Vom Zwangsgefängnis zur Chaos-Queen?

Rückblick in meine Kindheit: In meinen Schränken liegt alles perfekt säuberlich sortiert, die Worte „Räum endlich dein Zimmer auf!“ kannte ich nur aus dem Fernsehen, Chaos nur vom Hörensagen. In der Schule war ich bereits von mir enttäuscht, wenn ich einmal im Jahr meine Hausaufgaben vergessen hatte. Alle meine Aufgaben erledigte ich lieber jetzt als später.

Klingt nach einem wahren Traumkind? Ich denke zumindest, dass mich meine Mama nicht gegen den aufbrausenden schlagenden Rebell in der letzten Reihe getauscht hätte. Das Ganze hatte nichts Zwanghaftes. Ich war einfach ein sehr ordentliches gut organisiertes Kind mit einem Hang zum Perfektionismus.

Während meiner Abiturzeit hat sich das Blatt jedoch noch einmal gewendet und meine Ordnungsliebe entwickelte sich zum Ordnungszwang. Der Tag war komplett geplant und konnte ich diese Struktur einmal nicht einhalten, litt entweder mein Essverhalten oder meine Mutter darunter. Ich musste jede Schulpause zum Lernen verwenden, Abendessen gab es um Punkt 19 Uhr und mein Wochenende war ausgefüllt mit Schulkram und Essensritualen.

Es ist nicht selten, dass während einer Essstörung Zwangsproblematiken entwickelt werden. Diese Info hat mir aber damals wenig geholfen. Ich fand meinen Alltag einfach nur anstrengend und habe mich gefragt wie ich dieses zwanghafte Verhalten jemals wieder loswerden sollte. Ich hatte keine Lust mich auch noch darum zu kümmern!

Doch welch Wunder! Als ich wieder mehr gegessen habe, begann mein Kopf plötzlich wieder allmählich zu funktionieren. Zwänge lösten sich von ganz allein auf. Ich schaffte es wieder auch mal angenehme und entspannende Tätigkeiten auszuführen. Dieses ständige „Ich muss was tun!“ wurde schwächer.

Da ich aber in so manchen Bereichen ein Problem habe meine Mitte zu finden, waren diese Lockerungen der Anfang meiner kleinen Chaos-Welt. Ich möchte nicht übertreiben, da viele Menschen sagen würden, dass ich niemals in meinem Leben chaotisch war, trotzdem war ich für meine Verhältnisse schon ziemlich verplant.

Vieles wurde mir egal, ich habe Dinge vor mir hergeschoben und fand einfach nicht den Antrieb mich um die dreckigen Teller in der Spüle zu kümmern. Ich schrieb mir Pläne, von denen ich nur das Wenigste umsetzte und die Uni lief nebenher.

Ja ich weiß, dass dies alles Symptome für meine damalige Depression waren, aber ich fühlte mich trotzdem sehr chaotisch. Ich denke, dass Chaos immer eine subjektive Einschätzung ist. Jeder hat eine andere Vorstellung davon.

Heute bewege ich mich zwischen Chaos und Ordnung hin und her. Ob ich meinen Mittelweg gefunden habe, weiß ich nicht. Aber ich komme ganz gut zurecht. Manchmal stelle ich selbst an mich den Anspruch wieder so perfekt und strukturiert zu sein wie früher. Dann denke ich jedoch zurück, wie ich mich damals gefühlt habe und stelle gerne noch einen dreckigen Teller zu den anderen dazu.

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Handlettering by Mein Leben als Psycho

 

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4 Gedanken zu “Vom Zwangsgefängnis zur Chaos-Queen?

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