Nochdenga übers Redn.

Wer hat sich denn DAS Thema ausgesucht? Dachte ich zuerst. Do foit ma goa nix ei!
Dialekt spricht man eben. Oder auch nicht. Ich bin mit meinem Dialekt aufgewachsen. Und bin deshalb in späteren pubertären Jahren herablassend angesehen worden von jenen in der Schule, die selbst auch Dialekt sprachen. Einen anderen Dialekt. Aber eben nicht so herausragend. Die Kränkungen von damals habe ich überwunden. Vergessen werde ich sie trotzdem nicht. Dialekt zu sprechen kann einem einen Stempel aufdrücken. Den des Hinterwäldlerischen, der Einfältigkeit, den des tumben Bauerntrampels. Den Stempel bekommt man erst wieder weg, wenn man das Umfeld wechselt, geografisch wie sozial gesehen.

Noch später in der großen Stadt wurde ich groß angesehen, weil man mich nicht verstand, wenn ich Dialekt sprach. Zustimmung konnte ich da schon einmal in einem „Jo eh i a!“ bekunden. Diese Aneinanderreihung von Vokalen zog des öfteren fragende Blicke nach sich.

Richtig Dialekt habe ich trotzdem nie gesprochen. Mein Freund, von dem ich glaube, dass er nicht mehr mein Freund sein mag, warf mir einmal vor, zu schnell Sprachfärbungen meiner jeweiligen Umgebung anzunehmen. Nicht beständig in meinem Heimatdialekt zu sein. Damals war ich gekränkt und habe ihm das übel genommen. Heute sehe ich das mit mehr Abstand. Sicher kann man sich dessen rühmen, an seiner Muttersprache und im Speziellen an seinem lokalen Dialekt festzuhalten, aber was ist so verkehrt daran, auch andere Begriffe in seinen Sprachgebrauch aufzunehmen? Hilft es einem doch auch dabei, sich schneller zu integrieren. Wo doch Integration heute in aller Munde ist!

Wobei … nein, so tolerant und großzügig bin ich jetzt eigentlich doch nicht. Und das betrifft meine Kinder. Obwohl in unserem Haus nie hochdeutsch gesprochen wurde, sondern Umgangssprache, reden die zwei immer schon mehr oder weniger hochdeutsch. Die Entdeckung des Dialekts war wie das Erlernen einer zweiten Sprache und kam erst viel später, ungefähr mit Eintritt ins Schulalter und war entsprechend lustig. Mein Missfallen erregt aber vielmehr der Einzug des Bundesdeutschen in die Sprache meiner Kinder. Man möge mir an dieser Stelle verzeihen, dass ich das hier so schreibe. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich damit jetzt anecken könnte. Ich bin schließlich ein Ösi aus einer tiefen finsteren Schlucht. Wobei es im Waldviertel praktisch keine Schluchten zu finden gibt und auch keine tiefen Bergtäler. Und ja, nördlich der Donau lebe ich übrigens auch noch.

Die Kinder von heute haben bereits sehr viele Ausdrücke des Bundesdeutschen übernommen. Was uns österreichisch-deutsch sprechenden Älteren natürlich sauer aufstösst. Weil wir immer wieder mit einem gewissen Ressentiment über die Grenze lugen. Das ist ein wenig so wie bei Geschwistern, die müssen sich auch immer streiten. Wenn ein „geh na, muaß des sei“ in ein „och menno“ mündet, dann kringeln sich mir die Zehennägel auf. Sorry, ist so. Wobei ich mir bewusst bin, dass das nichts ändern wird, da können sich die Zehennägel kringeln wie sie wollen. Die Kinder nehmen diese Sprache auf mit allem, was sie konsumieren. Videos auf YouTube, synchronisierte Filme, was immer. Aus dem Flugzeig wird das Fulchzeuch und aus der Kemie wird Schemie und aus Kina wird Schina. Das ist alles ganz normal für sie. „I hau da oane oba“ fühlt sich übrigens in die Tat umgesetzt nicht anders an als „ich knall dir eine“.

Aber erzähl ihnen von einem Roastoa, dann blicken sie dich fragend an. Gut, der Roastoa (= Grenzstein auf der Flurgrenze zwischen zwei Feldern) ist jetzt auch so schon nicht gängiger Wortschatz, speziell im Städtischen. Aber letztens erzählte ich meinem Mann von einer Hozat und der Ältere fragte nach, wer das sei. Wo ich doch von einer Hochzeit sprach und nicht von einer Person.

Natürlich muss ich dazusagen, dass der Ältere sich in einem (prä)pubertären Zustand befindet, deshalb ein höchst selektives Gehör entwickelt hat und nur manchmal Wortfetzen mitbekommt, die wie Randerscheinungen in sein Bewusstsein dringen. Das kommt erschwerend hinzu.

Doch zurück zum Dialekt. Ehrlich, ich finde, man darf sich seinen jeweiligen Dialekt ruhig bewahren. Sprache ist bunt. Aber es hat auch seine Vorteile, wenn man die Hochsprache beherrscht. Man kann sich besser verständlich machen und kommt auch nicht in die Verlegenheit, mit seinem Dialekt altbacken oder zurückgeblieben zu wirken. Denn oft kommt genau das beim Zuhörer an. Wenn ich im Waldviertler Dialekt rede (was ich ohnehin nicht kann, weil ich zu viele fremde Sprachfärbungen aufgenommen habe, siehe oben), dann wirke ich leicht wie jemand etwas Unbedarfter aus einem abgeschiedenen Tal. Wie jemand, der hinter den Bergen bei den sieben Zwergen wohnt und von nichts eine Ahnung hat. Dann wirke ich plump und unseriös. Was übrigens bei stümperhaft gesprochener Hochsprache ebenso ist. Weil man da gleich merkt, dass sich jemand in einer Sprache versucht, die nicht die seine ist.

Der Freund, von dem ich meine, dass er nicht mehr mein Freund sein mag, hat insofern gar nicht so unrecht, wenn er mich  kritisiert, dass ich mich zu schnell akklimatisiere, wenn ich in ein neues Umfeld komme. Weil ich mich damit angleiche und somit zu einer von vielen werde. Weil ich ein Merkmal aufgebe, das mich herausstellt. Weil ich damit in der Masse untergehen kann. Letztlich ist aber Sprache etwas Lebendiges, das sich immer verändern wird. Und selbst wenn wir heute bemängeln, dass Dialekte verschwinden und  die Sprache immer ähnlicher wird, so entsteht doch auch eine neue Sprache. Auch wenn mir eingedeutsche Anglizismen nicht gefallen oder plötzliche bundesdeutsche Ausdrücke im Dialekt. Fest steht, dass das schon immer so war. Wie viele slawische Namen haben unsere Städte und Dörfer, wie viele französische Wurzeln manche Wörter? Der wienerische Ausdruck Bassena für das Bassin, das Becken zum Beispiel. Französisch! Oder wenn ich sage, etwas ist futsch, dann ist das weg. Meine slowakische Kollegin erkannte das Wort als eines aus ihrer Muttersprache. Hier im Waldviertel gibt es den Begriff des huppan, wenn man ein Kind auf den Armen schaukelt. Houpa ist tschechisch und heißt Schaukel. Wo wird das wohl hergekommen sein?

Solange Menschen sich treffen und miteinander reden, werden sich Dialekte vermischen und verändern. Man muss nicht jeden Trend vorbehaltlos mitmachen, aber man darf sich durchaus etwas Spielerisches bewahren und gelassen bleiben. In fünfzig oder hundert Jahren werden unsere Nachfahren belustigt in Büchern von heute blättern und darüber schmunzeln, wie komisch wir damals geschrieben haben. Immer vorausgesetzt, dass die Menschen in der Zukunft noch des Lesens mächtig sind. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

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2 Gedanken zu “Nochdenga übers Redn.

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