Krähenhaftes.

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Quelle: pixabay

Ich verwandle mich. Langsam aber sicher. Aus mir wird mit fortschreitendem Alter eine Krähe. Eine alte Krähe. Kann auch gar nicht anders sein. Jünger werden wir schließlich alle nicht. Dieser Tage fühle ich das ganz besonders. Schuld daran ist wahrscheinlich eine meiner liebsten Leidenschaften, die tatsächlich auch Leiden schafft. Im Blog erwähne ich es öfters: mein großes Weihnachtsprojekt. Ich stricke Puppen für meine Nichten. Dass mein Geheimnis hier gelüftet oder entdeckt werden könnte, ist wenig wahrscheinlich. Die jungen Damen sind noch nicht des Lesens mächtig und die Mamas – sollten sie hier herein stolpern – werden es ja wohl schaffen, dass sie dicht halten.

Es ging schon einmal leichter. Da hatte ich die Nadeln locker in der Hand und strickte Masche um Masche flüssig und leicht dahin. Leicht geht es immer noch. Aber nach tagelangem – ja, ich will es fast so bezeichnen – Amokstricken werden die Finger etwas steif und ungelenk. Fast schon fühlt es sich an, als krümmten sie sich dürr und unansehlich  wie bei einem Vogel. Mein Nacken gekrümmt vom genauen Schauen. Die Augen verengt zu kleinen schwarzen Knöpfen. Einzig Flügel werden mir keine wachsen, da muss ich wohl beim Besen bleiben, wenn ich mich in die Lüfte schwingen will.

Die Verwandlung nimmt also ihren Lauf. Schon greife ich dem biologischen Alter vor und arbeite mich krumm und bucklig. Damit mir dann die frechen Gören hinterher schreien: „Schaut, da geht sie die alte Krähe! Die kann sicher hexen!“

Ich werde an sehr viel frühere Zeiten denken, als das mitunter genügte, um eine auf den Scheiterhaufen zu bringen, nur weil sie klüger und geschickter war oder einfach auch nur erfolgreicher. Und vor solchen hatte man gemeinhin Angst, dass sie einem etwas vom eigenen Erfolg wegnehmen könnten.

So also krümmt diese vermaledeite Strickerei meine Gelenke und Knochen. Doch lassen kann ich trotzdem nicht davon. Nur manchmal erfahre ich Erleichterung, wenn ich mich im Yoga übe. Doch warum fällt mir in letzter Zeit diese eine Übung soviel leichter? Diese Übung, die sich da nennt die Krähe? Kann es denn sein, dass die Verwandlung schneller vor sich geht, als ich es selber ahne? Dass die gekrümmten Finger gar nichts mit meinen Stricknadeln zu tun haben? Dass meine kleinen müden Augen nicht so sehr müde sind als vielmehr …

Sollte ich eines hoffentlich fernen Tages tatsächlich die Maden aus dem Boden picken und die Eier aus den Nestern der Singvögel stehlen, dann ist das der letzte Beweis, dass ich doch zur Krähe geworden bin. Eines zumindest kann mich trösten. Krähen gelten als sehr kluge Tiere. Und sie können fliegen. Was mir trotz Besen noch nicht so gut gelingt. Also im Grunde gar nicht gelingt. Ich hebe noch nicht einmal vom Boden ab. Vielleicht liegt es am Gewicht. Ach nein, es sind sicher die schweren Knochen …

… krächz … heiser bin ich auch irgendwie. Ob ich mich verkühlt habe? Gestern, als mir der kühle Frühlingswind durch die Flügel die Haare pfiff?

Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ein bisschen komisch ist mir schon …

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8 Gedanken zu “Krähenhaftes.

  1. Gestern im Gebirg sah ich hoch hoch oben über einem steilen Abgrund auf einer Föhre einen schwarzen Vogel sitzen. Er hatte durch sein heiseres Rufen auf sich aufmerksam gemacht. Zu gern würde ich wissen: warst du das?

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      1. Hast du den Hund nicht gesehen? den kleinen Jagdhund? Und an dem Felsen kletterten zwei Menschen an Seilen. Du gefielst mir, ich hab dich sogar fotografiert, bist aber auf dem Foto nur als schwarzer Punkt zu sehen. Wenn du es warst, wirst du dich erinnern. Wenn nicht, frag ich hier weiter herum.

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