Chronologie des Sssreckens.

Meine ersten Gedanken zum Wochenthema behandelten alles Andere als einen Zahn. Raus damit! Ich dachte ans Entrümpeln oder an die ungeduldige Aufforderung, ein Geheimnis preiszugeben. Aber mit Sicherheit nicht an einen Zahn.

Jetzt hat es sich aber so ergeben, dass ich am Sonntag Zahnschmerzen bekam. Die quälten mich dann auch noch den ganzen Montag, dass ich quasi nur noch unter Drogen stand. Schmerzlindernde Drogen meine ich und nicht bewusstseinserweiternde. In diesem Fall sah ich mein Bewusstsein wirklich ausreichend erweitert. Also tat ich das Unvermeidliche und wählte die Telefonnummer meines Zahnarztes. Hilft ja alles nichts! Ich hatte zwar bereits einen Termin für die Extraktion meines letzten verbliebenen Weisheitszahnes, aber eben erst eine Woche später.

Heute morgen um 7.30h wurde ich eingeschoben. Als Schmerzpatient. Die Nacht war ruhig verlaufen, der Delinquent hatte wohl nach großartigem Aufbegehren beschlossen, sich lieber wieder ruhig zu verhalten. Aber der Termin stand fest und ich machte mich mit weichen Knien auf den Weg. Die Kinder gingen zur Schule, der Liebste in die Arbeit, ich zum Arzt. Toll. Ich stelle mir meinen freien Vormittag anders vor. Radfahren und so.

Im Warteraum war noch etwas Zeit und ich gugelte nach einer Redensart. Kam mir doch am Morgen in den Sinn, dass mir der Arsch sprichwörtlich auch Grundeis geht. Woher kommt das eigentlich? Wiki meint, das sei eine derbe Umgangssprache. Und erklärt: In fließenden Gewässern gefriere das Wasser zuerst am Boden. Wenn es dann taue, löse es sich unter lautem Gepolter. Diese Geräusche wären mit dem Rumoren in den Eingeweiden, Durchfall und dessen Abgehen vergleichbar. Man beschreibt damit also einen Zustand großer Angst.

Natürlich fing es prompt in meinem Bauch zu rumoren an, wahrscheinlich auch, weil ich vor lauter Nervosität kein Frühstück runter gebracht hatte. Ich begnügte mich mit weichen Knien. Kein Grundeis. Angst hatte ich trotzdem. Die kommt weniger von meinen Erlebnissen mit Weisheitszahn 1 und 2, die mit zwei kurzen Rucklern heraußen waren, denn von Weisheitszahn 3, der sich sehr bitten ließ. Soll heißen, es brauchte viel Gewalt, Kraft, Schneiden und Nähen. Ist wohl verständlich, dass ich Nummer 4 solange behalten wollte, wie nur irgendwie möglich.

Mein Zahnarzt – der nette freundliche mit dem Schraubstockgriff – hält ja nicht viel davon, Dinge lange hinauszuzögern. Das erhöht nur die Angst davor. Ich schätze ihn sehr für diese Eigenschaft. Heute Morgen sagt er nur so viel: „Raus damit! Besser heute als nächste Woche.“ Zumindest da sind wir uns einig. Nach dem Einspritzen natürlich eine gewisse Wartezeit. Ich drehe mich nicht um. Ich weiß längst, dass die groben Werkzeuge immer hinter einem am Tisch drapiert werden. Ich schmeiße ein wenig die Nerven weg, packe meinen Galgenhumor aus und unterhalte mich mit der Assistentin. Ziemlich rasch merke ich, dass ich Wörter mit „sch“ und „st“ nur noch süffelnd herausbringe. Wie entwürdigend! Entweder halte ich endlich die Klappe oder suche nach Synonymen ohne „sch“ und „st“.

Tja und dann sssteht er wieder da. Der Herr Doktor. Ssstreift sich neue Handsssuhe über. Nimmt das Ssstemmeisen zur Hand. Also das zahnmedizinissse welche. Ich sssließe ergeben die Augen. Denke mir noch: „Ssseiss drauf!“ Nein eigentlich denke ich sofort „Pfeif drauf!“, weil nicht so derb und keine Fäkalsssprache und wegen dem „sss“ wäre es ja auch. Und während ich noch so dahin denke und mir wünssse, dass er endlich anfängt, sssmeißt er ssson den Hebel aufs Tablett und meint: „Das war’s!“

Dabei konnte ich mich noch gar nicht ausreichend hineinsssteigern. Wo ich doch die Angssst so sssön kultiviert hatte. Ich sah fassungslos auf den Delinquenten Zahn, dieses hässliche ruinenhafte Ding, das mir nur Probleme gemacht hatte in den letzten Tagen und Wochen. Meine Gummiknie wussten noch gar nicht, dass sie wieder ssstabil sein durften.

Das grausliche Karies-zerfressene Ding habe ich mit heim genommen. Für pädagogisssen Ansssauungsunterricht. Die Jungs werden den Zahn sehen wollen und sich dabei genüsslich gruseln. Noch wirkt die Ssspritze. Deshalb kann ich auch lachen. Ein wenig sssief und einseitig, aber es geht. Eigentlich fühle ich mich so fit, dass ich jetzt sofort mit haushalterisssen Dingen loslegen könnte. Aber vielleicht besser doch nicht.

Ich muss mich anhören wie die Ssslange Kaa aus dem Dsssungelbuch …

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4 Gedanken zu “Chronologie des Sssreckens.

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