Einsame Spitze (oder Nur Übung macht den Meister)

Die Augen-Hirn-Finger Koordination wollte nicht so, wie sie sollte. Oder waren Motivation, Übungsmangel und Ablenkung schuld? Wer oder was auch immer als Verursacher in Frage kam, war hoffentlich weit weg oder nahezu taub, wenn der Bub am Klavier übte, denn die Klangfolge war weder schön, noch sauber, noch durchgängig. Wieder und wieder stolperte er an derselben Stelle des Stücks, disharmonisch holperte die Melodie völlig unerkennbar dahin.

Warum muss man immer alles lernen, warum kann man es nicht einfach können?“ dachte er zerknirscht als mit einem „Blop!“ plötzlich ein Heinzelmännchen neben seiner Hand auf den Klaviertasten erschien.

Wow!“ rief der Bub aus und sah sich um. Welcher seiner Brüder wollte ihn wohl zum Narren halten? Es sah wirklich echt aus, das Männchen mit dem spitzem Hut und Bärtchen und einem winzigen Mäntelchen mit Goldrand. Niemand stand in der Türe, aus dem Nebenzimmer war kein Kichern zu hören. Vorsichtig hob er die Hand und versuchte den Goldsaum mit den Fingerspitzen zu berühren.

Obacht! Hände weg!“ schimpfte das Männchen und schlug nach seiner Hand.

Wow!“ rief er noch einmal. Das war echt! Das war keine Projektion, sondern ein Männchen aus …??? … was auch immer. „Du bist echt?!“ fragte er mit weit aufgerissenen Augen völlig ungläubig.

Natürlich bin ich echt.“ kam die Antwort, ein wenig beleidigt. „Ich habe eine Mitteilung für dich.“ Das Männchen zog ein winziges Stück Papier aus seiner Jackentasche, räusperte sich und las im monotonen Tonfall der Langeweile vor:

Gratuliere. Du wurdest per Zufall für den Jugendsonderpreis des Wünschens in diesem Monat ausgewählt. All deine Wunschgedanken werden in den nächsten 48 Stunden erfüllt.

Das Männchen verstummte, hob den Kopf und sah den Buben an. Der schaute es nur mit offenem Mund, völlig sprachlos an. Achselzuckend setzte das Männchen seine Ansprache fort: „Für die Begriffsstutzigeren haben wir zur besseren Illustration ein paar Beispiele vorbereitet: Denkst du zum Beispiel, dass du gerade Gusto auf ein leckeres Stück Torte hättest, dann verwandelt sich dein Wunsch sofort in ein echtes Tortenstück.

Das Männchen sah den Buben wieder an und wartete offenbar auf eine Reaktion. Als keine kam, schüttelte es fast enerviert den Kopf und las weiter vor: „Denkst du zum Beispiel, dass du gerade Gusto auf einen Apfel hättest, dann verwandelt sich dieser Gedanke sofort in einen saftigen Apfel. Denkst du zum Beispiel, dass du gerade Gusto auf …

O.K., ich habe es verstanden“ unterbrach der Ausgewählte die Aufzählung.

Großartig, dann überlasse ich dich deinen Gedanken. Gehe sorgsam damit um, die nächsten 48 Stunden verwandeln sie sich augenblicklich in das Gedachte!

Mit einem „Blop!“ war das Männchen wieder verschwunden.

Der Bub saß am Klavier und starrte noch immer recht perplex auf die Stelle, an der es eben noch gestanden hatte. Eigentlich hätte er noch fragen wollen, ob die materialisierten Gedanken dann nach 48 Stunden auch wieder verschwanden, aber es war schon zu spät. Nun, er würde es ja feststellen. Was konnte er sich nur wünschen?

Da hörte er seine Mutter rufen, warum er den Müll noch nicht hinaus gebracht hätte. „Die nervt!“ seufzte er. Im nächsten Moment kam seiner kleinerer Bruder ins Zimmer gelaufen, zog ihn am Ärmel und jammerte: „Spielst du bitte mit mir verstecken?“ Doch er schüttelte den lästigen Störenfried ab und schob ihn mit einiger Mühe aus dem Zimmer. Er hatte wahrlich Wichtigeres zu tun als zu spielen und Müll raus zu tragen!

Der jüngere versuchte jetzt mit aller Kraft, die Türe von außen wieder aufzumachen. Genervt drehte er den Schlüssel um, lehnte sich von innen gegen die Türe, an die der 4-Jährige mittlerweile mit beiden Fäusten hämmerte und dachte ohne zu überlegen: „Ich wünschte, ich wäre ganz allein auf der Welt, dann hätte ich endlich mal meine Ruhe!

Blop! und so war es dann auch.


Ach ja, und wer auch auf den Besuch des Heinzelmännchens hofft, den muss ich leider enttäuschen. Das Gedankenwandelprogramm musste nach diesem Zwischenfall aus Sicherheitsgründen eingestellt werden.

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2 Gedanken zu “Einsame Spitze (oder Nur Übung macht den Meister)

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