Erschöpfendes kalt warm

Mit einem allmächtigen Plumps ließ er sich in den Sessel fallen. „Aaaaaah … endlich“ Er rieb sich grinsend den stattlichen Bauch und lächelte den guten Geist des Hauses an, der gerade mit einem Tablett voller dampfender Töpfe hereinkam.

Es geht doch nichts über ein ordentliches Mittagessen, vor allem jetzt wo es mir gelungen ist ...“

Aber er konnte den Satz über sein gelungenes Experiment nicht zu Ende führen, denn der Türsteher kam in die Stube gelaufen. Den freudigen Ausruf „Es lebt! Bei Gott, es lebt!“ hatte wohl niemand außer Gott selbst gehört. Aber eigentlich war es jetzt auch egal, jetzt musste er sich erst einmal stärken. Arbeit macht hungrig und kreative Arbeit noch viel mehr. „Man muss aus vollen Schüsseln schöpfen, damit man schöpfen kann“ pflegte er gelegentlich zu witzeln, wenn er in seinem Atelier am Werk war. Er lud sich aus jedem Topf ordentlich auf seinen Teller auf und wandte sich dann dem nervös wartenden Türsteher zu.

Entschuldigung“ wiederholte der leise und trat von einem Bein auf das andere.

Was ist denn los? Warum bist du denn so unruhig?“ fragte er und fing an zu essen. Kalte Rippchen mit lauwarmem Kraut und vertrockneten Kartoffeln, das wäre das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Das Essen durfte ruhig anständig heiß sein. Wurde ihm etwas kalt serviert, drohte er manchmal im Zorn, das Personal zum Teufel zu jagen.

Es ist da draußen“ stammelte der Türsteher mit weit aufgerissenen Augen und zeigte mit dem Daumen nach hinten über die eigene Schulter Richtung Eingang.

Ja, ich weiß. Ist das nicht großartig. Jetzt ist es mir endlich gelungen. Es lebt!“ sagte er sichtlich stolz und leckte sich genüsslich die Finger ab.

Es ist nur so, es lebt nicht nur, es hat sich auch beschwert.“

Was?!“ rief er entsetzt und ließ den Löffel klirrend auf den Tisch fallen, so dass die Sauce nach allen Seiten spritzte. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Er stand auf und eilte in sein Atelier, noch immer ein Rippchen in der Hand.

Nach einer ganzen Weile kam er wieder in die Stube und ließ sich erschöpft in den Sessel fallen. Der gute Geist und der Türsteher sahen ihn erwartungsvoll und ein bisschen ängstlich an. Das Essen war natürlich inzwischen ausgekühlt.

So, jetzt kann es sich nicht mehr beschweren, dass ihm langweilig ist. Ich habe noch ein zweites gebastelt, mit dem was ich halt noch hatte…“ Er sah auf seinen Teller, auf dem die halb abgenagten Rippchen lagen, dann auf seine Hand, die leer war, stutzte kurz und sprach weiter:

Hat man den Trick erst einmal heraus, ist es eigentlich ganz leicht. Dann ist das Material auch gar nicht so wichtig. Ich habe beide in den Garten zur Obstwiese geschickt. Da können sie auf dem alten Apfelbaum herumturnen, sich ein bisschen austoben und zugleich meine anderen Werke bewundern“.

Er grinste zufrieden.

Gerade als er mit der Gabel eine Kartoffel aufspießen wollte, riss ihm der gute Geist den Teller weg und eilte damit in die Küche. „Ich wärme es nur rasch noch einmal auf!“ rief er im Hinausgehen. Der Türsteher machte eine kurze Verbeugung und murmelte: „Ich werde dann besser wieder auf meinen Posten gehen, man weiß ja nie, wer noch aller ans Tor klopft“ und schon war er draußen.

Er aber lehnte sich zurück und atmete tief durch. Das war ein anstrengender Tag. Morgen würde er sich ausruhen. Und jetzt wollte er endlich in Ruhe essen. Das Apfelkompott stand noch da. Er nahm die kleine Glasschüssel in seine mächtigen Hände und seufzte fast ein bisschen besorgt: „Hoffentlich essen mir die beiden nicht meine Äpfel weg. Vielleicht sollte ich ihnen das einfach verbieten.“

Advertisements

9 Gedanken zu “Erschöpfendes kalt warm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s