Klagenfurt, wir kommen!

Kwowadis“ liest die schlafdefizitäre Doppelbismehrfachbelastungsmama vor und gähnt.

Wo war dies?“ fragt das Grammatiknazi-Alter-Ego verwundert nach.

Nein. Quo vadis. Latein. Wohin gehst du …“ erkläre ich der gelangweilt herum lümmelnden Versammlung meiner Ghostreiterinnen. Niemand reagiert merklich. Nur gebrummte „Ach so„s und gemurmelte „Aha„s. Alle warten sehnsüchtig auf das Ende der Autorenbesprechung, damit sie schnellstmöglich wieder im Garten verschwinden dürfen, um auf Liegestühlen, Decken, Bänken und Schaukeln den ausklingenden Sommertag zu genießen. Niemand will sich heute anstrengen, um Kreatives zu Papier zu bringen.

Wohin? Wieso wird da nach dem Wohin gefragt?“ meldet sich plötzlich eine allen bekannte Stimme. Der Zwerg ist hereinspaziert und stellt sich vor den Schreibtisch. Auf Zehenspitzen stehend, versucht er über den Rand der Tischplatte zu lugen, um lesen zu können, was auf dem Bildschirm steht.

Die erste relevante Frage ist doch immer das Wer und als zweites das Warum“ erklärt er uns. Ein paar der Alter-Egos schauen ihn müde an. Man braucht nicht nachzufragen, wie er darauf kommt und wohin er damit will. Er wird es uns gewiss von sich aus erklären. Und schon geht die Belehrung los:

Zunächst muss man einmal wissen, um wen es geht, in einer Geschichte. Nimm den heurigen Bachmannpreisgewinner. Im ersten Satz kommt vor, wie der Protagonist heißt. Klarheit von Anfang an. Sauber! Wohin der dann geht? Wohin auch immer. Man muss vor allem, und ich betone MUSS auch nach dem Wieso und Warum fragen“ ereifert sich der kleine Mitbewohner und wird im Gesicht fast so rot wie seine Zipfelmütze.

Ich höre ihm ausnahmsweise fasziniert zu. Immerhin hat er bisher noch nicht das Wort „Zwerg“ erwähnt, dafür Gedanken, die Hand und Fuß haben, von sich gegeben. Nicht, dass Zwerge im Allgemeinen keine Hände oder Füße hätten, außer vielleicht das Rumpelstilzchen, nachdem es sich selbst auseinandergerissen hat, aber mit solch grausigen Details mag ich mich heute gar nicht beschäftigen.

Der Leser braucht das Warum des Wohin noch nicht zu kennen. Vielleicht erfährt er es erst ganz am Schluß, vielleicht wird aber auch die ganze Geschichte drum herum aufgebaut. Wichtig ist nur, dass sich der Schriftsteller zuallererst um das Warum Gedanken macht. Das Wohin ergibt sich dann eh von selbst. Wir Zwerge zum Beispiel …

Und mit diesem Reizwort hatte er meine Aufmerksamkeit augenblicklich wieder verloren. Aber sein Wer-Wohin-Warum-Zugang war interessant.

Natürlich kann man Geschichten auch anders aufbauen. Im besten Boulevardjournalismus wird über das Warum nur spekuliert. Da hört die Recherche schon nach dem Wer auf. Alles andere, die wirrsten Theorien werden – so scheint es mir manchmal – beliebig in den Raum gestellt.

Etwas in den Raum zu stellen ist an sich reflexionswürdig. Wohin verschwinden die Dinge, wenn man das Gespräch beendet hat? Macht es lautlos „Plopp!“ und sie lösen sich wieder in Luft auf (und kann es eigentlich ein lautloses „Plopp!“ geben?) oder müsste man bei jeder neuen Diskussion darauf achten, wo noch ein freies Plätzchen für „Etwas“ ist, das man in den Raum stellen will?

Während ich noch meinen eigenen Gedanken nachhing, passierte etwas noch nie Dagewesenes. Zwergs Ansprache vor der versammelten Autorinnenrunde hatte geendet und es folgte – Applaus! Alle meine Alter-Egos klatschten begeistert. Sie klopften dem Kleinen auf die Schulter und riefen „Bravo!“ und „Was für eine tolle Geschichte!„, „Welch grandioser Einfall!“ und alles durcheinander.

Und ich? Ich saß da und hatte die Geschichte des Zwergs vertagträumt. Dann wurde es noch schlimmer. Die literarisch bewanderste der Ghostreiterinnen meinte mit leuchtenden Augen:

„Die Geschichte musst du unbedingt aufschreiben. Ich sage euch, das ist unser Ticket nach Klagenfurt!

Die anderen nickten alle zustimmend und wollten den Zwerg schon auf den Stuhl heben, damit er an die Tastatur herankäme. Doch er wand sich geschickt aus dem nach ihm greifenden Händehaufen und meinte, beste Hietzinger Nasalität imitierend:

Aber bitte, bitte, meine Damen! Ich schreibe das doch nicht selbst auf! Das ist ja schließlich eure Aufgabe! Ich bin nur der Berater. Die Arbeit müsst ihr schon selbst machen!

Mit diesen Worten spazierte er fröhlich pfeifend aus dem Zimmer. Ich und meine Alter-Egos schauten uns verdutzt an. „Wo er recht hat, hat er recht“ meinte die Sprücheklopferin und nach und nach verflüchtigten sich die Alter-Egos. Ich blieb wie immer alleine zurück und saß wie ein begossener Pudel vor dem PC. Klagenfurt, wir kommen leider nicht, weil ich dem Zwerg nicht zugehört habe! Ob mich ein paar Bachblütentropfen über die Kurzlebigkeit der Blüte meiner Bachmannpreisträume hinweg trösten konnten?

Da steckte plötzlich die literarisch Bewanderte ihren Kopf nochmals bei der Tür herein und flüsterte „Pssst. Für den Bachmannpreis darf man nur unveröffentlichte Texte einreichen. Am Blog darfst du die Geschichte nicht bringen!“ und schon verschwand sie wieder in den Garten. Ich war gerettet.

„Klagenfurt, wir kommen!“ tippte ich langsam in den Computer. Mal sehen, wohin es uns wirklich führen würde …

plantsch
Zwar nicht der Wörthersee, dafür eine ungewisse Reise über den Wörtersee

 

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5 Gedanken zu “Klagenfurt, wir kommen!

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