Das Abschlusskonzert

Und dann kam es, wie es kommen musste. Morgen war der große Tag und „das dicke Ende kommt immer zum Schluß.“ Das hatte seine Oma oft gesagt. Er hatte sich stets darüber gewundert, welchen Sinn dieser Spruch eigentlich haben sollte, wo doch jedes Ende am Schluß kam, ob es nun dick war oder dünn. Wie sah so ein dickes Ende überhaupt aus? Wie ein Regenwurm oder ein Elefantenpopo?

Unruhig wälzte er sich im Bett hin und her. An Schlaf war nicht zu denken. Sein Lampenfieber hatte schon begonnen als der Lehrer zum ersten Mal das Abschlusskonzert erwähnt hatte. Seither hatte er kaum geübt. Schon bei dem Gedanken, vor vielen Menschen spielen zu müssen, schnürte es ihm die Kehle zu. Wenn er das Klavier nur ansah, wurde ihm flau im Magen und das Herz begann schneller zu schlagen. Seiner Mutter gegenüber behauptete er, er müsse noch viel für die letzten Prüfungen lernen und könne daher derzeit nicht jeden Tag üben, aber in Wirklichkeit setzte er sich nicht mit einem Schulbuch an den Schreibtisch, sondern legte sich betrübt ins Bett und wünschte, er könnte dem Auftritt entkommen.

Er liebte sein Klavier, aber er wollte nur für sich spielen. Schon die Anwesenheit des Lehrers macht ihn nervös und ließ ihn alle Griffe und Tonfolgen vergessen. Vielleicht könnte er ja krank werden genau an dem großen Tag? Seiner Mutter etwas vorlügen wollte er aber auch nicht. Es war schlimm genug, dass er ihr nichts von der Aufführung erzählt hatte. Alle anderen Eltern würden dort sein und die Leistungen ihrer Sprösslinge mit ihren Handies filmen. Ein paar Großeltern würden sogar mit Videokameras anreisen. Nur bei seinem Auftritt gäbe es dann keine in die Höhe gestreckten Hände mit Smartphone. Niemand im Publikum würde mitfiebern. Diese Vorstellung machte ihn traurig. Er fühlte sich so einsam und so schlecht. Er war sich gar nicht sicher, ob es mehr Selbstmitleid war, das ihn quälte oder das schlechte Gewissen.

Am nächsten Morgen war es so wie er es erwartet hatte. Ohne auf das Klingeln des Weckers zu warten, sprang er aus dem Bett. Beim Frühstück war er wortkarg und brachte keinen Bissen hinunter. Als ihm seine Mutter einen schönen Tag in der Schule wünschte, wand er sich rasch aus ihren Armen und verließ ohne Gruß das Haus.

Doch dann am Nachmittag unmittelbar vor seinem Auftritt passierte es. Seine Nervosität verflog und als er am Klavier saß, glitten seine Finger mühelos über die Tasten. Der Klang bezauberte das Publikum. Als der letzte Ton verhallt war, blieb es einen Augenblick lang ganz still. Dann setzte tosender Applaus ein. Die Eltern der anderen Kinder sprangen auf, klatschten begeistert und sogar ein paar „Bravo“-Rufe waren zu hören. Seine Augen waren tränennass als er sich verbeugte. Sein Blick wanderte über die Köpfe der freundlich lachenden Menge. Wo war sie nur, seine Mutter? Da fiel es ihm wieder ein. Er hatte ihr das Konzert ja verschwiegen. Sie war nicht da. Die Tränen rannen ihm übers Gesicht. Alle dachten, es wären Tränen der Freude. Dabei schämte er sich doch nur so schrecklich.

Da läutete plötzlich der Wecker. Noch ganz benommen setzte er sich im Bett auf und sah auf seine Finger. Das Klavier war verschwunden. Das tobende Publikum auch. Es war nur ein Traum gewesen. Der große Tag lag noch vor ihm und ganz besonders das dicke Ende.

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