Der Knalleffekt

Das Elternkomitee tagt. Die Schulaufführung muss geplant werden. Die Kinder haben sich Rumpelstilzchen gewünscht, weil sie dachten es hätte was mit Pokemon Rumble und einem Monster, das stiehlt, zu tun.

Väter und Mütter kauern auf viel zu kleinen Stühlen in einem Sesselkreis, ein Blatt auf dem Schoß. Das Märchen muss adaptiert werden. Kindgerecht und zeitgemäß solle es werden, hat die Lehrerin erklärt.

„Also, König und Königin geht gar nicht. Wir leben in einer Demokratie, da brauchen wir keine Werbung für Adel und Stände!“ wagt sich ein Vater vor und streicht für alle gut sichtbar das Wort König auf seinem Ausdruck durch. Bürgerliche Revolte auf dem Papier, ha!

Die Lehrerin nickt und schreibt mit quietschender Kreide an die Tafel:

Es war einmal in einem demokratischen Land ein …

„Was nehmen wir dann stattdessen? Wer hat eine Idee“ fragt sie in die Runde, in ihrem üblichen Stundenmitarbeitseinladungstonfall.

„Vielleicht einen leitenden Angestellten. Bisher hat er nur an die Karriere gedacht, hatte keine Zeit für eine dauerhafte Beziehung. Das würde doch passen?“ meldet sich eine übereifrige Mutter und schaut erwartungsvoll in die Runde. Alle starren stumm auf die Zettel.

„Gut.  .. ein leitender Angestellter“ nimmt die Lehrerin den Vorschlag ohne Gegenstimme an.

„Jungfern werden die jungen Frauen heute auch nicht mehr genannt“ murmelt ein anderer, der schon weiter gelesen hat.

„Aber nur, weil es keine mehr gibt“ hört man einen anderen süffisant ergänzen. Kichern unter den Männern, böse Blicke einiger Frauen.

„Mit Müllern und Spinnrädern können die Kinder heutzutage nichts anfangen“ meint ein Vater und schüttelt den Kopf. „Die Kinder glauben dann höchstens es geht um Handelsketten und Insekten auf Mopeds …“

„Spinnen sind keine Insekten“ korrigiert die Lehrerin. „Aber ich sehe, worauf sie hinaus wollen.“

„Gesponnen wird nur noch zu Hause, wenn er nicht tut, was sie will“ meint ein wohlbeleibter Vater und grinst. Allgemeines Gemurmel. Die Lehrerin klopft mit dem Kugelschreiber auf ihren Schreibtisch: „Bitte konzentrieren Sie sich!“ schallt die strenge Ermahnung durch das Klassenzimmer.

„Müller ist Schleichwerbung, der muss raus aus dem Stück!“ ereifert sich eine Mutter.

„Oder wir bringen noch einen anderen Drogeriemarkt ins Spiel, vielleicht einen mit Biolebensmittel und veganer Kosmetik. Das Kind muss ja auch einmal einkaufen gehen, das Stück wäre ja sonst völlig unrealistisch“ schlägt eine andere vor und erntet böse Blicke von allen Seiten.

„Ich mein‘ ja nur …“ ergänzt sie kleinlaut.

„Wir sagen statt Müller einfach Bäcker, das ist neutral“ versucht die Lehrerin die Spannung zu lösen und malt das Wort Bäckerstochter an die Tafel.

„Statt dem Spinnrad könnte das Rumpelstilzchen doch eine App haben, die alles in Gold verwandelt, was man fotografiert“ schlägt ein Vater vor, um die leidvolle Sitzung rasch zu einem wenig rühmlichen Ende zu bringen.

Schweigen.

„Klingt nach James Bond“ sagt schließlich einer.

„Na ja, so lange die App keine Menschen in Gold verwandeln kann, wäre es für mich o.k.“ kommt Unterstützung für den Vorschlag von einer Mutter. „Dafür muss aber die Szene mit der arrangierten Hochzeit raus. Sie wurde da gar nicht gefragt, ob sie das überhaupt will. Ehe ist sowieso veraltet. Und aus dem Mädchen machen wir eine junge Frau auf Arbeitssuche, sonst kommen wir noch in Teufels Küche“

„Oder in die vom Rumpelstilzchen“ wirft einer oberschlau ein.

„Oder in jene des Rumpelstilzchens, muss es heißen. Genitiv, bitte!“ korrigiert die Lehrerin automatisch. Der Gemaßregelte verzieht säuerlich den Mund, während die Lehrerin

arbeitslos, kein Eheversprechen

notiert.

Die Sache mit dem versprochenen Kind wird schließlich einstimmig und zur Gänze  gestrichen. Es bleibt nur noch die Überarbeitung von Rumpelstilzchens zornigem Ende.

„Also zerreissen darf es sich nicht, da könnten wir ja gleich World of Warcraft aufführen lassen.“ erklärt ein Vater.

„Großartige Idee!“ grinst der Dicke.

Die Lehrerin kneift die Augen zusammen und schüttelt den Kopf.

„Wie wäre es mit einem Knall, ein bisschen Nebel und das Rumpelstilzchen ist einfach vom Erdboden verschwunden?“ versucht sich eine Mutter als Drehbuchautorin.

Die Lehrerin ist entzückt. „Aber zu laut darf das nicht sein, sonst erschrickt sich noch jemand“ und mit Kreide schreibt sie groß und deutlich an die Tafel:

Finaler Knalleffekt, aber leise

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12 Gedanken zu “Der Knalleffekt

  1. Lustig! Ich hoffe doch sehr, dass diese Geschichte nur ausgedacht ist. Ein kribbeliges Gefühl in mir fordert mich auf, über „Kinder brauchen Märchen“ nach Lehrerinnenart zu dozieren. Mit Märchen habe ich so wunderbare Erfahrungen in der Schule gemacht…..Ach, ist doch zum Glück keine wahre Geschichte, oder?

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