Großes Gerede (Wwwortlos)

Mich entschuldigen? Mag ich nicht…“ brummte er und die Sturheit führte einen kleinen Stepptanz auf in seinem Kopf. Das Gewissen meldete leise Bedenken an. Wären die Eltern womöglich im Recht? „Ach was“ schnauzte die Sturheit und wischte alle Anflüge von Vernunft vom Tisch.

Er schlurfte in sein Zimmer und schlug die Türe hinter sich zu. Samt Jacke und Schuhen ließ er sich auf sein Bett fallen, den Benimmregeln seiner Mutter zum Trotz. Da hatte er ja noch lieber Hausarrest als sich zu entschuldigen. Und immer dieser blöde Spruch: „Solange du die Füße unter unseren Tisch stellst, tust du auch, was wir dir sagen!“ Er schloß die Augen und versuchte sich so weit weg wie möglich zu denken. Dabei schlief er ein.

Als er wieder aufwachte, war es kurz nach Mitternacht und im Haus ganz still. Seine Eltern waren nach dem Krimi im Hauptabendprogramm schlafen gegangen. „Spießer“ dachte er abschätzig und schlich leise aus seinem Zimmer in den Flur. Ohne das Licht einzuschalten, suchte er nach seinem Rucksack. Seine Mutter hatte Jacke und Schultasche fein säuberlich an den Haken gehängt. „Typisch!“ zischte er, drückte die Türschnalle langsam und sehr vorsichtig hinunter und schlich aus der Wohnung.

Die können mich alle mal. In einem Jahr bin ich sowieso weg. Dann kann ich endlich tun, was ich will“ Die jugendliche Rebellion in ihm tobte und suchte nach Verbündeten.

Am nahegelegenen Bahnhof waren gerade ein paar Jugendliche am Werk. Zwei Burschen verzierten die Lärmschutzwand  mit bunten Kunstwerken, zwei Mädchen hockten auf den Gleisen, Alkopops in der Hand und sahen zu. Er kannte die vier. Sie gingen auch in seine Schule, eine Klasse unter ihm. Er mochte sie nicht. Und sie mochten ihn schon gar nicht. Als er sie sah, war es leider zu spät, um ungesehen umzudrehen. Sie hatten ihn auch bereits bemerkt.

He, was macht denn der Spasti so spät noch auf der Straße. Ist nicht schon längst Gitterbettsperre?“ Die Burschen lachten hämisch, die Mädels schauten ihn nur schweigend an. Der kleinere der beiden Schüler ahmte einen schlurfenden Gang nach, in dem er ein Bein schlaff nachzog beim Gehen. Das erheiterte die anderen. Alle vier kicherten.

Ach wie er sie hasste. Die Wut über seine Eltern verblasste daneben beinahe. Im Grunde aber war es wie zwei Puzzlesteine, die sich ineinander fügten: Niemand verstand ihn, niemand wollte ihn verstehen,  niemand akzeptierte ihn einfach so, wie er war. Nirgends durfte er so sein, wie er wollte. In ihm drängten ganz plötzlich so viele Gefühle auf einmal nach außen, dass er glaubte, zerspringen zu müssen.

Ich … Ich  mmmag es nicht, wenn er mmmich ssso nnnennt! Haltet eeendlich euren Mmmund, ihr … Idioten“ Es brüllte aus ihm heraus. Erschrocken verstummte er. Sein ganzer Hass über die Ungerechtigkeiten in seinem Leben hatte sich den Weg bis zu seinen Lippen gebannt, um endlich lautstark freigesetzt zu werden.

Die beiden Burschen mit den Spraydosen in der Hand sahen sich ebenso überrascht an wie die Mädchen. Einen Augenblick lang war es ganz ruhig. Dann prustete die Gruppe los. Und er bereute zutiefst, überhaupt etwas gesagt zu haben. Wenn er nervös wurde, stotterte er manchmal. Das machte alles noch schlimmer.

Oh, er mmmag es nicht. Mmmag ich nicht! Mmmag ich nicht!“ rief der Größere mit künstlich hoher, näselnder Stimme. „Na dann dürfen wir zu dir natürlich nicht mehr Spasti sagen, du Spasti. Wenn du es nicht mmmmmagst.“ Er dehnte das m in »magst« so lange bis er einen Buchstaben mit blauer Sprühfarbe fertig gemalt hatte.

Seid doch nicht so gemein zu ihm“ warf eines der Mädchen ein, aber es klang nur halbherzig und nach falscher Fürsorglichkeit  „Hinkebeinchen stottert halt. Dafür kann er vielleicht etwas anderes gut.“ meinte die Dickere und kicherte. Alle schauten ihn erwartungsvoll an. Er biss sich auf die Lippen. Bloß nichts mehr sagen, bloß nicht mehr stottern vor ihnen.

Einer der Sprayer zeigte auf einen Waggon in der Nähe. „Vielleicht kann er ja klettern wie ein Affe.“ Der Bursch fing an herum zu hüpfen und mit den Fäusten auf seine Brust zu trommeln. Die anderen sahen jetzt auch zu dem abgestellten Güterwaggon hinüber.

Ihr seid solche Tr… Tr …Trottel“ platzte es aus ihm heraus.

Affe! Affe! Affe!“ rief einer und alle vier stimmten ein. Die Mädchen standen auf und fingen an, um ihn herum zu tanzen.

Da er sich nicht von der Stelle rührte – weil er vor Wut gar nicht mehr wusste, was er noch denken und tun sollte – und einfach schweigend alles über sich ergehen ließ, hörten sie irgendwann auch wieder auf.

Nein, du hast Recht. Mit dem Klumpfuß kann er wohl nicht klettern, der arme Teufel“ meinte die Schlankere und machte ein betroffenes Gesicht.

In dem Moment sprang seine Armee aus Sturheit, Rebellion und Leichtsinn auf und marschierte im Gleichschritt zum Waggon. Er stellte sein besseres Bein auf die erste Sprosse und zog das andere hinterher. Die vier Schüler schauten ihm wortlos zu.

Nnnur groß reden, aaaaber sich nicht trauen, das mmmmag ich nicht!“ rief er ihnen zu und kletterte weiter. Die Waghalsigkeit hatte das Ruder übernommen.

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5 Gedanken zu “Großes Gerede (Wwwortlos)

  1. Hat dies auf Mein Name Sei MAMA rebloggt und kommentierte:

    Es gibt vieles, was ich nicht mag: Provokation (frech und unnötig), Mobbing (fies und noch unnötiger), Mutproben (dämlich bis gefährlich), großes Gerede (von wortgewaltiger Leere bis zu Worthülsen volle Nichts).
    Mag ich einfach nicht! Worten sollte Taten folgen, oder besser doch nicht?

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  2. Ah, herrlich, die jugendliche Arroganz selbst im Unterlegenen, der seinen „Feind“ nur in der dritten Person anspricht. Majestätisch fast.

    Aber bei euch trinkt man noch Alkopops? Ich wollte letztens welche kaufen und fand keine.

    Gefällt 1 Person

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