Kopfchaos

Chaos!

Chaos das bin ich. Ich bin das Chaos.

Als ich 1982 geboren wurde, hätten sich meine Eltern bestimmt nicht vorgestellt, dass sie gerade einen der chaotischsten Menschen den sie je kennenlernen würden auf die Welt verholfen haben. Meine werte Frau Mama ist ja mindestens so pingelig, durchstrukturiert, ordentlich und putzfanatisch wie mein Mann. Sie war auch viele Jahre lang, sehr erfolglos, darum bemüht meinem Chaos Herr zu werden und mir zumindest ein wenig Ordnungssinn beizubringen. Diese Aufgabe übernimmt nun seit ebenfalls einigen Jahren mein Mann. Genauso erfolglos übrigens.

Es wäre absolut nicht in Ordnung zu behaupten, dass ich mein Chaos mögen würde. Schließlich ist es für meine Mitmenschen (vorzugsweise die, die mit mir zusammen Leben müssen) nicht immer leicht. Wo ich gehe, wo ich stehe, was auch immer ich mache, es sieht danach entweder total chaotisch aus oder es entsteht Chaos. Selbst dann, wenn ich redlich bemüht bin, dass genau DAS nicht passiert! Und selbst das Putzen hinterher ist nicht unbedingt das, was man sich wünschen würde. (Ich habe schon sehr oft erlebt, dass mein Mann mir heimlich hinterher putzt, wenn ich gerade geputzt habe – was übrigens sehr demotivierend ist, denn es gibt mir das Gefühl, es erst gar nicht machen zu brauchen, weil es sowieso nicht in Ordnung ist, wie ich es mache!)

Was ich persönlich aber an meiner Art des Chaos‘ mag, ist die damit einhergehende Fähigkeit hinter dem Chaos sowohl System als auch eine gewisse Ordnung zu erkennen. Dies gilt sowohl für mein eigenes Chaos als auch das anderer Menschen. Völlig irrelevant um was für eine Form von Chaos es sich handelt. Das ist mein ganz persönlicher Sinn für Details. Ein real gewordenes Wimmelbildspiel und wer suchet der findet. Umso verworrener desto besser, weil spannend. Und alles was spannend ist, kann mich nicht langweilen. (Vorerst zumindest ….) Wo andere schon lange nichts mehr erkennen, sehe ich unheimlich viel und oft noch mehr. Dies macht einen Teil meiner analytischen Persönlichkeitsstruktur aus. Und dies ist auch der Grund, wieso es einen Bereich in meinem Leben gibt, an dem ich Chaos so rein gar nicht, nein wirklich überhaupt NICHT leiden kann.

Dieser Bereich ist mein Kopf. Um genau zu sein: Mein Gehirn!

Kopfchaos ist absolut unduldbar! In meinem Gehirn werden nicht nur Dinge innerhalb von Sekunden verwertet, sortiert, geordnet und analysiert, nö … es wird auch alles fein und säuberlich abgeheftet und in die entsprechenden Schubladen archiviert, so dass ich bei jeder Gelegenheit ohne langes Suchen auf entsprechende Informationen zugreifen kann, so es denn notwendig ist.

Meine Gedankenstruktur ist mit Sicherheit nicht Linear und für einen Außenstehenden wahrscheinlich auch nur ein besseres Chaos … aber für mich gehört mein Bewusstsein als auch Unterbewusstsein zu den best sortiertesten und ordentlichesten Bereichen in meinem ganzen Leben.

Dementsprechend kann man sich gewiss vorstellen, wie schrecklich es für mich ist, dass ich seit der Schwangerschaft unter Kopfchaos bzw. Gehirngulasch leide. Drei Kreuze habe ich gemacht, als ich registrierte, dass es mittlerweile langsam besser wird und meine gewohnten Denkprozesse allmählich wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Umso furchtbarer ist es, dass ich derzeit wieder extrem abbaue, weil die Umstände dies unheimlich begünstigen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendetwas eintritt, wo ich da stehe und mich für völlig hohl in der Birne halte. Sich permanent dumm oder zumindest geistig eingeschränkt zu fühlen, ist tatsächlich kein besonders gutes Gefühl.

Neulich erst ereignete sich etwas so dramatisches, dass ich ernsthaft an meinem Verstand gezweifelt habe. Folgendes ist geschehen:

Derzeit und aufgrund des heißen Wetters, mag mein Sohn seine Schlafenszeiten nicht mehr einhalten. Mit sehr viel Glück kriegen wir ihn gegen 20 Uhr zum schlafen. Mit etwas weniger Glück leider erst um 21 Uhr. Seine normalen Zeiten waren bisher eigentlich 18-19 Uhr. Drama im Hause S. Jawohl. Leider bedeutet das auch wieder mehr Schlafmangel für mich. Denn natürlich hält mein Sohn neben seinen Schlafenszeiten nun auch seine Essenszeiten nicht mehr ganz so gut ein. Das 22 Uhr Fläschchen entfällt, weil er sich dann nämlich im Tiefschlaf befinden. Stattdessen wird er nun zwischen 2-3 Uhr in der Nacht wach. Böse! Weil, logisch, ich werde dann natürlich auch wach und muss aufstehen und meinem Kind das Fläschchen kredenzen. Und tatsächlich beeinflusst nichts meine Gehirnleistungen nachhaltiger, als wenn ich Nachts nicht schlafen kann oder plötzlich geweckt werde. Nächtliche Unterbrechungen dieser Art sorgen für einen desolaten Zustand über Tag. Kein Wunder also, dass ich intensiv an einem Rythmus mit meinem Kind gearbeitet habe, der das nächtliche erwachen verhindern soll. Wobei mir immer klar war, das Ausnahmen die Regel bestätigen. Derzeit befinden wir uns also leider eher im Ausnahmezustand.

So geschah es, dass mein Mann mit unserem Sohn im Wohnzimmer saß. 20 Uhr. Das Kind wird quängelig. Eigentlich ist er nämlich schon länger total müde, aber dank der Wärme nicht in der Lage einzuschlafen. Das gequängel wird mehr und mehr.

„Tally? Hol doch mal seinen Schnuller“, bittet mich mein Mann. Ich nicke abgelenkt. Mir ist auch warm, ich bin müde, weil wenig geschlafen und die Tage ohne richtigen Mittagsschlaf sich irgendwie doppelt so lang anfühlen. Ich trabe in die Küche und hole den Schnuller. Mit diesem in der Hand kehre ich zu Mann und Kind zurück.

Ich weiß nicht mehr worüber wir uns unterhielten, aber es war intensiv genug, dass ich mich stark konzentrieren musste. Während ich mit meinem Mann sprach drückte ich den Schnuller gegen seinen Mund und versuchte ihm diesen zu geben. Immer wieder drückte ich den Schnuller gegen seine Lippen. Langsam aber sicher wurde ich richtig wütend, dass er den dämlichen Schnuller nicht nimmt. Mein Sohn hockte derweil auf dem Schoss meines Mannes, beäugte mit großen Augen den Schnuller und wollte ihn entweder mit der Hand greifen oder ihn in den Mund nehmen. Dies verhinderte ich allerdings, in dem ich den Schnuller immer wieder hastig aus seiner Reichweite zog, um es erneut bei meinem Mann zu probieren.

„Tally?! Warum versuchst du mir den Schnuller in den Mund zu stopfen?!“, fragte mein Mann entgeistert, nachdem er sich eine Weile irritiert meiner Versuche erwehrt hatte.

„Boah!“ fuhr ich auf. „Jetzt stell dich nicht so an! Du wolltest doch, dass ich dir den Schnuller hole! Nun nimmt den doch endlich mal!“

Mein Mann, völlig perplex: „Ja … aber Tally, der ist doch für unseren Sohn und nicht für mich!“

Ööööööh. Für einen Moment war ich sprachlos, bis ich begriff, was an dieser Situation so falsch war. Und das hat wirklich eine Weile gebraucht. Derweil jammerte mein Sohn ganz bitterlich, weil er endlich seinen Schnuller haben wollte, dem ich ihm dann auch mit einiger Verzögerung gab.

Hach …. ja. Natürlich haben wir darüber gelacht. Aber … meine Güte. Mein Kopfchaos! Da ich außerdem neulich mein Handy im Kühlschrank gefunden habe und den Käse in meiner Handtasche, fürchte ich, wenn sich das nicht bald bessert, wird eine Weiterführung meines Studiums eine größere Herausforderung, als ich bisher gedacht habe.

Es ist doch zum Haare raufen! In der Schwangerschaft habe ich des Öfteren gesagt, dass wahrscheinlich meine ganzen guten Gehirnzellen derzeit auf dem Weg zu meinem Kind sind, damit sein Gehirn gut wächst. Scheinbar ist dem auch so gewesen, denn ich hab sie definitiv nicht mehr alle beeindander.

Also WEHE mein Kind wird nicht einigermaßen schlaubig! Dann schmoll ich! Für immer!

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3 Gedanken zu “Kopfchaos

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