„Auf gar KEINEN Fall!“

Sätze wie: „Raus damit!“ oder „Du musst aber noch …!“ sind meine persönlichen Alptraumsätze und haben in etwa die selbe Wirkung, wie „Schatz! Lass uns heute mal wieder Kartoffeln essen!

Wie viele in meiner Familie mütterlicherseits, habe ich nämlich ein Problem damit, mich von Dingen zu trennen, die nicht mehr gebraucht werden. Außerdem neige ich dazu, Sachen zu sammeln, von denen ich denke: Irgendwann mach ich daraus noch etwas hübsches!

Bei ersterem handelt es sich meistens um altes Kinderspielzeug meinerseits. Für mich sind das ‚lebende‘ Fossilien aus einem anderen Leben. An einem blauen, kleinen Plastikschlumpf kleben Erinnerungen von einem Grillfest, das womöglich schon 20 Jahre her ist, ein gelber Teddybär erinnert an längst vergangene Urlaube usw. usf.  Abgesehen  davon, hat es einmal eine Zeit gegeben, in denen ich diese Spielzeuge unheimlich geliebt habe. Wie herzlos erscheint es mir da, einfach den blauen Sack aufzumachen und sie dort hinein zu stopfen, als hätte ich nie etwas für sie empfunden?!

Bei letzerem geht es um Dinge, die man als Bastelmaterial verwenden könnte. Sofern man denn gerne bastelt und so ein richtiger DIY-Typ ist. Ich bin kein solcher Typ. Bedauerlicherweise habe ich zwar die nötige Kreativität und das Vorstellungsvermögen, aber mir fehlt es an Umsetzungselan bzw. an Zeit und wenn ich die Zeit habe, dann fülle ich sie lieber mit anderen Aktivitäten, weil mir der Bastelaufwand am Ende doch zu groß ist. Und die Sauerrei, die ich dabei veranstallten würde, die ja dann ICH wegputzen müsste, schreckt mich ebenso ab, wie die Tatsache, dass das was ich basteln will, was in meiner Vorstellung phantastisch anmutet, in der Realität aussehen wird, wie etwas, was man doch lieber wegschmeissen möchte. Ich horte also immer eine ganze Weile Zeug an, bis mein Mann mit einem ärgerlichen: „Raus damit!“ mich dazu zwingt, alles in den Müll zu werfen. Immerhin habe ich dann wieder Platz um neues sinnloses Zeug anzuhäufen.

Als Kind sorgte diese Charaktereigenschaft für ein immer volles und vor allem nicht zu durchdringendes Kinderzimmer. Egal wie oft meine Mutter auch die Peitsche ausrollte und versuchte mich dazu zu bringen für Ordnung zu sorgen und vor allem zu „entmüllen“, ich tat es erstens nicht und zweitens wäre es mir gar nicht möglich gewesen. Ein Glück hatte ich einen sehr großen Kleiderschrank, in dem man möglichst viele Dinge verstauen konnte.

Im Laufe der Zeit und vor allem nachdem mein jetziger Ehemann bei uns einzog, trat ganz allmählich eine Besserung ein. Zunächst trennte ich mich vom ‚Müll‘, da dieser einfach nicht in unser gemeinsames Zimmer gepasst hätte. Meine ‚Spielsachen‘ blieben zum größten Teil vorerst in meinem alten Zimmer. Als meine Mutter dieses dringend benötigte, packte ich meine Plüschtiere und diversen anderen Krimskrams brav in Kisten und lagerte alles in der Garage ein, wo es im Laufe der Jahre in Vergessenheit geriet. Bei unserem Umzug landeten erstmalig ein paar kleinere Dinge im Müll. Ein anderer Teil verschwand erneut in Kisten und zog zwar mit um, fand aber nie den Weg in unsere gemeinsame neue Wohnung. Stattdessen blieben die Sachen im Keller und auch diese gerieten irgendwann in Vergessenheit. Macht aber nichts. In den kommenden Jahren ergaben sich diverse Möglichkeiten neues Zeug anzusammeln. Dieses verschwand erst bei unserem ersten und bisher einziges Umzugsversuch in Kisten und leisteten dann den anderen Kisten im Keller alsbald gute Gesellschaft.

Irgendwann, vor einiger Zeit, tauchte mein Onkel bei uns auf. Meiner Mutter war es endlich gelungen das alte Haus zu verkaufen und war nun dabei alles für ihren großen Umzug vorzubereiten. Das bedeutete auch, sie hatte die Garage entmüllt und die prähistorischen Kisten wieder gefunden, die ich vor anno dazumal dort eingelagert hatte. Während mein Mann also einen halben Herzinfarkt bekam, als er die unmengen an Kisten sah, welche mein Onkel auf Geheiß meiner Mutter aus seinem Transporter in unsere Garage einlud, frohlockte ich innerlich. Für mich war das wie Weihnachten und Geburtstag zusammen! Ich musste unbedingt alle Kisten aufmachen und sehen, was ich darin (wieder)finden würde. Durchaus mit dem Hintergedanken, dass ich natürlich ALLES behalten würde wollen. Geistig schaffte ich im Haus bereits Platz für ehemalige Lieblingsdinge, von denen ich wusste, dass sie sich IRGENDWO in diesen Kisten befinden müssten. Mein Mann tat also Recht daran perlweiß im Gesicht neben mir die Garage zu betreten und an seinen Fingernägeln zu nagen.

Die ersten beiden großen Kisten waren voller alter Kinderbücher. Darunter auch einige uralte Schätze aus Kindertagen meines Vaters. Um so bedauerlicher war es, dass die Kisten nicht wasserdicht gewesen waren und es irgendwann einmal in die Garage hinein geregnet haben musste. Sämtliche Bücher waren mit blaugrünem Schimmel überwuchert. Ich trauerte, mein Mann feierte innerlich.

„Raus damit!“, entschloss ich, denn da war auch bei genauerer Durchsicht nix zu retten. So landeten ein paar dutzend Bücher im blauen Müllsack. Eine Schande, wenn ihr mich fragt.

In den nächsten Kisten war vor allem Krimskrams und Spielzeug. Darunter auch meine Barbies, meine Playmobilsachen, einschließlich großen Puppenhaus, Stofftiere a la Glücksbrächen und Regina Regenbogen, so wie meine kleinen Ponys. Letzeres wird heute übrigens in der Art nicht mehr produziert.

„Raus damit!“, rief mein Mann und krempelte die Ärmel hoch. Ich hingegen fuhr herum.

„Auf gar KEINEN Fall!“

„Aber … was willst du denn noch damit?!“ fragte mein Mann in einem Anflug der Verzweifelung.

„Also erstens … sind das dort sämtliche Figuren, die ich jemals aus Überraschungseiern gesammelt habe. Vielleicht sind die ja irgendwann sogar etwas wert! Und das dort, das sind Murmeln! Damit kann unser Kind irgendwann mal spielen. Egal, ob Junge oder Mädchen. Die Barbies sind voll wertvoll und die Ponys sowieso! Und die Stofftiere kann man alle waschen und unser Kind kann auch damit noch spielen!“

Mein Mann griff sich eine kopflose Barbie und hielt sie hoch. „Kaputt!“ stellte er fest.

„Ersatztteil!“, entgegnete ich.

Im nächsten Moment zog er ein riesiges Plüschtiert aus einer Kiste. Ein Lebensgroßes Abbild vom Kater Sylvester. Um den Hals ein rotes Seidenband. Mein Mann hielt ihn am Band hoch und der Kopf kippte zur Seite, so dass es aussah, als hätten wir gerade eben Sylvester stranguliert. Der Anblick überzeugte mich, dass zumindest Sylvester von der Kiste in einen blauen Müllsack umziehen durfte.

Schlussendlich trennte ich mich dann doch von einigen Plüschtieren und von ebenso viel Krimskrams. Einige Jahre später verschenkte ich meine Barbies an die kleine Nichte meines Mannes, die sich wahnsinnig gefreut hat. Bis auf zwei Glücksbärchen und zwei Sternenkinder von Regina Regenbogen, habe ich mich letztes Jahr noch einmal von einigem Kram getrennt. Meine Puppen habe ich meiner Mutter gegeben, weil … die sind ja noch gut und ich habe ja noch eine kleine Nichte, die eventuell irgendwann mal damit spielen wollen wird. Auch wenn die Puppen teilweise schon 50 Jahre alt sind und noch aus Großmutterszeiten stammen.

Meine Playmobilsachen, meine Ponys, die Murmeln und meine Sammelfiguren aus den Ü-Eiern sind aber immer noch da! Und es wird mit Sicherheit noch einige Jahre dauern, bis ich auch nur Ansatzweise dazu bereit bin, dem: „Raus damit!“, meines Mannes folge zu leisten. Und bis dahin sag ich einfach immer und immer wieder:

„Auf gar KEINEN Fall!“

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2 Gedanken zu “„Auf gar KEINEN Fall!“

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