Psst! Geheimnisse!

‚Psst!‘ ist für mich ein Reizwort. Wenn es denn ein Wort ist. Eigentlich ist es ja nur eine Lautäußerung, die demjenigen, dem sie gilt, sagen will, dass er jetzt bitte leise zu sprechen hat. Oder ganz damit aufzuhören hat. Und natürlich kann ich nicht von mir weisen, diese Äußerung zu nutzen. Trotzdem ist es für mich eine nicht so schöne Ausgeburt der Sprache.

Das liegt zu allererst mal am Ton selbst. ‚Psst!‘ kann man irgendwie nicht weich oder freundlich sagen. Es ist immer ein irgendwie hektischer Ton, der auch etwas unausweichliches hat. Mitunter auch etwas Bevormundendes. Ich selbst benutze es beispielsweise viel mit meinem Hund. Wenn er andere stören könnte, weil er mir gerade was zu sagen hat, hauptsächlich. Menschen in Deutschland fühlen sich nämlich extrem gestört von jedem Geräuschpegel, der über 20 dezibel liegen könnte. Wir sind ein Nation von Leisetretern geworden, was übrigens auch für unsere Gefühlswelt gilt. Die lauten, vor allem unschönen Gefühle, sind nicht erwünscht. Heiße Wut und kalter Hass machen sich häufig eher laut Luft, ebenso wie Verzweiflung und nicht selten auch unerträgliche Trauer. Sowas mögen wir nicht. Witzigerweise darf aber auch Freude oft nicht allzuhäufig sehr laut geäußert werden. Wie viele Menschen verziehen geziert die Augenbraue wenn im Restaurant am Nachbartisch laut gelacht wird? Nein, geht gar nicht, ‚Psst!‘ Es liegt im Übrigen in der Natur der Sache, dass all das, was wir unterdrücken, sich anderweitig Bahn bricht. Im Falle von negativen Gefühlen sieht das so aus: negative Gefühle werden unterdrückt, dummerweise mit ihnen auch gleich alles Positive, denn entweder fühlen wir ganz oder gar nicht. Das wiederum wirkt sich in einer grundsätzlich gedrückten Stimmung aus bis hin zur Gefühlskälte von ‚gar-nichts-mehr-fühlen-können‘, Symptome die wir aus Depressionen und der Borderline-Erkrankung kennen, wo Selbstverletzung häufig ein Mittel zum ‚endlich-was-fühlen‘ ist. Denn wenn wir Gefühle unterdrücken (und das geht nun mal nicht selektiv), dann unterdrücken wir alles, was in uns lebendig ist. Oder es bricht sich schlagartig Bahn. Das passiert häufig dann, wenn wir wieder fassungslos vor dem Bildschirm sitzen, weil ein Amokläufer seine Klasse samt Lehrer erschossen hat. Meistens ein Mensch vom Typus ‚unauffällig und zurückgezogen‘. Ein Mensch, der nicht gelernt hat, mit seinen Gefühlen umzugehen, sie dementsprechend unterdrück, ja regelrecht betäubt (zum Beispiel mit Videospielen), bis sie von ihm Besitz ergreifen und es irgendwann zum Totalausbruch kommt. In all dem haben wir als Gesellschaft übrigens eine Verantwortung. Wenn ein Kind brüllt, weint, schreit, Angst hat, verzweifelt ist, traurig ist oder was es auch immer ist, womit es sich an uns wendet (auch Freude, im Übrigen), ist ‚Psst!‘ das Unangebrachteste, was es geben kann. Denn so lernt das Kind nicht, mit seinen Gefühlen umzugehen. Es kann nur lernen, mit meinen Gefühlen bin ich unerwünscht, also muss ich die weg machen. Wir als Gesellschaft dürfen unbedingt lernen, wieder mit Gefühlen umzugehen. Ich selbst habe keine Kinder, aber ich fühle mich jedes Mal schlecht, wenn ich meinen Hund ‚Psst‘!e. Es ist seine natürlich Form, sich mir mitzuteilen, mir zu sagen, dass ihm was nicht passt bzw. was er möchte. Mein Hund ist ein sehr lieber kleiner Kerl, der nicht viele Ansprüche an mich stellt. Die wenigen, die er an mich stellt, möchte ich auch erkennen können. Und sofern ich mich nicht in einem professionellem Umfeld befinde, muss auch ein Hund noch bellen können, ohne sich ständig ein ‚Psst‘! abzuholen. Vor allem nicht von Fremden, im Übrigen! Ich finde kaum etwas unverschämter, als wenn eine fremde Person meinen Hund ‚Psst!‘!. Sorry Leute, geht gar nicht!

‚Psst!‘ hat aber auch noch eine andere Dimension, die ich nicht mag. Geheimnisse. Dinge, die man von anderen fernhalten muss, die bestimmte Leute nicht hören dürfen. Und damit ist ‚Psst‘! auch ein Ausdruck von zurück gehaltener Kommunikation und vermutlich das absolute Hassgeräusch jedes Menschen, der irgendwann mal Opfer von Mobbing wurde. Denn ‚Psst!‘ kann hier eine richtige Waffe sein. Die Mobber sind sich dessen vielleicht nicht bewusst, aber das ‚Psst!‘ wird gehört und derjenige, wegen dem es geäußert wird, weiß sofort, was da los ist. ‚Psst!‘ ist wie eine Flagge, die laut ruft: Schaut mal her, hier ist das Geheimnis!.

Alles in allem ist diese Lautäußerung in meiner Wahrnhemung etwas zutiefst Trennendes. Wie gesagt, ich nutze es selbst, wenn auch mit Unbehagen. Aber dieses Unbehagen zeigt mir, wo ich gegen meinen persönlichen Instinkt gehe, weil ich ihm gerade irgendwelchen Konventionen opfere. Hat also auch was Gutes 😉

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2 Gedanken zu “Psst! Geheimnisse!

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