehen! Und wer leiht sich denn heute noch etwas vom Nachbarn aus? Tz! Dazu gibt es doch längst die thought reader apps. Ach so, das kennt ihr ja noch nicht. Aber ich kann dir mehr davon erzählen, wenn du willst. Im Jahr 2050 gibt es so viele Dinge, die ihr euch noch gar nicht vorstellen könnt…

Und so plaudere ich noch eine ganze Weile mit meinem jungen und meinem alten Ich.


An diesem Tage lernte ich übrigens, dass es von Zeit zu Zeit Zeit wird, auch einmal auf sich zu hören, denn nur in der Gegenwart treffen Vergangenheit und Zukunft aufeinander.

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11 Gedanken zu “Von Zeit zu Zeit

    1. Staatsanwalt oder Richter dachte ich einst und siehe da! Ich brauche gar nicht selbst Anklage zu erheben, soll aber täglich gerechte Urteile fällen! Darüber zu entscheiden, wer wen zuerst geschubst hat oder wer das Kuscheltier zuerst gesehen und deshalb knuddeln darf, ist ein sehr schwieriger Job, seeeehr schwierig.
      Zum Wohle der Kuscheltiere fälle ich übrigens keine salomonischen Urteile, weil die „Erwachsenenschere“ hätte meine Große sicher schnell zur Hand 😉

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