Am Ende des Sommers

Sie scrollte durch die vielen Bilder hübscher junger Mädchen. Natürliche wusste sie, dass die Kataloge nur eine Scheinwelt, eine ideale Welt darstellten. Da wird vorselektiert, geschummelt, ge- und verblendet. Eigentlich ein großer Selbstbetrug, so etwas überhaupt anzuschauen. Alle sind schön, alles sieht gut aus.

Das Ich sieht sehnsüchtig auf die vielen wohlgeformten Körper, die ebenen Züge, die gekünstelten Posen und irgendwann glaubt es dann, dass auch sein Körper mit dem neuen Kleid, dem Bikini, der modischen Jeans so attraktiv aussehen könnte.

Das depressive Hirn malt sich aus, wie die schmerzhaften Bemerkungen über das Aussehen oder noch schlimmer das völlige Ignoriertwerden der Vergangenheit angehören würden. Es gibt sich den Tagträumen hin, dass die Burschen sich nicht mehr lachend an einen anderen Tisch setzen, weil dort hübsche(re) Mädchen sitzen. Es stellt sich vor, dass sie nicht nur neben ihr sitzen bleiben würde, sondern sogar mit ihr zu reden begännen und sie dann äußerst interessant fänden.

Ach, du armes hoffnungsfrohes Hirn, was tust du deinem jugendlichen Menschen nur an?

Nach dem Sommer wäre alles ganz anders, von einem Tag auf den anderen, obwohl sich noch nie wirklich etwas geändert hatte. Aber dieser Sommer würde ein besonderer sein. Jeden Tag träumte sie davon, wie sie völlig verwandelt die Klasse betreten würde. Zwei Monate lang malte sie sich diesen Moment aus.

Und dann waren die Ferien zu Ende.

Zitternd  betrat sie im neuen Outfit, mit neuer Frisur das Klassenzimmer – ihr neues Ich. Sie hielt tatsächlich den Atem an, während sie zu ihrem Tisch ging. Vor Nervosität schaffte sie es kaum, den Sessel unter dem Tisch heraus zu ziehen. Unter dem lauten Quietschen der Holzstuhlbeine am Boden setzte sie sich endlich auf ihren Platz ganz hinten. Erst jetzt wagte sie es, sich umzusehen.


Da wir am Mitmachblog sind, überlasse ich euch, wie die Geschichte ausgeht:

a) Sie war wohl die einzige gewesen, die den Atem angehalten hatte. Alle anderen Schüler plauderten weiter, erzählten sich lachend oder prahlend Geschichten aus den Ferien und würdigten sie keines Blickes. Alles war wie immer. Die Coolen gaben sich cool, die Streber blätterten in den neuen Büchern und die Mittelmäßigen suchten nach geeigneten Opfern, um ihre Mittelmäßigkeit ins rechte Licht gerückt wie etwas Tolles aussehen zu lassen. Ihre Rolle in dem Gefüge war klar und unverrückbar: Die Außenseiterin. Heute war sie sogar die Außenseiterin, die glaubte, dass Kleider Leute machten.

b) Sie war wohl nicht die einzige gewesen, die den Atem angehalten hatte. Ein paar andere Mädchen im Raum musterten sie aufmerksam von oben bis unten. Ihr blieb fast das Herz stehen. Aufmerksamkeit war es, die sie sich gewünscht hatte. Doch wenn sie sie tatsächlich bekam, dann verließ sie stets der Mut und ihre Schüchternheit übernahm das Ruder (auf der Fahrt ins Verderben). „Neu?“ fragte eines der Mädchen und ihre Freundinnen warteten offensichtlich gespannt, darauf was sie, ja sie antworten würde. „Ja“ sagte sie zögerlich. Doch dann keimte ein wenig Stolz und Freude in ihr auf. „Wow!“ antwortete das Mädchen und drehte sich zu den anderen um.

Dabei rollte sie die Augen und deutete mit dem Finger im Mund schlechten Geschmack an. Die Mädchengruppe prustete vor Lachen.

Sie senkte rasch den Blick, biss sich auf die Lippen und wünschte es wäre schon der letzte Tag vor dem Sommer, nicht der erste danach.

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4 Gedanken zu “Am Ende des Sommers

  1. die zweite Fortsetzung ist stärker, geht in die Knochen. Nur das Ende würde ich vielleicht anders gestalten. Nicht dieselbe Reaktion wie im vergangenen Jahr, sondern eine Zuspitzung, eine Krise, ein Bruch – mit dem Ziel der Wandlung.

    Gefällt 2 Personen

  2. Die zweite Version ist dramatischer, aber ich glaube, die erste trifft eher ein. Die Außenseiterin wird kaum beachtet, niemand bemerkt eine Veränderung, weil niemand auf den Gedanken kommt, dass da eine sein könnte, und selbst wenn, ist es eben auch egal.
    Die meisten Äußerlichkeiten fallen vermutlich uns selbst viel stärker auf als unserer Umwelt. Viele Gedanken gemacht, ob das einfarbige T-Shirt oder das gestreifte besser zum Rock passt? Der Tag bleibt derselbe, außer dass vielleicht das hübsche T-Shirt und die Überzeugung das passende gewählt zu habe die eigene Stimmung etwas hebt oder senkt.

    Gefällt 1 Person

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