Nach Hause

Wohin gehst du?“ fragte er mich mit leiser Stimme. Ich wollte nur die Tassen aus dem Schrank holen. „Ich bin gleich wieder da“ sagte ich lächelnd und reichte ihm gleich darauf die Tasse mit dem „Der beste Opa der Welt“-Spruch. Die brachte ihn stets zum Schmunzeln. Doch heute besserte sich seine Laune nicht. Schweigend nahm er die Tasse entgegen und stellte sie auf das kleine Tischchen, neben seinem Bett. Dort lag auch das Fotoalbum. Etwas zögerlich griff ich danach. Ob er die Fotos anschauen wolle, fragte ich ihn. Da er nicht antwortete, schlug ich die erste Seite auf. Ein kleines blondes Mädchen lachte fröhlich in die Kamera. Sie saß auf dem Schoß ihrer Oma. Opa saß daneben und hatte seinen Arm um die Schulter seiner Frau gelegt. Seine strahlend blauen Augen waren noch immer der Blickfang des Fotos, das schon stark vergilbt war.

Ich erinnerte mich noch an jenen Tag, an dem die Aufnahme gemacht worden war. Ich war vier Jahre alt und ahnte nicht, dass es der letzte Sommer mit meiner Oma sein würde. Auch Opa hatte sich seine Rente sicher anders vorgestellt, nicht so einsam. Seinen Humor hatte er trotzdem nie verloren. Das liebte ich so an ihm.

Jetzt schloss er die Augen und legte seinen Kopf auf die Polster, die ich hinter ihm gestapelt hatte, damit er bequemer sitzen konnte. Leise rückte ich den Stuhl weg vom Bett und stand auf. Heute wollte er wohl lieber schlafen. Bei den letzten Besuchen war er manchmal schon ein bisschen verwirrt gewesen. Einmal gar hatte er mich nicht gleich erkannt. Ich machte mir Sorgen, besonders jetzt, wo seine Fröhlichkeit auch noch verschwunden schien. Mein Herz fühlte sich heute sehr schwer an. Als lastete plötzlich nicht nur das Gewicht all der Bilder der Vergangenheit auf ihm, sondern auch die vagen Vorstellungen, was die Zukunft noch bringen würde an Abschieden von Menschen, die ich so lange für selbstverständlich genommen hatte.

Gerade als ich nach der Türschnalle griff, öffnete er wieder die Augen und fragte erstaunt: „Wohin gehst du?“ Ich blieb erschrocken stehen. „Ich … ich dachte, du willst schlafen“ antwortete ich etwas unsicher. „Ich bin müde“ bestätigte er und schaute mich abwartend an. „Dann sollte ich jetzt vielleicht gehen.“, meinte ich, ohne mich zu rühren. Er nickte stumm, aber sein Gesicht war voller Anspannung.

Ich stand schweigend in dem kleinen Zimmer des Pflegeheims, das seit ein paar Jahren sein Zuhause war und hörte das Ticken des alten Weckers auf dem Nachtkästchen. Den hatte ich schon als Kind aufgezogen. Manche Dinge halten ewig.

Ich wartete noch ein Weilchen, doch Opa schaute mich nur wortlos an. Langsam drehte ich mich zur Türe um.

Wohin gehst du?“ fragte er erneut. „Ich gehe nach Hause“ antwortete ich etwas überrascht. Noch einmal nickte er stumm.

Wann darf ich nach Hause?“ fragte er leise und seine blauen Augen sahen mich bittend an.

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5 Gedanken zu “Nach Hause

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