Dr. Rumpelstilz erzählt.

Sie erlauben, dass ich mich Ihnen vorstelle. Ich bin Dr. Rumpelstilz. Sie schmunzeln? Tun Sie das nicht! Das ertrage ich nur schlecht. Sie müssen wissen, dass ich früher immer nur das Rumpelstilzchen hieß. Das waren noch Zeiten, ich sage es Ihnen. Da gab es zarte Prinzessinnen und leichtgläubige Menschen. Na gut, leichtgläubige Menschen gibt es heute auch noch. Reichlich.

Könnte ich vielleicht ein Glas Whisky haben? Ich sehe, sie haben da eine Flasche dieses wunderbaren Getränks stehen. Meine Kehle ist ganz trocken und vielleicht fällt mir das Reden dann leichter …

Früher war ich im Geheimen tätig. Man wusste nicht viel von mir. Doch dann kam mein letzter Job und der ging so dermaßen schief, dass ich mich für lange Zeit aus dem Geschäft zurückzog. Der Königssohn hatte eine Müllerstochter zu sich geholt. Deren Vater hatte seinen Steuereintreibern vorgemacht, die schöne Tochter könne Stroh zu Gold verspinnen. Was dem Königssohn wirklich Recht gekommen wäre, weil seine Staatskasse deprimierend leer war. Also ließ er es drauf ankommen, er glaubte Vater und Tochter ohnehin kein Wort. Aber wenn doch … dann wollte er sie zu seiner Königin machen. In ihrer Not hat sie um Hilfe gefleht in ihrer Kammer voll Stroh. Ich dachte damals: „Hey, super. Das könnte Spaß machen. Eine neue Herausforderung. Ich schau mal, wie ich helfen kann.“ Ich bin ein hilfreicher Mensch, glauben Sie mir. Aber alles hat eben auch seinen Preis. Alles hätte sie mir gegeben in ihrer Verzweiflung. Also verlangte ich von ihr das erstgeborene Kind, wenn sie erst Königin wäre, was sie mir sofort versprach. Weil sie dachte, es würde niemals so weit kommen.

Alle wissen um den Ausgang der Geschichte. Dreimal habe ich Stroh zu Gold versponnen. Sie war glücklich. Der Königssohn war glücklich. Friede, Freude, Eierkuchen. Eine Hochzeit obendrein. Trallala. Und dann bekam die Königin ihr erstes Kind. Aber hergeben wollte sie es nicht mehr. Weil sie gar so heulte und flehte, gab ich ihr drei Tage Frist, meinen Namen herauszufinden. Ich weiß bis heute nicht, wie sie es geschafft hat. Aber zuletzt schrie sie mir meinen Namen ins Gesicht. Es war der wirklich übelste Job, den ich jemals hatte. So viel Arbeit. Dann die lange Wartezeit. Und schließlich gar nichts. Außer Spesen nichts gewesen.

Was? Das Stroh und das Gold? Ach, da hat irgendein Schreiberling im Laufe der Jahre falsch abgeschrieben. Flachs habe ich zu Leinen versponnen. Feines Leinen war sehr gefragt. Nichts sonst war das.

Sie fragen, warum ausgerechnet das Kind? Hören Sie mich seufzen. Ja, das war so. Meine Frau wünschte sich so sehr ein Kind. Aber sie war niemals guter Hoffnung. Tagaus tagein lag sie mir in den Ohren. Ich sei schuld mit meinen üblen Machenschaften. Es läge ein Fluch auf uns. Ich liebe meine Frau. Natürlich wollte ich sie glücklich sehen. Also probierte ich es einfach bei der Königin. Fast hätte es geklappt. Sie meinen, ich hätte eines stehlen können? Ja, das wäre eine Möglichkeit gewesen, aber das wollte meine Frau nicht.

Nach diesem Job musste ich mich neu orientieren. Ich fühlte mich ausgebrannt und leer. Ich studierte jahrelang die Rechtsverdreherei Rechtswissenschaften und wurde Anwalt. Irgendwann war mir das zu langweilig. Meine Frau und ich nahmen ein Kind auf, dass ich von der Straße auflas. Sie war glücklich. Ich frustriert. Und so kam das Unvermeidliche. Ich verband mein neu erworbenes Wissen mit meinen alten Erfahrungen und stieg wieder ins Geschäft ein.

Sie glauben ja nicht, wie leicht das war. Mit dem Hokuspokus von früher will heute keiner mehr was zu tun haben. Erstgeborenes Kind als Gegenleistung brauche ich keines mehr. Manchmal frage ich aber trotzdem noch danach. Einfach weil es Spaß macht, das Entsetzen in den Gesichtern zu sehen. Geld ist heute aller Leute Begier. Dazu ein wenig Druck hier. Ein wenig Erpressung da. Schmiergeld an den richtigen Stellen. Es ist so einfach. Erst neulich war da diese alleinstehende Frau. Lebt in einem Stadthaus mit einem Koch und einem Kindermädchen. Wozu das Kindermädchen weiß ich nicht. Kinder sind keine da. Seltsame Situation. Sie wollte ihr Elternhaus verhökern. Eine alte Bruchbude von einem Schloss. Dornröschen oder so hieß sie. Schaut zauberhaft aus. Ist aber eine beinharte Verhandlerin. Fast war ich froh, als das Geschäft wieder abgeschlossen war. Obwohl sie mich wirklich sehr herausgefordert hat.

Ach wären Sie so nett und schenken mir noch einmal ein? Nicht so schüchtern! Füllen sie ordentlich Whisky ein. Oder gönnen Sie mir diesen edlen Tropfen etwa nicht? Wo waren wir stehen geblieben …

Sie glauben ja gar nicht, wie verrückt manche Menschen nach so alten Ruinen sind. Ich hätte es ja abgetragen und schicke Wohnungen gebaut. Ich bin Geschäftsmann, müssen Sie wissen. Werde heute Dr. Rumpelstilz genannt. Was ein etwas unglücklicher Name ist, weil ich kleingewachsen und mit krummen Beinen auch genau so aussehe. Aber die schadenfrohen Stimmen verstummen schnell, wenn es ans Geschäftliche geht.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Ich bin in die Jahre gekommen und bin müde. Vielleicht bin ich deshalb so redselig geworden. Meine Frau lebt jetzt bei unserem Sohn und kümmert sich um ihn und seine Familie. Dabei sollte sie sich um mich kümmern. Ich sei ja mittlerweile mit meiner Arbeit verheiratet, sagt sie. Es läuft nicht mehr alles zum Besten. Vielleicht sollte ich mich zur Ruhe setzen …

Aber Sie kennen das sicher. Ich mag meine Arbeit. Ich mag das Geld klimpern hören, wenn wieder ein Auftrag erledigt ist. Ich freue mich an den zufriedenen Gesichtern meiner Auftraggeber. Selbst die entsetzen Mienen meiner Gegenparteien befriedigen mich in gewisser Weise.

Doch nun entschuldigen Sie mich! Es wartet einer meiner Klienten. Man sollte die Geduld nicht über Gebühr strapazieren. Nur ein wenig warten lassen, damit sie nicht glauben, ich wäre genau auf sie angewiesen. Oder wollten Sie mich geschäftlich sprechen? Haben Sie womöglich einen etwas kniffeligen Auftrag für mich? Immer her damit! Am besten machen Sie einen Termin mit meiner Sekretärin aus.

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3 Gedanken zu “Dr. Rumpelstilz erzählt.

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