Mama, wohin gehst du?

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Das Leben ist unbarmherzig. Es treibt einen immer weiter. Immer weiter und weiter und weiter. Nicht unbedingt geradlinig, sondern vielmehr im Zickzack. Auch nicht immer einfach. Manchmal ist es richtig mühsam. Herausfordernd geradezu. Schmerzhaft und anspruchsvoll.

Manchmal wünsche ich sie mir zurück. Diese Blase der Geborgenheit und der Unschuld. Diese Blase des elterlichen Schutzes, wo kein Unbill der Außenwelt zu mir durchgedrungen ist. Wo ich nur Kind und ein auf den Boden gefallenes Eis meine größte Tragödie war. Dorthin ginge ich manchmal gerne zurück. Wenn das Leben mit seinen unangenehmen Seiten auf mich hereinstürzt. Wenn mich die Kinder nach Terror, Flugzeugabstürzen und explodierenden AKWs fragen. Oder mit der Frage nach dem Warum zu mir kommen. Warum bin ich? Warum lebe ich? Warum gibt es mich überhaupt? Was ist der Sinn des Ganzen?

Dann bin ich plötzlich auch mit meinen eigenen Ängsten konfrontiert und soll aber den Kindern Antworten geben auf große Fragen, die ihre Unsicherheit mindern. Soll Antworten geben, obwohl gerade diese Themen meine eigene Unsicherheit mehren. Soll ihnen die Furcht nehmen und meine eigene trotzdem nicht vergrößern. Weil ich mich nicht drum drücken kann, wenn sie hartnäckig fragen, obwohl ich mich seit Jahrzehnten im Verdrängen übe.

Ich sehe bei ihnen den Kummer und das Bedürfnis, die Welt zu ordnen. Und stelle fest, dass ich in meinem eigenen Bemühen nicht viel weiter gekommen bin als sie. Würde sie am liebsten unter einen Glassturz stellen, damit sie das jetzt noch nicht erleben müssen. Auf dass sie immer glücklich sind. Die Sache mit dem Glassturz ist eine Illusion. Irgendwer kommt immer, der das Glas zerschlägt. Dieser Glassturz, der mir letztlich auch nur mein eigenes Leben erleichtern und mir die Fragen über die schweren Themen ersparen soll. Dieser Glassturz mit einem, der immer auf mich aufpasst und alles Unglück von mir abwendet. Und doch gibt es kein Entkommen. Es kommt der Tag, an dem wir uns den großen Themen stellen müssen. An dem man vielleicht feststellt, dass alles letztlich auf nur zwei Dinge hinausläuft. Auf den steten Wandel und die Abwesenheit von 100%iger Kontrolle. Wege dahin gibt es viele und die Furcht zeigt sich in vielen Facetten. Wer Kinder hat, wird das irgendwann feststellen. Und das muss man erst einmal aushalten (lernen).

„Mama, wohin gehst du?“

Fort – würde ich gerne sagen. Kneifen – würde ich gerne sagen. Weg von unangenehmen Fragen – würde ich gerne sagen. Aber ich bleibe und suche mit ihnen nach Antworten, die das Leben ordnen. Stelle mich der Herausforderung und ertrage ihren Kummer, der immer auch zu meinem Kummer wird.

„Mama, wohin gehst du?“

„Mit euch! Immer!“

 

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15 Gedanken zu “Mama, wohin gehst du?

  1. Ja, das möchten wir als Eltern gerne sagen. Und gerne glauben. Aber irgendwann empfinden erwachsen werdende Kinder das elterliche Versprechen, immer mit ihnen zu gehen, nicht mehr als Trost, sondern als Bedrohung ihrer Freiheit. Einerseits. Und andererseits ist es ein Versprechen, das sich nicht einlösen lässt. Wir können nicht mit jedem unserer Kinder mitgehen, und wir sollten es auch nicht versuchen. Und nicht versprechen, auch wenn es schwerfällt. Denn irgendwann endet unser Lebensweg, hoffentlich bevor der ihrige abbricht. Spätestens dann gehen wir nicht mehr mit unseren Kindern, sondern werden (im besten Fall) vor ihnen hergetragen in eine andere Welt. Manche Kinder müssen das frühzeitig lernen. Nicht jede Kindheit hat als tragischen Höhepunkt ein hinuntergefallenes Eis.
    Trotzdem eine schöne Geschichte aus der heilen Welt einer Familie, in der die Kinder nicht fragen müssen, ob das Brot für morgen oder das Holz für den Winter reicht, ob der Brunnen in diesem Sommer wohl wieder austrocknen wird und was mit Opa passiert ist, den gestern die Uniformierten abgeführt haben, weil er einen falschen Witz erzählt hatte.

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    1. Natürlich werde ich bei meinen Kindern sein. Meine Mutter ist auch bei mir, auch wenn sie gestorben ist. Das muss ja nicht bedeuten, dass ich sie in ihrer Freiheit eingrenze. Sondern dass ich da bin. Dass sie zu mir kommen können. Und wenn ich nicht zu helfen vermag, dann kann ich zumindest zuhören. Egal, ob sich meine Kinder von mir abwenden oder nicht, meine Gedanken werden trotzdem bei ihnen sein. Das muss sie ja nicht zwangsläufig einengen oder belasten.
      Selbst wenn dies die Geschichte aus einer heilen Welt ist, so hat auch sie ihre Schattenseiten. Nur, weil wir nicht in unserer Existenz bedroht sind, heißt das nicht, dass unsere Sorgen deshalb unbedeutender sind. Für ein Kind ist ein heruntergefallenes Eis genauso eine Tragödie wie für uns Erwachsene eine Kündigung oder eine zu hohe Rechnung.

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      1. Ja, jedes Leben hat seine Schattenseiten. Und jedes Leben hat auch seine Sonnenstrahlen. Ich wollte deiner schönen Geschichte auch nicht widersprechen, sie hat bei mir nur Assoziationen und Erinnerungen geweckt, die ich dir nicht vorenthalten wollte. Genau das zeichnet aus meiner Sicht eine gute Geschichte aus: Dass sie die Lesenden anrührt und zum Weiterdenken anregt, dass sie Gefühle anspricht und Ideen ans Licht befördert. In diesem Sinne: Danke für deinen Text und einen schönen Sonntag!

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      2. Ich sehe das auch so mit den Geschichten. Manche kommen so harmlos daher, aber wecken dann Erinnerungen in einer Intensität, dass man sich fragt, wo und warum das auf einmal herkommt.

        Hab auch du einen schönen Sonntag!

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  2. Ein sehr schöner Beitrag! Das mit dem heruntergefallenen Eis hatten wir neulich erstmals und es hat mich so an meine eigene Kindheit erinnert – ich war manchmal nicht die Geschickteste 😉
    Mutter ist man ein Leben lang und es verändert die Sicht auf die Welt und die Zukunft nachhaltig.

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  3. DANKE – du sprichst mir gerade sehr aus dem Herzen. Wir haben ja beide gerade Kinder um uns, die „neu gehen lernen“ und gerade beginnen intensiv ihren Weg zu suchen.
    Das Schwierigste für uns Mütter ist es wohl immer die richtige Dosis von Festhalten und Loslassen zu erwischen.
    Entscheidungen unserer Liebsten zu akzeptieren obwohl wir wissen, dass sie ein Fehler sind. Und je größer und älter sie werden umso ernsthafter sind manchmal auch die Konsequenzen.
    Und trotzdem – als Mutter geht man wohl immer mit. Auch wenn manchmal nur aus der Ferne das mütterliche Auge auf unseren Kindern ruht. In Gedanken und im Herzen sind wir immer bei unseren Nachkommen.
    Das Wichtigste hast du bei den Kommentaren angesprochen – wir können nicht immer physisch mitgehen, aber wir können immer eine offene Tür anbieten.

    Und was die „großen Fragen“ angeht: Ja, sie sind wichtig – und ja, ich übe mich, wie du, in Verdrängung. Und manchmal passiert etwas, das unsere üblichen Schutzmechanismen zusammenbrechen lässt und die uns dann wirklich vor diese Fragen stellt – ungeschützt, gewaltsam, und uns klein und nackt zurück lässt.

    Da hilft es auch nicht, dass wir in einem guten Land leben, in einem, in dem wir uns kaum Gedanken über Essen, Dach über dem Kopf oder Militärgewalt machten müssten. Die Fragen eines 14jährigen, warum sein Schulkollege sterben musste treffen einen. Wie soll man so eine Frage erklären? Wie gehe ich selbst damit um und wie trete ich der Mutter entgegen, die gerade alles verloren hat?
    Aber das ist es wohl auch, was uns zu Menschen macht.

    Was ich eigentlich sagen wollte: Ich fühle mit dir.

    Gefällt 2 Personen

    1. Oh nein, das tut mir leid für euch. 😔
      Ich denke, mit Beginn der Pubertät sind unser Kinder über den Zeitpunkt hinaus, dass wir alles für sie lösen und erklären. Wir werden jetzt von unserem Superhero-Podest geschubst. Sie fangen an, an uns zu zweifeln. Das erzeugt jede Menge Unsicherheit. D.h., jetzt müssen auch wir uns umstellen und mehr Begleiter als Führungsperson werden. Das ist eine spannende Zeit. Nicht einfach, zweifellos. Aber wir werden das schon schaffen.
      Alles Liebe!

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      1. Danke ♥
        Als Supermum habe ich mich eigentlich nie gefühlt. Eher wie Gretel die an der Seite ihres Hänsels durch den finstern Wald irrt.
        Gewisse Sachen haben sich mit der Zeit eingespielt, sind zur Routine geworden, aber fast täglich stehe ich irgendwo im finstren Wald, fühle mich unsicher und frage mich – wohin soll ich mich wenden?

        Kind sein ist ein Abenteuer, das für das Kind zu dem Zeitpunkt in den meisten Teilen wohl selbstverständlich ist. Mutter sein ist auf der ganzen Linie eine Abenteuer.
        Nicht dass ich mein Pfefferkuchenhaus nicht schon gefunden hätte – meine Kinder sind alles und noch viel mehr. Aber in jedem der drei steckt auch eine kleine Hexe, um nicht zu sagen ein kleines Teufelchen. Und es gibt viele Tage, an deren Ende ICH mich fühle als hätte man mich in den Ofen gesteckt – angebrannt.

        Und manchmal frage ich mich, wie ich die Kinder anleiten und führen soll, wenn es mir doch selbst an Führung und Anleitung fehlt.

        Was mich allerdings immer wieder beruhigt: Viele Menschen deren Kindheit wirklich schlimm war, die niemanden hatten der ihnen half, sind trotzdem „gute“ Menschen geworden.
        Ich glaube, wenn unsere Kinder erwachsen sind, und sie selbständig sind, Werte haben und glücklich sind (nicht unbedingt in der Reihenfolge), dann haben wir Eltern nicht alles falsch gemacht – im Gegenteil – dann haben wir unseren Job gut gemacht.

        Wichtig ist doch, was wir Ihnen vorleben. Und dass wir uns auch vor die Kinder stellen können und ehrlich sagen: „Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles, aber ich tue mein Bestes.“

        Auch dir – Alles alles Liebe ♥

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  4. Eine sehr schöne Geschichte und schöne Gedanken dazu, von allen. Jeder empfindet anders, je nachdem was man erlebt hat oder nicht. Ich als Mutter von 2 Teenagern jongliere jeden Tag mit festhalten und loslassen. Einerseits ist es schön sie so groß zu sehen, aber anderseits… na ihr wisst ja schon. Man möchte ja doch das beste mitgeben. Das grausige Drumherum von der Welt da draußen halte ich auf Abstand, ich nehme es war, verdränge es nicht aber wie gesagt: Abstand. Sonst würde man nichts mehr mit Spaß machen u zuhause sitzen . Bibbern vor Angst wäre keine Option. Und ich glaube jede Generation hat überlegt ob man noch Kinder in die Welt setzen soll. Ich kann mir ein Leben ohne meine Jungs nicht mehr vorstellen, trotz allen Höhen und Tiefen.

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