(S)witch

Schwer atmend und schwitzend setzte sie sich auf die Bettkante und stützte den Kopf auf die Hände. Selbst mit geschlossenen Augen würde sie das Bild dieses Monsters so schnell nicht loswerden. Es würde sie noch einige Zeit verfolgen. Da war sie sich sicher. In ihren Ohren dröhnten seine Worte oder vielmehr Schreie, viel zu laute, unverständliche Schreie. Gebrüll. Kein Mensch konnte das aushalten.

Sie schüttelte den Kopf und öffnete langsam die Augen. Ihr müder Blick fiel auf den Spiegel gegenüber. Erschöpft stand sie auf und machte die paar Schritte hinüber, bis sie ganz dicht davor stand. „Eigentlich wie immer“ dachte sie etwas überrascht. Ihr Spiegelbild zeigte kaum etwas von der ganzen Aufregung, nur ein paar graue Haare mehr. Oder war es nur das Licht der tiefstehenden Sonne, das sie so alt aussehen ließ? Je länger sie sich anstarrte, desto unglaublicher erschien ihr was eben passiert war. Und desto mehr Sorgenfalten entdeckte sie.

„Genug“ murmelte sie schließlich und sah an sich selbst hinab. Das Monster in ihr hatte sich vollständig zurückgezogen, nichts davon war zurückgeblieben, außer vielleicht eine heisere Stimme vom Schreien und ein sehr schlechtes Gewissen. Ach, dieses fürchterliche Schreien. Und der angstvolle Blick von …

Eine weinerliche Kinderstimme riss sie aus ihren Gedanken:

Mama, bist du noch böse auf mich?

Natürlich war sie nicht mehr böse auf das kleine Mädchen. Wie hatte sie sich überhaupt so ärgern können über diese lächerliche Kleinigkeit? Die liebende Mutter, die sich auf dem Heimweg völlig entnervt angefangen hatte in ein fürchterliches Monster zu verwandeln. Sie hatte schon alle Anzeichen gespürt als sie den Schlüssel im Schloss umdrehte. Kaum hatten sie die Wohnung betreten, war es aus ihr heraus gebrochen. Aber jetzt war die Mutter, die sich für ein paar Momente in das Monster verwandelt hatte, wieder da.

Oder war es etwa andersherum? Hatte sich womöglich das Monster von eben in die liebende Mutter zurückverwandelt? Für wie lange nur?

Ihr graute. Die kleinsten Erschütterungen des Alltags konnten die Verwandlung auslösen. Jetzt musste sie erst einmal ein kleines Mädchen trösten, danach würde sie sich selbst dem Kampf mit dem Monster stellen.

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