Auf der Palme und unter der Erde

Spätsommer

Muss das sein?“ fragt sie genervt.

Die Knöchel ihrer rechten Hand sind ganz weiß, so fest umklammert sie ihren Löffel. Als könnte sie dadurch die aufsteigende Wut daran hindern, herauszukommen, Besitz zu ergreifen von ihr, von der Situation. Zustöpseln möchte sie das überlaufende Fass. Immer schlürft er die Suppe, laut und sabbernd. Die Suppentropfen bleiben in seinem Bart hängen. Eine halbe Ewigkeit lang hängen sie dann da und drohen jeden Moment herunterzufallen, auf sein Hemd oder den Tisch. Ein paar ziehen bedächtig langsam eine nasse Spur über sein Kinn. Wie tonnenschwere Gewichte hängen sie an ihren Nerven und zerren und zerren bis sie schließlich auf dem Tischtuch oder seiner Brust landen.

Sie hasst es, wenn er schlürft und er weiss, dass sie es hasst. Aber er tut es trotzdem. Bei jeder Suppe, seit 37 Jahren.

Er hält mit dem Löffel vor dem geöffneten Mund inne und schaut sie schweigend an. Dann verdreht er kurz die Augen und schlürft die Suppe genüsslich weiter.

Sie springt so abrupt auf, dass der Sessel umfällt. Den Löffel knallt sie neben ihren Teller und stapft wortlos aus dem Zimmer. Erst als sie schon am Ende des Wohnzimmers angekommen ist, dreht sie sich noch einmal um und fragt mit Tränen in den Augen: „Warum tust du das? Du weisst genau, dass ich es nicht mag. Du verdirbst mir den Appetit! Bei jedem verdammten Essen verdirbst du mir den Appetit!“ Schluchzend geht sie ins Schlafzimmer und schließt die Türe.

Er sitzt vor seinem halbvollen Teller und starrt ihr hinterher. Erst schüttelt er den Kopf, dann schlürft er noch ein paar Löffel. Als der Teller fast leer ist, schiebt er seinen Sessel vorsichtig nach hinten, legt den Löffel behutsam auf das geblümte Tischtuch und steht langsam auf. Nachdem er sich mit der Serviette Mund und Bart abgewischt hat, bückt er sich mühsam zu dem umgefallenen Stuhl. Er braucht mehrere Anläufe, um ihn aufzuheben und ordentlich an seinen Platz zurück zu stellen. Seine faltige Hand greift nach der Tischkante. Ihm ist schwindlig. Endlich schlurft er zur Schlafzimmertür.

Eva. Sei doch nicht böse. Du weisst, dass ich meine Suppe immer so esse.„, sagt er mit gedämpfter Stimme, aber seine Frau öffnet die Türe nicht.

Eva sitzt auf dem Bett und weint in ihre Hände. Sein Schlürfen und sein Schlurfen. Sie kann es nicht mehr ertragen. Warum hebt er nicht die Füße beim Gehen? Warum macht er nicht den Mund auf beim Essen? Warum macht er nicht den Mund auf, um mit ihr zu reden? Eine nette Unterhaltung – wann hatten sie die das letzte Mal? Ihr Zusammenleben besteht nur noch aus ekelhaften Geräuschen und einem wortlosen Nebeneinander.

Herbst

Eva sitzt bei Tisch und starrt auf den leeren Platz ihr gegenüber. Kein Schlürfen. Nichts. Nur das Ticken der Uhr an der Wand ist zu hören. Jede verdammte Sekunde ein „Klack“. Die Knöchel ihrer rechten Hand sind ganz weiß, so fest umklammert sie ihren Löffel. Als könnte sie dadurch die aufsteigende Wut daran hindern, herauszukommen, Besitz zu ergreifen von ihr, von der Situation, die ohne Ende scheint.

Trauer und Erinnerungen haben sich zu einem Sumpf des Leids vermischt, aus dem es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Jede einzelne „klackende“ Sekunde vermisst sie ihn. Ganz besonders sein Schlürfen, sein Schlurfen und die anderen Kleinigkeiten, die sie so oft auf die Palme gebracht haben.

Sie seufzt tief, dann nimmt sie einen Löffel Suppe und fängt an, ihn ganz langsam zu schlürfen. Laut, schmatzend, tropfend. Sie hält inne, wischt sich den Mund ab und ein kaum sichtbares Lächeln huscht über ihre Lippen. „Das muss sein“ sagt sie zu sich selbst.

Die Uhr tickt stur vor sich hin, ein trockenes Blütenblatt fällt vom verwelkten Strauß, der vor dem Andenkenbild auf der Kommode steht, auf den Boden. Eine Träne rinnt langsam über Evas Wange und vermischt sich mit den Suppentropfen am Kinn.

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6 Gedanken zu “Auf der Palme und unter der Erde

  1. Deine Geschichte hat mich zum Weinen gebracht:-( Mein Vater pflegte immer mit offenem Mund zu essen. Oh, das hat mich stets so auf die Palme gebracht! Ich mag es auch heute nicht. Aber … manchmal, da mach ich es ganz bewusst selbst 🙂 Besonders dann, wenn ich ein Butterbrot esse. Mit ganz viel Butter! Eben so, wie mein Vater früher.

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