Die Geschichte mit der Geschichte

Teleworking hat seine Vor-und Nachteile. Den Vorteil der örtlichen Unabhängigkeit, den Nachteil des Nichtabschaltenkönnens. Oder den Vorteil der kurzen Wege: Vom Arbeitszimmer in die Küche bis zum Mittagessen sind es nur gezählte 10 Schritte. Nachteil: Ich muss selbst kochen. Es werden mir keine vorbereiteten Mehrgangmenüs mit Buchstabensalat nach der Allergeninformationsverordnung angeboten.

Nun ja, so ist das nun einmal. Immerhin ist es im Arbeitszimmer deutlich ruhiger als in einem Großraumbüro. Keiner stört. Also, fast keiner. Die Katzen schlafen seit ihrem Frühstück und werden sich wohl erst mittags einmal auf die andere Seite drehen. Alles andere wäre Energieverschwendung an so einem grauen, nebeligen Tag. Ich sitze hochkonzentriert vor meinem Computer und starre auf den Bildschirm, während ich mit den Fingern auf den Tisch trommle. Meine Nachdenkpose. Da höre ich erst ein leises Trippeln hinter mir und dann ein übertrieben lautes Räuspern:

Ähem

Ich tue erst einmal so, als merkte ich nichts und fange an, eine e-mail zu beantworten.

Äääähemmmm“ wiederholt sich der Zwerg und versucht besonders umständlich sich einen Sessel an meinen Schreibtisch heranzuschieben. Das Getue, wie er mit dem für ihn viel zu großem Möbelstück kämpft, kann ich nicht mitansehen und senke den Kopf ganz tief über die Tastatur, um ihn aus meinem Blickfeld zu bekommen. Nur dumm, dass sich die Altersweitsichtigkeit vor einiger Zeit bei mir eingeschlichen hat und wohl als Dauergast bleiben wird. Aber die Finger wissen zum Glück auch bei verschwommenem Bild wo die richtigen Tasten sind.

Ähem em em“ räuspert sich der Zwerg noch einmal und fängt jetzt an, auf den Sessel hinaufzuklettern, um auf meinen Bildschirm sehen zu können.

Was gibt es denn?“ frage ich und schreibe weiter.

Es ist doch schon Freitag.“ meint er und sieht mich von der Seite erwartungsvoll an.

Ja, und?“ frage ich, obwohl ich die Antwort natürlich schon kenne.

Na ja, was ist denn das Wochenthema? Hast du schon etwas geschrieben? Vielleicht etwas über Zwerge?

Himmel noch einmal!“ rufe ich genervt aus, weil wir dieses Spielchen nun schon seit Monaten spielen und ich es schon fast genau so lange leid bin. Außerdem brauche ich wirklich meine Ruhe, um arbeiten zu können. „Nein, ich habe nichts über Zwerge geschrieben! Ich schreibe nicht über Zwerge!

Aber, aber …“ stammelt er erschrocken und seine Mundwinkel zucken als würde er gleich zu weinen beginnen.

Nun tut es mir leid, dass ich ihn so angeschrien habe und ich lege eine Hand auf seine kleine Schulter, um ihn zu trösten.

Aber, du hörst doch jeden Tag das Zwergenlied und … und …“ Er kann gar nicht weitersprechen, schluckt schwer und schweigt.

Ja, aber das Lied höre ich ja nur, weil es nunmal auf der CD ist und die Kinder ständig diese eine CD hören wollen. Mir gehen die Zwerge ja schon sowas von auf den …“ Ich beiße mir auf die Lippen und halte ganz schnell den Mund, denn da kullert doch tatsächlich eine Träne über das Zwergengesicht.

Schau mal, das Thema heißt ‚Es lebt!‘ und ich habe schon eine Geschichte geschrieben.“ Ich mache die wordpress Seite auf und zeige ihm meinen letzen Beitrag. Der Zwerg schnieft noch ein bisschen, wischt sich die Träne weg und liest.

Was! Du schreibst über einen Apfelbaum! Einen Apfelbaum! Das darf ja wohl nicht wahr sein! Warum schreibst du denn über einen Apfelbaum? Wir Zwerge sind ja viel interessanter als Apfelbäume!“ der Zwerg hat seinen Kummer offenbar bereits wieder vergessen und schnappt nun vor Aufregung nach Luft. „Es lebt! Das Zwergenreich lebt! Verstehst du? Oder hast du vielleicht uns Zwerge gemeint in der Geschichte? Hat der Dicke etwa die Zwerge geschaffen?“ Die kleinen Zwergenaugen werden ganz groß und strahlen vor Freude.

So könnte man es vielleicht auch lesen“ antworte ich ausweichend, um ihn nicht schon wieder zu kränken.

Im Ernst. Das ist DAS Thema für uns Zwerge. Hör zu. Was glaubst du wohl, was wir Zwerge ausgerufen haben, als dem Schneewittchen der Apfel aus dem Mund fiel und es die Augen wieder aufmachte? Na? Genau! »Es lebt!« haben wir gerufen. Ach, das war so ein freudiger Moment, märchenhaft schön!

Du warst doch gar nicht dabei. Das Ganze ist doch nur erfu…“ werfe ich skeptisch ein.

Papperlapapp!“ unterbricht mich der Zwerg.

Ich greife nach einem Apfel im Obstkorb am Tisch.

Das ist unser Erbe. Es lebt in uns weiter.“ belehrt mich der Zwerg streng.

Ach, wirklich? Zwergengeschichte muss ja ein hochinteressantes Fach sein. Alternative facts, lieblich grausam garniert. Da war die Erweckung des Schneewittchens sicherlich jene mit dem größten Zwergenpublikum – ever! Viel mehr Zwerge als zum Beispiel beim Erwachen des Dornröschens oder des Wolfes am Brunnen. Nur die Anzahl der Geißlein stellt eine gewisse Konkurrenz dar.“ Grinsend und kraftvoll beiße ich in den Apfel.

Unser Erbe lehrt uns auch, alte Frauen mit Äpfeln zu meiden!“ spricht der Rotbemützte, springt von seinem Sessel und rauscht beleidigt durch die Zimmertür ab.

Pah!“ rufe ich ihm nach. „Geschichte ist lebendig. Wir Alten brauchen gar keine Äpfel, um euch Zwerge dran zu kriegen!

Verdammt!

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11 Gedanken zu “Die Geschichte mit der Geschichte

  1. Hat dies auf Mein Name Sei MAMA rebloggt und kommentierte:

    Mal zwergenhaft, mal riesengroß, mal jung, mal alt. Der Mensch hat so viele Seiten wie ein Geschichtsbuch. Oder aber auch ein Geschichtenbuch. Aus der Geschichte kann man jedenfalls lernen, aber damit sie sich nicht ständig wiederholt, muss sie lebendig bleiben.

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