„Es ist viertel vor!“

Den Begriff Zeitverschiebung, verbinde ich ausnahmlos mit Zeit. Und Zeit wiederum gehört untrennbar zu Uhren. Dabei ist Zeit als solche furchtbar relativ und äußerst dehnbar. Ich besitze deshalb auch keine Uhr. Alle Uhren die ich mal besessen habe, wurden im besten Fall ein einziges Mal getragen und dann nie wieder. Ab einem Alter von 14 Jahren, habe ich keine Uhr mehr an mein Handgelenk heran gelassen und bekam ich doch eine geschenkt, bedankte ich mich und sie landete in meinem Schmukkästchen, wo sie heute noch liegt, allerdings schon vor langer Zeit ihre Funktionstüchtigkeit eingestellt hat.

Das lag nicht etwa daran, dass ich der Zeit keine Bedeutung beigemessen hätte, eher im Gegenteil. Mein Problem war anders geartet und ist es heute noch.

Als man versuchte mir im zarten Alter von 6 Jahren das Lesen der Uhr beizubringen scheiterte man nämlich Gnadenlos an meinem Unverständnis für Zahlen. Ich begriff zwar irgendwann, dass die dicken Striche auf der Uhr volle Stunden sein sollen, aber nie, wo man mit dem Zählen beginnen muss. Ich vertauschte ständig den kleinen Zeiger mit dem großen Zeiger. Was natürlich den Vorteil hat, dass einige Stunden Wartezeit enorm schnell rumgehen. Das bringt nur nicht besonders viel, wenn die restliche Welt in einer anderen Zeitzone als man selbst lebt. Auch begriff ich, dass zwischen den dicken Strichen immer 5 Minuten liegen. Daher konnte ich das 5er Einmaleins auch vor allen anderen. Aber auch das bringt nichts, wenn man nicht in der Lage ist, zu erkennen, wenn gerade nur 1 Minute vergangen ist. Wenn mich also jemand fragte, wie viel Uhr es ist und es war gerade 5 Minuten nach 10 Uhr, dann war das kein Problem. Wenn es aber gerade erst 3 Minuten nach 10 Uhr waren, war die Frage für mich nicht mehr zu beantworten! Völlig unlösbar wurde die Frage, wenn die Uhr nur die Stunden anzeigte, aber keine Minuten. Oder, noch besser, die Uhren, die einfach nur ein leeres Ziffernblatt besitzen und zwei Zeiger, die man dann auch noch unterscheiden können muss! Den Uhrendesigner hätte ich wahnsinnig gerne einmal kennengelernt, um ihm ordentlich den Marsch zu blasen! Und von römischen Zahlen auf dem Ziffernblatt sprechen wir besser gar nicht erst …

Wenn meine Mutter dann auch noch mit Ausrufen wie: „Jetzt schlägt’s aber 13!“ um die Ecke kam, irritierte mich das zusätzlich. Vor allem, wenn ich auf die Uhr schielte und der Meinung war, der große, dicke Zeiger stünde ja eigentlich irgendwo bei 15 Uhr. Das sorgte dafür, das ich dachte, dass scheinbar jede Uhrzeit auch 13 Uhr sein konnte, oder aber, ich mal wieder die Zeiger vertauscht haben musste.

Nachdem ich einige Jahre lang mit großem Erfolg immer und ausnahmslos die falsche Uhrzeit abgelesen hatte, beschloss ich, das Uhren doof sind. Und unnütz. Weil … es gab ja noch Digitalwecker! Und die schreiben die Zahlen für einen so aus, dass sie auch ein Trottel wie ich ablesen konnte. Leider bekam ich nie eine digitale Armbanduhr geschenkt. Vornehmlich lag das wohl daran, dass meine Eltern der Meinung waren: „Irgendwann muss es das Kind ja lernen!“ und „Digitale Anzeigen ablesen, ist nur für faule Menschen und das kann ja jeder.“ – Wunderbar! Ich war faul und ich wollte gern wie jeder sein. Das Argument setzte sich aber nie durch.

Zuhause brauchte ich zumindest keine Uhr. Da gab es Radio, welches mir immer mal wieder sagte, wie spät es ist. Es gab Fernsehen und ich lernte, die Zeit anhand der gerade ausgestrahlten Sendungen einzuschätzen. Ich hatte auch äußerst gut funktionierende Eltern, die mir immer (auch ungefragt) erzählten, wie spät es gerade ist und mich brav an irgendwelche Termine erinnerten und das ich nun langsam mal los müsste. Am morgen trommelte mich entweder mein Vater aus dem Bett, oder mein Wecker, der aussah wie ein übergroßes Hühnchen, krähte Laustark und teilte mir auf diese unverschämte  Weise mit, dass es Zeit wäre aufzustehen, um (vielleicht) zur Schule zu gehen.

In der Schule gab es die schrillende Pausenglocke, die mir mitteilte, wann der Unterricht oder die Pause startete und endete. Und musste man sich doch mal früher irgendwo einfinden, dann orientierte ich mich an verlässlichen Mitschülern. Aufgrund unterschiedlicher Schulfächer wusste ich immer ziemlich genau, welche Stunde wir gerade haben und wann die Schule vorbei sein würde. Nie wäre dort jemand auf die Idee gekommen, das Kleintally die Uhr nicht lesen kann.

Problematisch wurde es erst, wenn ich außerhalb meiner eigenen vier Wände und Schule unterwegs war. Wollte ich da die Zeit wissen, musste ich andere Leute fragen. Je nachdem, kann das ziemlich peinlich werden, wenn man nach der Uhrzeit fragt, während ein riesiger Kirchturm plus Kirchturmuhr hinter einem in die  Höhe ragt. Die Entschuldigung, dass man seine Brille zu Hause vergessen habe und deshalb leider die Zeit nicht ablesen könne, zog aber immer. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich tatsächlich eine Brille trug und vergas, sie vorher abzunehmen. Die alte Dame, die ich nach der Uhrzeit fragte, sah mich zumindest reichlich angesäuert an und dachte wahrscheinlich, ich wollte sie veräppeln. Die Uhrzeit hat sie mir zumindest nicht verraten. Was auch ganz furchtbar war und was ich auch heute noch absolut grauenhaft finde, ist die Aussage:

„Es ist viertel vor!“ Viertel vor WAS?! Vor Weltuntergang?! Vor Vulkanausbruch?! Vor Ladenschluss?! Vor Kirchturm?! Vor Nuklearkatastrophe?! WENN ich wüsste, welche Stunde es geschlagen hat, würde ich doch verdammt noch mal nicht nach der Zeit fragen?! WAS denken sich diese Leute eigentlich dabei?! Ernsthaft! Wie funktioniert das?! Ich verstehe das bis heute nicht.

Jedenfalls lernte ich die ersten richtigen Ansätze zum Uhren lesen erst mit 16 Jahren. Den Feinschliff bekam ich schließlich im Alter von 23 Jahren von meiner damaligen Chefin. Später, im Alter von ca. 25 Jahren bekam ich mein erstes Handy und zu meiner großen Freude, besaß dieses Handy eine eigene Uhr. Und zwar digital! Wobei ich es zugegebenermaßen als ziemlich belastend fand, nun immer zu wissen wie spät es ist und wie lange ich noch würde arbeiten müssen oder wie wenig Zeit mir noch vom Tag bliebe, bis ich ins Bett gehen sollte, weil ja in ca. 4 Stunden schon wieder der Wecker klingelt. Ohne Uhr war das Leben definitiv ein wenig entspannter und auch ein bisschen überraschender.

Heute kann ich sie zumindest lesen, also die Uhr. Manchmal. Ich weiß theoretisch zumindest wie es funktioniert. Gut. Sagen wir wie es ist: Ich kann es, aber meine Aussagen bezüglich der Uhrzeit sind nicht immer ganz akurat. Aus irgendeinem Grund verschieben sich bei mir nämlich gerne die Stunden. So kann aus 16:00 Uhr auch mal ganz schnell ein 14:00 Uhr oder 17:00 Uhr werden. Ich empfinde es daher als sehr unangenehm, wenn man mich nach der Uhrzeit fragt. Meist antworte ich dann: „Ich schätze, es ist kurz nach 12 Uhr.“ Und das ohne, auf eine Uhr geschaut zu haben. (Selbst, wenn ich eigentlich nur auf das Handy gucken müsste. Macht der Gewohnheit.) Stattdessen gucke ich aus dem Fenster und sondiere anhand der Sonne und den Lichtverhältnissen, wie spät es sein könnte. Erstaunlicherweise liege ich mit meiner Einschätzung meistens richtig. Und liege ich doch mal daneben und es ist dann eher kurz vor 14 Uhr, so liegt das bloss an meiner persönlichen Zeitverschiebung.

Ergo: Wer mich nach der Uhrzeit fragt und mir keine Digitalanzeige unter die Nase hält, muss damit leben, dass er sich, je nach meinem Befinden, kurzerhand in einer anderen Zeitzone wieder findet. Immerhin gibt es dabei eher selten einen Jetlag.

Wenn ich eine Uhr nur flüchtig ansehe, ohne mich zu konzentrieren, dann sieht sie im Übrigen für mein Gehirn genau so aus:

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