Ausweg aus dem Chaos

Könnte es eine Depression sein?“ fragte der Arzt nachdem sie zu erzählen aufgehört hatte.

Hörte ihr eigentlich jemals irgendjemand wirklich zu? Sie spürte Wut in sich aufsteigen. Immer bürdete man ihr alle Arbeit auf. Vielleicht weil sie eine Frau war? Vielleicht weil sie sich alles gefallen ließ? Vielleicht weil sie sich nie Nein zu sagen traute? Es war doch schließlich seine Aufgabe, die Diagnose zu stellen!

Als sie auf die Straße trat, war kein Mensch zu sehen. Mittagszeit und sommerliche Hitze im Frühling. Wer konnte, lag im Schwimmbad auf dem Rasen oder saß irgendwo in einem schattigen Gastgarten und aß zu Mittag. Wer nicht konnte, schwitzte im Büro, im Geschäft oder auf der Baustelle. Vielleicht froren die auch, in den modernen Gebäuden, wo doch heutzutage die Klimaanlagen gerne auf arktische Temperaturen gestellt wurden, nach dem Motto „because we can“.

Sie zog das Smartphone aus der Tasche und suchte nach der nächstgelegenen Apotheke. Die bei ihr ums Eck wollte sie heute lieber vermeiden.

Halbversteckt hinter einer riesigen Sonnenbrille betrat sie die Alte Apotheke und schob der jungen Frau hinterm Tresen wortlos das Rezept zu. „Wissen Sie wie Sie das Mittel einnehmen müssen?“ fragte die Angestellte als sie mit der kleinen weißen Schachtel aus dem hinteren Teil des Geschäfts wieder auftauchte. Sie schüttelte stumm den Kopf. „Ich schreibe es Ihnen auf“ meinte die junge freundlich.

Gerade als sie bezahlen wollte, läutete ihr Handy. Nervös fing sie an in ihrer Handtasche zu kramen. Die Musik spielte lauter und lauter. Sie schwitzte noch stärker als draußen in der Sonne. Kaum etwas hasste sie mehr, als wenn Leute ihr Handy lang läuten ließen. Endlich hatte sie es gefunden. Nach einem kurzen Blick auf das Display, sprach sie mit gedämpfter Stimme ohne Gruß nur einen Satz in ihr Telefon: „Ich besorge nur noch die Pistole„. Dann steckte sie das Handy wieder weg. Während sie den Pin in die Bankomatkasse eintippte, spürte sie die Blicke der jungen Angstellten auf ihr, aber sie wagte es nicht aufzublicken. Wortlos ging sie hinaus. Auf der Straße musste sie sich erst orientieren. Ach ja, das Waffengeschäft war gleich in der nächsten Quergasse.

Als sie zu Hause in ihr Garage fahren wollte, parkten zwei Einsatzfahrzeuge in der Einfahrt. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie blieb in erster Spur stehen. In ihrem Kopf spielten sich scheinbar hunderte Szenarien gleichzeitig ab, was wohl passiert sein konnte. Wo sollte sie sich hinstellen? Konnte sie so stehen bleiben? Rettung und Polizei blockierten ihren Parkplatz.

Zwei Sanitäter und ein Polizist kamen langsam auf ihr Auto zu. Sie sah ihren Mann in der offenen Haustür stehen. Er hatte seine Arme um die Kinder gelegt, die sich an ihn drückten. Sie spürte, dass sie stark schwitzte, obwohl die Klimaanlage lief. Mit zittrigen Fingern öffnete sie ihr Fenster. „Frau Wender?“ fragte der Polizist. „Ja …“ sagte sie fast stimmlos. „Bitte stellen Sie den Motor ab und steigen Sie aus.“ Sie gehorchte. Befehlen gehorchte sie immer und Uniformen machten ihr sowieso Angst. Der Polizist trat zur Seite und ließ die beiden Sanitäter vorbei.

Frau Winter …“ fing der dickere der beiden mit säuselnder Stimme an. „Wender“ verbesserte ihn der andere. „Frau Wender, kommen Sie bitte mit uns. Wir wollen nur mit Ihnen sprechen. Wissen Sie, es gibt immer einen besseren Ausweg. Es gibt viele Wege aus dem Chaos…“

Sie war völlig verwirrt. Welches Chaos? Was für eine Art Rede sollte das sein? Sollte Sie das irgendwie beruhigen? Verzweifelt schaute sie zu ihrem Mann hinüber. Er lächelte gequält und seine Lippen formten die Worte „Es wird alles wieder gut.“ Der Anruf aus der Apotheke war wie ein Weckruf für ihn gewesen. Womöglich hatte er zu lange ihre ständigen Klagen nicht ernst genommen. Aber ab jetzt würde er alles ernst nehmen, was sie sagte, alles.

Die Tränen schossen ihr in die Augen. Gar nichts würde gut werden, dachte sie. Der Tag wurde zum reinsten Albtraum. Der Polizist ging langsam um ihr Fahrzeug herum und sah bei allen Fenstern hinein. Auf der Rückbank lag noch die Plastiktüte mit den Wasserspritzpistolen aus dem Spielzeugladen gegenüber dem Waffengeschäft in der Innenstadt. Damit hatte sie ihre Kinder überraschen wollen an diesem heißen Tag, aber ihr Leben verwandelte sich gerade in ein wirkliches Chaos, weil die Menschen ihr plötzlich zuhörten.

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2 Gedanken zu “Ausweg aus dem Chaos

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