Don’t speak

Es folgt nach dem obligatorischen Einleitungsblabla, in dem ich erkläre, dass ich das Thema der Woche lieber nicht hätte haben wollen (aus Gründen!), ein anrüchiger, sexuell aufgeladener und hoch erotischer Text. Oder auch nicht. Auf jeden Fall geht es gleich richtig zur Sache und es lohnt sich weiterzulesen (allein schon, weil du durch die zahlreichen Clickbaits und das Schlüsselwort Sex darauf trainiert bist, kannst du jetzt ohnehin nicht mehr abbrechen). Btw: Der folgende Text (und übrigens auch die Überschrift) sind nostalgisch angehaucht und versetzen dich zurück in ein Jahrzehnt längst vergangener Zeit. Wenn du ein gewisses Alter erreicht hast, könnte dich der eine oder andere Ohrwurm befallen. Oder auch Sehnsucht nach einer Welt, in der nicht einmal mehr James Bond wusste, gegen wen er denn nun kämpfen sollte.

Aber jetzt, psst! Los gehts!

Leute, die 90er! Was für ein cooles Jahrzehnt! Ich nenne diese Zeit gerne die Zwischenjahre und zwar deshalb, weil sie von Himmelhochjauchzend bis Zu-Tode-Betrübt reichten oder anders gesagt zwischen Mauerfall (Wind of Change) und Towerfall (Only Time) platziert sind. Und ich zufällig Abitur gemacht und studiert habe. In der goldenen Zeit also, wo wir alle nicht nur optimistisch, sondern trotz Schamhaaren auch sexuell aktiv waren, ohne jemals von youporn, Tinder und dem ganzen NewNewAge-Quatsch gehört zu haben.

Zu dieser Zeit also, quasi in den NeoSeventies (inkl. modischen Rückschlägen wie Schlaghosen und Sonnenblumen im Haar) war ich als moderner Twen auf der Pirsch, auf Männerjagd also und angelte mir tatsächlich erfolgreich das eine oder andere Exemplar. Nur für eine Nacht, höchstens für ein paar. Alles darüber hinaus war lächerlich altmodisch für junge aufstrebende Frauen, die irgendwann Karriere machen wollten. Damals ging das noch ohne Schlampenimage, wir waren ja alle sexy-feministisch, liberal (ohne neo) und die Girlie-Power rotzte kollektiv ich find dich scheiße im Bewusstsein des weil ich ja sowieso gewinn, weil ich ein Mädchen bin.

Eines Abends war ich mit Freunden oder sogenannten Freunden unterwegs. In diesen Tagen pflegte ich mein Image als existenzialistische (mit schwarzem Haar und schwarzen Klamotten natürlich super gut aussehende), total intellektuelle Proletarierin (dass mein eher wohlhabendes Elternhaus das eigentlich nicht hergab und sich die Intellektualität mit einem Haufen angefangener Klassiker zwischen den Vogues und Elles sowie der Videokassette Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (neben Pretty Woman) schon erschöpfte, lassen wir mal außen vor). Es floss reichlich Alkohol und womöglich konsumierten wir auch Schlimmeres. Wir waren in irgendeiner abgef*ckten Absteige, die gerade mega angesagt war, als ein Pulk Typen zu uns stieß. Ich kannte keinen der Jungs davon. Frischfleisch also. Mein gieriger interessierter Blick checkte die Menge ab und blieb sofort an ihm hängen:

ER. Mr Bombastic. Call me fantastic. Mr Lover Lover!

Leute! Ein Adonis! Was für eine Schönheit von Mann! Trainiert, aber nicht übertrieben muskulös. Wilde Haare und Dreitage-Bart, gelebter Grunge, die obligatorische 501 (seit mind. 14 Tagen nicht gewaschen!), weißes, enges T-Shirt, schwarze Bikerjacke. Ein Hauch Armani. OMG! Der Marlon Brando der 90er! Johnny Depp und Booker in einer Person! In einem Wort: HOT!

Unauffällig wanzte ich mich an den Typen ran, tief den testosteronschwangeren Schweißgeruch einatmend. Nirwana klimperte im Hintergrund. Rauchschwaden flimmerten im zuckenden Licht. „Hey…“ eröffnete ich das Gespräch auf höchstem intellektuellen Niveau.

Kopfnicken. Kopfnicken! So lässig wie Luke Perry!

„Ich hab dich hier noch nie gesehen, bist du aus xy?“ Ich hauchte verführerisch und klimperte dabei mit meinen schwarz gefärbten Wimpern. Sartre hätte bestimmt gejubelt!

„Grumbelhäh fuz ga?“ rülpste Luke Perry mir entgegen.

Ich brauchte eine Sekunde.
„Häh?“ antwortete ich jetzt, nicht ganz so tiefgründig wie beabsichtigt.

„Grumbelhäh fuz ga?“ Grunzlaute donnerten mir durch das existenzialistische Hirn (weniger Sein, mehr Nichts). Meine schwarzen Sartrewimpern zitterten.

Ich verschob mühsam den Gedanken an eine sexuell aufgeladene, aber unterschwellige über die Bedeutung der Ontologie geführte Konversation mit Blick auf den muskulösen Körper und gab der Situation noch eine Chance sich, nun ja – zu entwickeln… Luke Perry schien jedenfalls nicht abgeneigt sich, nun ja – zu entwickeln und grunzte mir weitere Laute entgegen, denen ich tapfer nach längerem Nachfragen und deutlich bemühten Verständnisversuchen meinerseits entnahm, dass er normalerweise auf einer Bohrinsel arbeitete und immer nur alle 14 Tage eine Woche frei hatte.

Ooooh. Bohrinsel! Scheiß drauf, dass er keinen zusammenhängenden Satz rausbrachte und nur Bölklaute von sich gab! Sartre sagt schließlich auch: Das menschliche Leben beginnt jenseits der Verzweiflung. Krass! Ich dachte nämlich ganz ähnlich, nur etwas kürzer:
Bohrinsel! BOHRINSEL! Den musste ich haben!!

Ein paar Wodka Red Bull später war es dann auch so weit. Wir waren in irgendeiner Bude gelandet, keine Ahnung, ob die ihm gehörte. Kaum über der Schwelle begannen wir wild zu fummeln und alles schien auf einen wohlgefälligen Höhepunkt hinzusteuern, bis Adonis auf die Idee kam, seine Liebesbekundungen mit Worten zu untermalen: „Du geilöh uhähgrunz! Wogähho ha? Geiheihöläh. Höhgrunzähwo?“

Waaah??

Instinktiv drückte ich ihm meine Lippen auf den Mund, um ihn zu stoppen. Eine Dauerlösung war das natürlich nicht, weshalb ich sein Gestammel alsbald harsch mit „Psst!“ zu unterbinden versuchte. Das fruchtete nicht so recht. Der Schönling grunzte weiter irgend etwas unverständliches. Die Erotik weinte. Sartre weinte. Ich auch. Fast.

„Schhhhhhhht!“ Verzweifelt bemühte ich mich, meine angeregte Stimmung noch zu retten. Kann der nicht die Klappe halten?!! „Öhhauhahägrunz.“ Nein. Konnte er nicht! Es war ein Desaster! Was für ein Körper und dann das! Beim dritten, lauten und schon ziemlich genervten „PSCHSCHT!“ platzte die Stimmung dann endgültig. Die Standfestigkeit Luke Perrys war buchstäblich mit einem Satz dahin. Und zwar dem ersten, den er verständlich von sich gab:

„Verdammt, kannst du nicht endlich damit aufhören! Du hörst dich an wie meine Mutter!“

Wann immer ich mich nun in einer Kirche, in einem Konzert, in der Bibliothek oder auf einer Schweineauktion aufhalte und ein gezischeltes „Psst!“ höre, muss ich an Luke Perry denken. Und an Sartres Mutter.

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10 Gedanken zu “Don’t speak

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