… iacta est

Smombies. Die einzigen, denen ich auf meinem Heimweg in der Wohnsiedlung noch begegne, sind Smombies. Schwach blau beleuchtete Gesichter von den Smartphone-Displays, auf die sie starren, statt auf den Weg oder ihre Umgebung zu achten. Fast gespenstisch. Smombies mit Hunden und Smombies mit Kopfhörern. Texten, lesen und gehen. Alle anderen sind schon brav zu Hause und essen zu Abend, sehen fern oder vertreiben sich anders die Zeit in ihren vier Wänden. Es ist noch zu kalt, um im Garten oder auf der Veranda zu sitzen und es ist ein Wochentag. Dienstag oder Mittwoch. Ich muss überlegen.

Ich schleppe Einkaufstaschen. Deshalb kann ich nicht auf mein Handy schauen, sondern nur anderen dabei zusehen, wie sie durch die Gegend stolpern, hier und doch in einer anderen Welt. Mir tun Smombies fast leid. Ich muss nicht beim Gehen surfen, texten oder sonst was tun. Beim Gehen gehe ich. Punkt.

Da sitzt eine komische Gestalt auf der Bank am Kirchenplatz. Ich umklammere den Schlüssel in meiner Hand noch ein bisschen fester und beschleunige meine Schritte. Die Augen fest auf den Fremden gerichtet. Solange er nicht herschaut, behalte ich ihn lieber im Auge.

Natürlich hebt er den Kopf als ich an ihm vorbeigehe und ich bleibe wie angewurzelt stehen, stoße sogar einen spitzen Schrei aus. Schwerer Fehler, vermutlich.

Der Fremde sieht mehr als nur eigenartig aus. Er ist ganz eindeutig nicht von dieser Welt, und das nicht im übertragenen Sinn! Gelb leuchtende Augen, fünf oder sechs Stück in einer Reihe, quer über der Stirn. Statt Haut eher so etwas wie Gummi. Eigentlich sollte ich davonlaufen, so schnell ich kann. Einfach die Taschen fallen lassen und schauen, dass ich lebend davon komme, aber es ist wie in meinen schlimmsten Albträumen. Die Beine gehorchen mir nicht. Ich stehe einfach nur da, unfähig mich zu bewegen oder auch nur einen Pieps herauszubekommen, völlig starr vor Schreck und sehe in Zeitlupe wie sich das Etwas erhebt und mindestens zwei Köpfe größer ist als ich, wie es da jetzt so vor mir steht. Und dann passiert etwas Seltsames. Das furchteinflößende Etwas redet mich an. Freundlich. Mit einer Kinderstimme.

Ich weiß gar nicht wie lange es dauert, bis ich den Mund wieder schließen kann. Der Unterkiefer klappte einfach von selbst nach unten und die Muskeln streikten angesichts meines außergewöhnlichen Gegenübers. Völlige Befehlsverweigerung in meinem Körper.

Nach einer gefühlten Ewigkeit bringe ich ein gehauchtes „Hallo“ heraus, das jedem Erotikkanal Ehre gemacht hätte. Ich räuspere mich, um meine Stimme und ein kleines Stückchen meiner Fassung wieder zu finden.

„Hallo!“ quäkt das Etwas noch einmal. „Können mir helfen?“ Und dann verzieht es sein Gesicht zu einer Grimasse, die ganz entfernt an ein Lächeln erinnert. Aber eigentlich doch eher an die Fratze, die man macht, nachdem man einen Shot Tequila getrunken hat und in die Zitrone beisst. Etwas ähnlich starkes Hochprozentiges hätte ich jetzt auch gerne.

„Büüüte!“ bettelt das Etwas und seine kleinen Augen strahlen mich – im wahrsten Sinne des Wortes – an. Alle fünf.

„Äh, was brauchen Sie denn?“ frage ich schließlich und weiche – endlich – einen Schritt zurück. Das Etwas hat extrem lange Arme und wo die Hände sein sollten schauen becherartige knöcherne Schaufeln unter dem Ärmel hervor. Ich taumle noch weiter zurück, unfähig meine Augen von seinen Händen zu nehmen.

„Ich brauche ein Würfel“

„Einen Würfel?“ wiederhole ich ausbessernd und glaube, meinen Ohren nicht mehr trauen zu können. Was will ein Außerirdischer mit einem Würfel. Alles Mögliche hätte ich erwartet, aber nicht das.

„Ich brauche ein Würfel. Büüüte!“ sagt es wieder, ohne meinen Hinweis auf  die falsche Deklination zu beachten. Nun gut, im Moment ist die Grammatik auch nicht meine größte Sorge. Fast automatisch möchte ich antworten, dass ich leider keinen Würfel habe, da fällt mir ein, dass meine kleine Tochter heute morgen einen in meine Handtasche geschummelt hat. In der Arbeit erst habe ich ihn entdeckt.

„So etwas?“ frage ich und krame das Holzding unter Geldbörse, Taschentüchern und anderen lebensnotwendigen Dingen, die man so mit sich herumschleppt, hervor, nachdem ich die Einkaufstaschen abgestellt habe –  bevor ich ebenso lange Arme wie das Alien bekomme.

„Nein! Nein!“ ruft das Etwas und nickt dazu euphorisch. Ich glaube es meint „Ja! Ja!“, denn ehe ich mich’s versehe, umarmt mich der Fremde und im nächsten Moment kullert mein Würfel in seinen Becher-Schaufel-Händen.

„Spiel!“ ruft er.

„Hä?“ frage ich.

„Alien iacta est! Alien iacta est!“ höre ich das fünfäugige Gummimonster mit kindlicher Begeisterung rufen.

„Es heißt doch alea iacta est“ werfe ich erneut oberlehrerhaft ein. So sind sie nunmal, die Neunmalklugen, können nie ihren Mund halten, wenn sie glauben, jemand hat etwas Falsches gesagt.

„Ja! Alien iacta est“ herrscht mich das Etwas fast zornig an.

Na super, da treffe ich ein Alien und dann beleidige ich es. Sehr klug.

Mit seinen seltsamen Händen schiebt er mich auf die Bank und setzt sich dicht neben mich. Die Schaufel-Becherhand liegt in meinem Schoß, mein Würfel darin.

„Wir haben Spiel Alien iacta est. Wer gewinnt, darf die Zeit so verschieben wie will. Dann fällt Verlierer aus der Zeit. Geburtstag weg, Verlierer weg!“ das Etwas macht grunzende Geräusche. Ich vermute es soll ein Lachen sein.

Ich starre von der Seite in das Gummigesicht. „Lustig“ sage ich, ohne zu lächeln. Mir ist eher nach Heulen zumute.

„Nicht lustig“ antwortet das Etwas. „Ich war Verlierer.“

„Oh!“ werfe ich schnell ein und grüble, was das bedeutet. Dass das Etwas neben mir nicht nur von einer anderen Welt stammt, sondern auch ohne Geburtstag ist? Ein lebender Toter, eine Art Zombie? Ach wie sehne ich mich gerade nach einem einfachen, gewöhnlichen Smombie.

„Oh!“ sage ich nochmals und versuche betroffen drein zu schauen. „Ich meinte ja nur, dass es lustig ist, dass es bei uns einen berühmten Spruch gibt, der stammt von Cäsar und er heißt alea iacta est.“

„Alien iacta est“ verbessert mich das Alien. „Ich kenne Cäsar. Was du meinst, woher Cäsar  gekommen?“ fragt mich das Etwas und schaut mir lange erwartungsvoll in die Augen und ich glaube in seinem absonderlichen Gesicht ein verschmitztes Lächeln zu erkennen.

„Oh!“ stammle ich wieder. „Ein Verlierer der Zeitverschiebung? Und die landen dann alle auf der Erde? Wie das denn?“ höre ich mich fragen, greife schnell nach meinem Würfel und schwöre mir selbst, meinen Geburtstag nicht zu verraten und – sollte ich das hier überstehen – meinen Kindern Lateinunterricht zu ersparen.

„Ich sage dir,wenn du Spiel machst“ antwortet das Alien und hält mir seine Würfelbecherhand unter die Nase.

Soll ich es wagen? Meine Neugierde ist groß, mein Angst auch.

Da fällt mir der Würfel aus der Hand und rollt auf den Gehsteig. Ich glaube das Spiel hat begonnen.

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5 Gedanken zu “… iacta est

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