Dialogenes

„Mama?“ fragte das Mädchen und streckte den Kopf unter der Bettdecke hervor. Doch es erkannte sogleich, dass es nicht seine Mutter war, die im Zimmer stand.

„Wer bist du?“  rief es erschrocken und zog die Decke halb vors Gesicht.

„Du kennst mich“ sagte die große, dunkle, hagere Gestalt, die nur undeutlich zu erkennen war. Es klang jedoch weniger vertrauensvoll als erhofft. Mehr wie ein billiger Verkaufstrick.

„Nein, ich kenne dich nicht!“ protestierte das Kind. „Wer bist du? Maaaamaaaa!“ rief es fast panisch und rutschte weiter zurück, bis sein Rücken die kalte Wand berührte.

„Pssst! Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten. Ich bin das Gewissen“ versuchte die Gestalt zu beruhigen.

Das Kind blieb stumm und starrte den menschenähnlichen Schatten an.

„Das schlechte Gewissen“ ergänzte die Gestalt schließlich, nachdem keine weitere Reaktion von dem Mädchen kam.

„Du bist das schlechte Gewissen?“ fragte das Mädchen zögerlich und schob die Decke unter sein Kinn, um mehr sehen zu können. Das Gewissen wirkte nicht richtig körperlich wie es selbst, eher transparent und ohne klare Gesichtszüge. Nichts Angreifbares und doch glaubte das Mädchen darin eine Frau zu erkennen.

„Mein schlechtes Gewissen?“ fragte es neugierig geworden weiter.

„Nein!“ Das Gewissen lachte laut und schrill auf. Lachen war es nicht gewohnt. „Nein, dein Gewissen ist ja noch ganz jung, fast ein Baby. Das muss sich noch entwickeln. Ich bin ja schon viel ält… Aber das ist nicht wichtig.“ Das Gewissen räusperte sich. „Ich bin das schlechte Gewissen deiner Mutter.“

„Oh!“ Das Mädchen musste grinsen. „Ich wollte meiner kleinen Schwester ja nicht weh tun, aber sie greift immer meine Spielsachen an …“ sprudelte es aus dem Kind heraus.

„Ja, ja, ja. Pssst! Ich weiss. Ich kenne die Geschichte.“

„Aber warum hat mich Mama dann aufs Zimmer geschickt?“ fragte das Mädchen, hüpfte aus dem Bett und stellte sich vor das schlechte Gewissen. Nun wirkte es noch viel größer als zuvor. Das Mädchen musste den Kopf ganz in den Nacken legen, um mit dem Gewissen reden zu können.

„Weisst du, deine Mama ärgert sich manchmal, wenn ihr beim Spielen dauernd streitet und schreit. Aber am meisten hat sie sich darüber geärgert, dass du behauptet hast, deine Schwester wäre von selbst hingefallen. Sie hatte ja gesehen, was wirklich passiert war und war sehr enttäuscht, weil du ihr nicht die Wahrheit gesagt hast.“

„Es tut mir leid.“ murmelte das Mädchen.

„Ehrlichkeit ist wichtig.“ fügte das Gewissen noch hinzu, aber es klang fast ein bisschen zu pathetisch. Der kitschige Nachhall legt sich still über das Zimmer. Solche Moralkeulen wurden sonst nur in Filmen geschwungen, wenn sich am Ende der geläuterte Saulus als herzlicher Paulus in die Arme seiner Familie wirft und alle einander alle begangenen Fehler verzeihen.

„Die Mama schimpft immer dann mit uns, wenn sie Kopfweh hat? Dann sagt sie dauernd ‚Pssst, seid doch leise!‘ und dass der Föhn schuld wäre, aber ich habe heute noch gar nicht Haare gewaschen! Und ich kann doch gar nichts dafür, wenn sie Kopfweh hat.“ klagte das Mädchen jetzt, um von seiner kleinen Lüge abzulenken.

Das schlechte Gewissen nickte. „Siehst du, genau deshalb wurde ich geschickt. Das mit dem Föhn muss ich dir noch erklären, da geht es nämlich nicht um den Föhn, den ihr im Badezimmer habt, sondern ums Wetter.“

„Das Wetter? Aber Wetter gibt es doch immer!“ rief das Mädchen erschrocken.

Das Gewissen musste schmunzeln. Diese Unterhaltung machte sogar ein klein wenig Spaß, auf jeden Fall war sie ganz anders als die Gespräche, die es gewöhnlich zu führen hatte.

„Komm, wir setzen uns, und dann erkläre ich dir alles…“


Das Bild dazu und die Inspiration stammen von Gerda Kazakou: Von Freitag zu Freitag Dialoge erfinden

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7 Gedanken zu “Dialogenes

  1. Hat dies auf Mein Name Sei MAMA rebloggt und kommentierte:

    Gerda Kazakou hat auf ihrem Blog die Idee „Dialoge erfinden“ ins Leben gerufen und als Inspiration ein sehr interessantes selbst gezeichnetes Bild gepostet. Der Dialog, der mir dazu einfiel, dreht sich auch um „Pssst!“, nämlich Pssst, Ruhe bitte! und Pssst, ich weiß Bescheid – passend zum Wochenthema auf dem Mitmachblog. Aber genug Prolog …

    Gefällt mir

  2. Ach, NennmichMama, deine Geschichte ist so was von toll, es übersteigt alle meine Erwartungen. Du bist eine fabelhafte Erzählerin, Dialogisiererin und Erzieherin deiner Kinder. Brauchst eigentlich kein schlechtes Gewissen zu haben. Sei lieb gegrüßt! Gerda

    Gefällt 3 Personen

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