Plauderstündchen des Jahres

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Da sitzen sie nun. Ich sehe sie schon von weitem. Er, glücklich lächelnd, umringt von vier hingebungsvollen Zuhörern. Sie trinken Kaffee.

Ich weiß genau, was los ist. Er erzählt die Geschichte seines Krankenhausaufenthalts, samt Beschreibung des Vorher und Nachher, samt Verlauf der Operation und samt genauester Schilderung der Medikamentenvorgabe. Er erzählt das, was von seiner Frau bereits auf facebook ausgiebig verbreitet worden ist, kommentiert worden ist, geteilt worden ist und 73 mal gelikt und geloved. Bin ich herzlos, wenn ich nicht mehr gute Besserung wünsche, wenn 42 andere das doch schon getan haben? So einer braucht meine Wünsche doch gar nicht mehr, denke ich dann. Mich nervt dieses schamlose Getue.

Er sieht sehr glücklich aus. Er feiert seine Wiederauferstehung aus dem Sterbebett. Er ist in Plauderlaune.

Ich lächele einen knappen Gruß in die Runde und setze mich an den Nebentisch. Schon in der nächsten Sekunde kommen die Zweifel. Hätte ich mich dazu setzen sollen? Nein, das tun andere ja schon, beschließe ich und nehme mein Buch hervor. „Blauwe maandagen“ von Arnon Grunberg. Grunberg ist ja so einer, da könnte ich grün werden vor Neid. Zweimal hat das Schwein den Debutpreis gewonnen, einmal unter falschem Namen und ich finde eigentlich, dass das nicht geht. Das ist schon sehr lange her. Jetzt ist er in den Vierzigern, so wie ich, mit dem Unterschied, dass er eine unfassbar lange Liste von unfassbar guten Geschichten verfasst und veröffentlicht hat.  Gut, mein Durchbruch wird noch kommen, tröste ich mich. Aber Grunberg könnte mittlerweile, wenn er es nicht bereits getan hat (!), eine genaueste Dokumentation seines Stuhlgangs veröffentlichen und das wäre dann der Stuhlgang des Jahres. Aus so einem Krankenhausaufenthalt würde der jedenfalls einen Bestseller schreiben, höhne ich innerlich.

Zur Strafe kann ich mich selbstverständlich nicht aufs Lesen konzentrieren und lausche stattdessen jedem Wort, das am Nachbartisch gesprochen wird. Während ich die Seiten umblättere, überlege ich den Grad meiner Unhöflichkeit, die möglichen Folgen meines Frevels. Ich bin ein Eisklotz, komme ich zum Schluss. Asozial. Grunberg würde dies nichts ausmachen.

Endlich, sie stehen auf. Als er an mir vorbeigeht, lächle ich mein gekonnt höflich-distanziertes Lächeln und wünsche ihm gute Besserung.

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