Blau

Meine Freundinnen wollten nach Hause. Ich nicht. Aber sie sind sehr nett, echte Freunde, so zwangen sie mich mitzukommen. Für die genialen Ideen, die mir in dem Moment kamen, konnten sie sich nicht erwärmen.

Schon auf dem Nachhauseweg benahm mein Kopf sich merkwürdig. Nicht mehr wie ein Kopf. Er war jetzt eine Schale. Mit drei Murmeln in seinem Inneren, die lustig darin schwankten. Drei vorwitzige Skater auf der Halfpipe. Je abrupter eine Bewegung war, desto waghalsiger rollten sie von einer Seite zur anderen. Sie überschlugen sich sogar. Mir gefiel das nicht.

Ich fand heraus, dass es besser wurde, wenn ich mein Gesicht auf die Steinfliesen des Balkons legte. Bewegungslos konzentrierte ich mich ganz darauf, wie die Kälte durch meine Wange in die Schale waberte und langsam alles betäubte. Dabei konnte ich immer nur eine Gesichtshälfte zur gleichen Zeit behandeln. Bevor ich den Kopf langsam auf die andere Seite drehen konnte, musste die erste so weit gekühlt sein, dass sie wirklich völlig taub war, dann ging es. Ganz langsam, keine ruckartige Bewegung, es galt, den Kopf in einer einzigen, langsamen, fließenden Bewegung von einer Seite auf die andere zu führen. Eine Yogaübung höchsten Ranges.

So lag ich da, ich weiß nicht wie lange, ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ich war die Konzentration in person. Irgendwann breitete jemand eine Decke über mir aus. Irgendwann stand Annika über mich gebeugt da und sagte, ich könne nicht länger draußen liegen. Zu kalt. Und ach: lass dir bloß nicht einfallen, in den Garten der Vermieter zu kotzen.

Irgendwann lag ich im Badezimmer. Wange an der Kloschüssel. Auch schön kalt, aber getrübt von meinen Vorurteilen gegenüber Kloschüsseln, die ich selbst in diesem außergewöhnlichen Moment nicht loslassen konnte. Ich verabschiedete mich vom Abendessen. Die Murmeln gebärdeten sich jetzt weniger wild.

Irgendwann lag ich in meinem Bett und ein neuer Tag hatte begonnen. Und ich hatte noch nicht einmal Kopfschmerzen.

Dazu muss ich noch anmerken, dass ich es, obwohl ich weder geradeaus gehen noch gerade gucken konnte, zwischen all den irgendwanns noch irgendwie geschafft habe, meinen Rechner hochzufahren, um zu checken, ob du mir geschrieben hast. Also, wenn du dich jetzt nicht geehrt fühlst, dann weiß ich’s auch nicht.

Das Problem an solchen Aktionen: die Gruppe der trinkfreudigen Mitschwestern ist erheblich geschrumpft, um nicht zu sagen inexistent. Fast alle sind dazu übergegangen, das Trinken auf ein paar vornehme Gläser Wein zum Essen zu beschränken. Das führt zu dieser sehr zweifelhaften Ehre der Einzigartigkeit und, schlimmer noch, alle anderen können sich am nächsten Tag auch noch an alles erinnern. Meine volle Konzentration gilt jetzt einem Satz, ich spreche ihn wie ein Mantra vor mir her: „Ich stehe da drüber“. Denn im Gegensatz zu ihnen erinnere ich mich an diesen Abend nicht mehr in allen Einzelheiten.

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3 Gedanken zu “Blau

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