Der Auszug aus dem Paradies

Anna prüft ihr Bild im Spiegel. Das Make-Up ist ein bisschen auffällig, aber so trägt sie es immer – dunkel lila Lidschatten, bordeauxrote Lippen, etwas Rouge. Sie greift noch einmal nervös zum Kamm, aber die Haare über dem linken Ohr wollen sich nicht fügen. Im Vorzimmer nimmt sie Schal und Mantel vom Haken und zieht die Winterstiefeletten an. Erst nachdem sie geprüft hat, ob alles Wichtige in der Handtasche ist, zieht sie ihre schwarzen Handschuhe an und verlässt das Haus. Es ist bereits kurz vor 10. Heute ist sie sehr spät dran.

Als sie die Bankfiliale betritt wird sie von einem jungen Angestellten freundlich gegrüßt. Sie nickt ihm zu und geht zu einem der Automaten. Mühsam balanciert sie die Tasche auf dem kleinen Vorsprung am Gerät. Sie zieht die Handschuhe aus, öffnet den Reißverschluss der Tasche und da passiert es. Die Tasche fällt auf den Boden und der Inhalt liegt verstreut rund um den Kontoauszugsdrucker. „Ach je“ murmelt sie und bückt sich, um ihre Sachen einzusammeln. Der junge Angestellte hat die Szene beobachtet und eilt herbei, um zu helfen. Zwei weibliche Angestellte, die weiter hinten am Schreibtisch sitzen, schauen auf, sehen ihren Kollegen zur alten Dame eilen und grinsen sich gegenseitig an. Dann wenden sie sich wieder ihren Bildschirmen zu. Außer Anna ist kein Kunde in der Bank.

Oh, wie aufmerksam von Ihnen“ säuselt Anna während sie dem Mittzwanziger in Anzug dabei zusieht, wie er kleine gefaltete Zettel, Münzen, alte Fahrkarten, Taschenkalender und Zuckerl einsammelt. „Das ist sehr nett von Ihnen, haben Sie vielen Dank!“ sagt Anna. Der Mann lächelt freundlich und dreht sich um, um wieder an seinen Platz am Schalter zu gehen. „Ach, wären Sie so freundlich und könnten mir vielleicht noch kurz mit der Maschine helfen. Wissen Sie, ich kenne mich mit diesen neuartigen Geräten nicht so aus. Ich brauche nur einen Kontoauszug, damit ich weiß, ob ich meinem Enkelkind vielleicht eine Kleinigkeit kaufen kann. Er freut sich immer so, wenn ich ein Geschenk für ihn mitbringe und man ist ja nur einmal so jung. Da darf man sie noch verwöhnen, die Kleinen. Nicht wahr? Jetzt weiß ich gar nicht, wo ich die Karte wieder habe …“

Und während Anna den Angestellten mit ihrem Wortschwall schön langsam einfängt und festsetzt, wie eine kleine Spinne ihr größeres, noch zappelndes Opfer, murmelt eine  Angestellte am Schreibtisch zur anderen „Jede Woche die gleiche Geschichte, aber Gerhard kennt sie ja noch nicht …

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4 Gedanken zu “Der Auszug aus dem Paradies

  1. Hachja, ein bittersüsser Text. Eigentlich amüsant zu lesen. Nur denkt man darüber nach, ist es eigentlich traurig. Geht es doch vielen alten Leutchen so, dass sie oft allein sind und einfach mal jemanden zum Reden bräuchten. Wenn es an der Kasse ruhig war, hab ich auch mal mit den Omis und Opis geplaudert und meistens war das für beide Seiten schön.
    Allerdings: es gibt in verschiedenen Städten Initiativen, etwa einen eigens ins Leben gerufenen „Plaudertreff“, wo man sich mit einer älteren Person mehr oder weniger regelmässig trifft und plaudert oder mal den Einkauf erledigt. Oder die Omipatenschaft, wo man für sein Kind eine Omi oder einen Opi aus der Nachbarschaft suchen kann.

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      1. Das stimmt. Ein Projekt, das mir ebenfalls sehr gefallen hat, war die Kooperation eines Kindergartens mit einem Altenheim. Beide lagen nebeneinander und irgendwann ist man auf die Idee gekommen, dass man das doch nutzen kann. Für beide Seiten gewinnbringend.

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