Kopfüber …

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… stürze ich mich manchmal in Abenteuer. Viel zu selten, wenn ich es recht betrachte.

Als Kind liebte ich es, in einem der Apfelbäume herum zu klettern, um schließlich mit den Kniekehlen um einen Ast lang gestreckt nach unten zu hängen. Mich völlig entspannt von der Schwerkraft nach unten ziehen zu lassen, die Arme über den Kopf gen Boden gereckt. Nicht ganz eindeutig sichtbar, ob nun meine Arme länger sind oder meine langen braunen Haare, die ebenfalls den Gesetzen der Schwerkraft folgten. Es war der kleine Apfelbaum. Denn trotz aller Verwegenheit und Akrobatik wollte ich doch nicht riskieren, dass ich weit abstürze, sollte ich die Kontrolle verlieren. Kopfüber ja, aber doch mit den sinnbildlichen Füßen am Boden oder zumindest nahe am Boden.

Wenn ich heute meinen Vater daheim besuche und dabei eine Runde um den Hof meines Bruders gehe, komme ich immer an den Apfelbäumen vorbei. Auch der kleine Apfelbaum steht noch da. Ein wenig gebeutelt vom rauen Klima des Waldviertels und die Äste moosbewachsen. Vom Ast baumeln kann ich heute nicht mehr. Kann mir bestenfalls den Kopf stoßen.

Heutzutage begebe ich mich nur noch selten kopfüber in eine Situation. Manchmal scheint es mir wirklich, als wäre das Verlangen nach Sicherheit größer als der Kitzel des Abenteuers. Meine heutigen Kopfüber-Ambitionen sind seltsam weichgespült und lasch. Bestenfalls, dass ich beim Yoga in eine Position gehe, die mein Weltbild plötzlich auf den Kopf stellt. Was wirklich total unspektakulär ist, wenn wir in der Turnhalle üben. Was sich aber ganz anders zeigt, wenn wir wieder Yoga am Teich machen. So wie letzten Dienstag. Bei wunderbar warmen Temperaturen stand ich auf der Matte, sorgsam bedacht, nicht daneben zu steigen, weil die Wiese noch nass vom Regen war. Da sah ich plötzlich den Teich und die dahinter liegenden Birken auf dem Kopf stehen, auch die weiter entfernten Fichten ließen ihre Wipfel entspannt in den Himmel hängen, der unter ihnen lag wie ein ruhiges blaues Meer.

Während ich so auf dieses Bild schaue und den Kopf nach unten hängen lasse, denke ich an kleine Kinder, die liebend gerne die Beine grätschen und lachend unten durch sehen. Was die immer für einen Spaß dabei haben! Denen ist übrigens auch ganz egal, ob das Leiberl hochrutscht. Aber jetzt sind wir ja erwachsen! Wie komisch das auch aussieht? Und den Popo hochrecken, das geht ja schon überhaupt gar nicht. Deshalb machen die Großen das nicht mehr. Bestenfalls wird das legitimiert als Übung beim Yoga. Wo es doch den Kopf so wunderbar leicht macht und diesen ganz eigenen Schwindel erzeugt, der einen lachend zu Boden sinken lässt.

Kopfüber … es ist wieder einmal Zeit für kopfüber. Ich suche mir einen Ast, der mich trägt und lasse mich hängen. Auch wenn meine durch die Luft wehenden Haare längst nicht mehr mit der Länge der Arme konkurrieren können, sondern gerade mal so lange sind wie meine Hände. Und so entspannt schlangenartig werde ich wohl auch nicht mehr aussehen wie damals als Kind. Weil es im Kreuz knackt oder die Hüften sich verzwicken oder die Knie den Dienst verweigern. Fraglich, ob ich überhaupt wieder ohne Hilfe vom Baum komme. Aber die Perspektive ist immer noch so wie früher. Sie steht auf dem Kopf.

Und jetzt seht euch das Foto noch einmal an. Der Schein trügt!

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