Geheimnislüfter-ei

Nur ein kleines grünes Schild weist den Weg. Flotten Schrittes gehe ich auf dem schmalen Pfad weiter, an einem leise vor sich hinplätschernden Bächlein, vorbei an blühenden Frühlingsblumen am Feldrand und zaghaft sprießenden Gemüsepflänzchen auf dem Acker. Heute werde ich es erfahren und danach wird es bald die ganze Welt wissen. Mein Herz rast. Wie viele Geheimnisse ich lüften werde können, steht noch nicht fest, aber ich rechne sicher mit einigen sehr interessanten Details, die mich weit über die Grenzen hin bekannt machen werden. Der Vorgeschmack journalistischen Ruhms – würzig und betörend. Oder ist das nur die güllehältige Landluft? Egal, endlich bin ich angekommen. Eine unscheinbare Scheune am Ende des geschotterten Weges.

OSTEREIEREI steht da in bunten Lettern über dem Holztor. Ich atme tief durch, kralle meine Hand noch ein bisschen fester in den Notizblock, dessen erste Seiten ich wohl schon durchgeschwitzt habe mit der Hand. Es herrscht aber auch wirklich Aprilwetter: In der Sonne Sommerhitze, im Schatten fast noch Wintertemperaturen. Und die Nervosität kommt dazu.

Heute treffe ich mich mit dem Osterhasen, um ein Exklusivinterview zu führen!

„Poch, poch“ klingt mein Klopfen hohl an dem alten Holz. Ein weißes Kaninchen mit Hängeohren öffnet und sieht mich fragend von unten herauf an.

Guten Tag. Ich habe einen Termin beim Osterhasen“ sage ich so höflich als möglich und beuge mich hinunter. Gibt man einem Kaninchen die Hand? Entsetzt stelle ich fest, dass ich keine Ahnung habe, wie man sich Hasen und Kaninchen gegenüber richtig benimmt. Das hätte ich aber wirklich recherchieren müssen. Ob es einen Knigge über den Umgang mit Osterhasen gibt? Jetzt ist es zu spät, ich könnte mich in den Aller…

Werteste, wie schön!“ säuselt das Kaninchen und verzieht das Mäulchen, so daß man seine Nagezähne ganz deutlich sehen kann. Das soll wohl ein Lächeln sein, vermute ich, und lächle zurück. Da reißt das Tier entsetzt die Augen auf und fängt an, nervös mit den Schnurbarthaaren zu wackeln. Offenbar habe ich es erschreckt. Ich bemühe mich also rasch um eine ernste, aber nicht strenge Miene, damit es sieht, dass ich ihm nichts Böses will. Zähne zu zeigen interpretieren ja viele Tiere nicht gerade als freundliche Geste. Wie dumm von mir. Offenbar schaue ich jetzt aber besonders bescheuert und angsteinflößend drein, denn die Augen meines kleinen Gegenübers werden immer größer und größer.

Darf ich vielleicht eintreten?“ frage ich rasch, um – im wahrsten Sinne des Wortes – endlich weiter zu kommen. Zugegebenermaßen eignet sich diese Frage nicht unbedingt, um die Situation eines Fremden an der Haustür zu entschärfen, aber mein Mund war schneller als meine Gedanken. Das Kaninchen schlägt mir mit einem spitzen Schrei die Tür vor der Nase zu.

Nicht gut gelaufen“ denke ich mir zähneknirschend und klopfe nach kurzem Überlegen erneut. Ohne Zähneknirschen. Das wäre zu bedrohlich.

„Poch, poch“. Nach einer kleinen Weile öffnet sich die Türe wieder und ein großer brauner Hase schaut vorsichtig heraus. „Ja, bitte?“ fragt er.

Guten Tag. Ich komme zum Osterhasen.“ versuche ich erneut mein Begehr vorzubringen und Einlaß zu erhalten.

Hohoho!“ lacht der Hase und ich wundere mich, ob er sich das vom Weihnachtsmann abgeschaut hat. „Hohoho!“ macht er noch einmal. „Zum Osterhasen persönlich wollen Sie?“ fragt er plötzlich und mustert mich streng.

Ja, ich habe einen Termin vereinbart“ erkläre ich. Ich hatte nicht erwartet, dass es so schwierig sein würde, den Osterhasen zu treffen, wo es mir über beste Beziehungen gelungen war, diesen exklusiven Termin zu bekommen.

Einen Termin? So, so. Mit wem haben Sie den denn ausgemacht?“ Der Hase schaut mich erwartungsvoll aus halb zugekniffenen Augen an. Mir scheint fast, er hat bereits eine Antwort parat, eine, die mir nicht gefallen wird.

Äh, also, einen Moment bitte“ stottere ich und fange an in meinem Notizblock zu blättern. Ich werde wohl keinen Namen finden, denn ich bin mir sicher, dass ich keinen aufgeschrieben habe, aber ich versuche etwas Zeit zu gewinnen. Da wird der braune Hase von einem anderen, fast ident aussehenden Hase zur Seite geschoben. „Entschuldigen Sie bitte, kommen Sie doch herein. Ich habe Sie schon erwartet“ nuschelt der zweite Hase und wirft dem ersten einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wir sind Besuch nicht gewohnt“ fügt er entschuldigend hinzu.

Herr Osterhase?“ frage ich entzückt und strecke ihm meine Hand entgegen. Der Hase, der gebrechlicher wirkt als die beiden anderen, weiß damit nichts anzufangen und hoppelt langsam los. Wir durchqueren die Scheune, in der es geschäftig zugeht und kommen wieder ins Freie. Der Hase legt sich ins Gras und fängt sofort an einer Karotte zu knabbern an. Ich setze mich auf einen Baumstumpf und beginne die Befragung:

Herr Osterhase …

Nennen Sie mich doch bitte einfach Paps, so sagen hier alle zu mir.

Äh, ja gerne. Können Sie mir erklären, warum ihre Werkstatt Ostereierei heißt? Müsste es nicht eigentlich Ostereierfärberei oder Ostereierwerkstatt heißen?

Das kommt daher, dass der Nikolaus uns einen Streich spielen wollte und sich die alle sinnvollen Namen, die mit Ostereiermalerei in Zusammenhang stehen, patentieren ließ. Er hat auch alle Domainen dazu aufgekauft, nur um uns ein wenig zu ärgern. Der Streit geht schon so lange zurück, wie es Schokolade gibt.

Der Hase seufzt. „Mein Sohn meinte dann, wir können den alten Nikolaus austricksen und machen etwas ganz Modernes. Er steckte seine ganze Zeit und unser ganzes Vermögen in seine Werbekampagne, aber sein Spruch ‚Wenn du kein i-von-Osterhase hast, dann hast du kein i-von-Osterhase‘ floppte und dann bekamen wir auch noch Probleme mit einer Firma, die angebissenen Äpfel verkauft! Jetzt müssen wir hier in dieser kleinen Scheune arbeiten. Ach, da drüben ist mein Sohn.“ Der Hase winkt: „Stups!“ Ein kleiner Hase kommt gelaufen, fällt ein paar Meter vor uns hin. „Er fällt immer auf die Nase!“ Paps schüttelt den Kopf. „Er versucht jetzt in der Musikbranche sein Glück, aber ich weiß nicht recht, ob das ein Erfolg wird.

Ich notiere alles fleißig und komme zu meiner vorletzten Frage:

Warum heißen eigentlich alle Hennen, mit denen Sie zusammen arbeiten Bertha oder Hanna?

Aber das stimmt doch nicht. Keine Henne hier hört auf so einen Namen. Warten Sie, ich beweise es Ihnen.“  Der Hase geht zum Hühnerstall und ruft hinein: „Bertha! Hanna!“ Kein Huhn reagiert. Ich bin erstaunt. Der Hase nickt zufrieden. Bevor wir wieder zurück zur Scheune gehen, nimmt er noch schnell einen Eimer voller Futter, der neben dem Stall steht und ruft laut: „Futter!“ und schon kommen alle Hühner gelaufen.

Ich bin verwirrt und streiche meine Notizen bezüglich Hühner vorsichtshalber wieder.

Nur noch eine letzte Frage. Wie schaffen Sie es, in einer Nacht so viele Osternester zu verstecken. So groß erscheint mir ihre Mannschaft nun auch wieder nicht?“

Oh, das ist ganz einfach. Sie müssen nur daran glauben“ sprach’s und war plötzlich verschwunden. Dabei hatte ich noch gar kein Foto von ihm machen können. Schade!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s