Mr. Superlativ (oder Was sich nie ändert)

Am Spielplatz (I)

Kaum waren sie am Zaun angekommen, rannte er los. Er wollte unbedingt als erster die Schaukeln erreichen. Ein Wettrennen, das er selbst stillschweigend ausgerufen hatte. Als das Mädchen sah, dass der dickliche Bub loslief, grinste sie kurz und sprintete dann ohne Anstrengung an ihm vorbei. Natürlich gewann sie das Rennen. Sie war älter, größer und sportlicher. Als er endlich bei der Schaukel ankam, schaukelte sie schon hoch und rief ihm spöttisch lachend zu: „Verlierer! Verlierer!

Er fing an zu weinen und zu toben und schlug auf die Seile seiner Schaukel ein, sodass sie hin und her tanzte. Nach einiger Zeit hörte er auf. Niemand tröstete ihn und seine Schwester schaukelte gedankenverloren schon fast bis zum Himmel hinauf – so schien es ihm jedenfalls. Er setzte sich wütend auf das Brett und zappelte wild mit den Füßen. Nur langsam kam er in Schwung. Er war zu ungeduldig, um seine kurzen Beine lang genug auszustrecken und es richtig zu machen.

Irgendwann schaukelte auch er. Erst schweigend, doch dann platzte es aus ihm heraus: „Ich war Erster, du dumme Kuh!„- „Nein, warst du nicht!“ antwortete das Mädchen und sah ihn verächtlich an.

Oh ja, ich war Erster und ich kann auch viel höher schaukeln als du!“ zischte er zurück und schaute auf den Rücken seiner Schwester, wie sie fast in die Waagrechte kam, während er durch sein wütendes Gezappel sich immer wieder selbst bremste und kaum an Höhe gewann.

Du lügst! Das sage ich Papa!“ drohte sie ihm und schaute finster drein.

Dann verrat ich ihm dein Geheimnis!“ konterte er und zappelte noch stärker, was ihn immer langsamer werden ließ.

Dann kriegst du selbst auch Ärger!“ versuchte sie ihn von dem Vorhaben abzubringen. Sie bereute zutiefst, ihn in ihr Geheimnis eingeweiht zu haben.

Kleine Brüder waren so lästig.

Am Spielplatz (II)

Er ist wach und er hat sehr schlechte Laune“ verkündete der Herr in Anzug und Krawatte.

Die Angestellten zogen die Köpfe ein und eilten in ihre Büros. Gestern hatte wieder einmal jemand behauptet, dass er lügen würde. Das machte ihn wütend. Alle, alle schienen sich gegen ihn verschworen zu haben. Seit 3 Uhr morgens schon ließ er sie wissen, was wirklich Sache war: Alle anderen logen wie gedruckt. Vor allem alles Gedruckte war Lüge.

Einige hochrangige Beamte warteten schweigend vor der Tür seines Büros mit wichtigen Unterlagen, die nur für wenige Augen bestimmt waren. Im Halbrund des Raumes saß ein trotziger Bub, der wild in sein Smartphone tippte. Der Bub hatte sich in den mächtigsten Mann der Welt verwandelt – rein äußerlich, am Papier, aber innen drinnen war er noch immer das wütende Kind von damals am Spielplatz, das kein Geheimnis für sich behalten konnte.

Die Männer seufzten schwer, dann klopfte einer an die Tür.


Disclaimer: Alle Ähnlichkeiten mit lebenden, amtierenden Personen sind zufällig, aber leider nicht dystopisch inspiriert durch die Berichterstattungen aus einem großen, fernen Land

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