Ein bunter Haufen

Morgens, kurz vor Sonnenaufgang.

Müde Gesichter rundherum. Ich versuche es mit einem Lächeln und einem frischen „Guten Morgen!“ aber es kommt nur Gegrummel und ein noch dumpferes Schweigen zurück.

Draußen ist es noch stockdunkel“ zischt die ewige Nörglerin und schaut verdrossen aus dem Fenster in den immer heller werdenden Tag.

Also bitte, es ist ja schon 5, gleich geht die Sonne auf“ wende ich ein und mich dem Computerbildschirm zu. „Da steht es schwarz auf weiß … oder in diesem Fall sogar einmal in farbigen Lettern„. Ich zeige auf den Bildschirm. „Bunt“ steht da in blau, rot, grün und gelb.

Super“ murmelt die Zynikerin und gähnt, um ihrem Desinteresse noch mehr Ausdruck zu verleihen.

Und warum haben wir unser Treffen um diese unchristliche Zeit, wenn ich fragen darf“ wirft die Neugierige höflich aber provokant ein.

Dazu komme ich gleich.“ entgegne ich schon etwas genervt, weil mir weder der Tonfall noch die gerade herrschende feindliche Stimmung im Raum gefallen. „Es ist schon wieder nicht nur ein Thema gewählt worden, sondern gleich zwei auf einmal für eine Woche. Bunt und Morgengrauen …“ erkläre ich.

Sofort wird geflüstert und ein paar trockene, gespielt klingende Lacher ertönen. „Ah Haha!“ – so in etwa.

Ach, wie einfallsreich! Deshalb müssen wir uns im Morgengrauen treffen, um das passende Ambiente fürs Brainstorming zu haben. Na gut, mein Gedanke dazu ist:

Lass den Morgen ruhig mal grauen, vom Bett kann ich ihn auch anschauen‚“

Mit diesen Worten steht die ewige Nörglerin auf, um sich wieder ins Bett zu begeben, aber so einfach lasse ich meinen Trupp nicht desertieren. Es ist ja kein wirklicher Dienst, den sie leisten müssen, zugegebenermaßen auch kein freiwilliges Ehrenamt. Am ehesten wohl eine moralische Pflicht ihrem Ego gegenüber, das sie hierher führt zu dem Alter-Ego-Ghostreiterinnentreffen.

O.K., ein Gedicht also. Vielleicht können wir bunt und Morgengrauen ja irgendwie vermischen.Was sagst du dazu, Möchtegernliteratin?

Mein Alter-Ego wirft mir einen beleidigten Blick zu und gibt ein schnippisches „Das Möchtegern verbiete ich mir!“ von sich. Dann stützt sie das Kinn auf die rechte Hand, schaut an die Decke und fängt langsam an, aus dem Stehgreif zu reimen:

 

Das Morgengrauen, das Morgengrauen

will mir den Tag heut wohl versauen.

Erst geht die Sonne früh schon auf,

dann nimmt der Tag gleich seinen Lauf.

Und ich muss mit,

im Sauseschritt,

kein Ruhen, kein Rasten,

nur ewiges Hasten.

Das Morgengrauen, das Morgengrauen

kündet von neuen Werken und Taten 

und unserem langsamen Sterben auf Raten

 

Alle starren die Ghostreiterin entsetzt an.

Und wo war jetzt die Buntheit?“ frage ich, nachdem ich mein Unwohlgefühl, das sich beim letzten Satz des Gedichts eingestellt hat, abgeschüttelt habe.

Oh, bunt. Ach ja. Vielleicht das Bouquet am Gra…

Danke, danke“ unterbreche ich rasch. „Zu morbid!

Das macht das Morgengrauen. Um diese Uhrzeit fällt mir einfach noch nichts Witziges ein“ entschuldigt sich das Alter-Ego und schaut verlegen auf den Boden.

GUTEN MORGEN!“ tönt es plötzlich durch das Zimmer.

Ach du meine Güte, die winzige Rotmütze! Die hat uns noch gefehlt!“ ruft die Nichtvorurteilsfreie und schlägt sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Da steht auch schon der Zwerg in unserer Mitte und grinst uns an.

ICH bin wieder einmal euer Retter. Ich habe da eine ganz großartige Idee!“ erklärt er sichtlich stolz. Die Sprechpause, die er künstlich in die Länge zieht, um die Spannung zu steigern, wirkt nicht. Zu sehr sieht man ihm an, dass er mit seiner Idee sowieso jeden Moment herausplatzen wird. Da folglich auch niemand nachfragt, ruft er schließlich aufgeregt: „Ist ja schon gut! Ich verrate sie euch. Meine Idee für diese Woche lautet: Wir schreiben über uns selbst!

Aber wie soll denn zum Mitmachblogthema passen?“ fragt die Aber-Sagerin verwirrt.

Na, wir sind doch ein ziemlich bunter Haufen.“ führt der Zwerg aus und grinst noch breiter.

Moment!“ rufe ich dazwischen. „Die Idee hast du geklaut! Die ist nicht von dir, sondern von der lieben Gerda aus Griechenland!

Papperlapapp! Urheberrechte hin, Einfall her. Die Idee ist jedenfalls großartig. Am besten fangen wir mit mir an. Der Zwerg, das Zentrum der Kreativität, alles Großartige konzentriert auf engstem Raum ergibt eine noch viel konzentriertere Großartigkeit …

Also, wenn schon, dann muss es erst einmal um uns Alter-Egos gehen!“ ruft die Rampensau und drängt sich in die Mitte, ihre siamesische Zwillingsschwester, die Schüchterne mitschleppend. Die Schüchterne versucht sich auch sogleich hinter der Rampensau zu verstecken, weil sie im Gegensatz zu ihrer Schwester gar nicht gerne im Mittelpunkt steht.

Aha, so, so …“ murmle ich und staune darüber, welch bunt zusammengewürfelter Haufen wir tatsächlich sind. Nur der Zwerg, der ist im Moment gar nicht bunt. Er ist nur rot – von der Mütze bis zu den spitzen Schuhen, denn selbst sein Gesicht ist rot vor Zorn. Er kann es nicht ausstehen, wenn er übergangen wird.

Die Rampensau ist schon mitten in ihrem Vortrag darüber, welch wichtige Rolle sie in meinem Leben schon gespielt hat, als die Tagträumerin plötzlich ruft:

Seht nur, die Sonne geht gerade auf!

Alle springen auf und laufen in den Garten hinaus, um den Sonnenaufgang zu genießen. Die Rampensau steht verloren im Zimmer und schaut verwirrt drein, während die Schüchterne erleichtert aufatmet. „M. Mama schreibt doch sowieso anonym, wie sollten wir uns denn da dem Publikum vorstellen können?“ fragt sie ganz leise, aber es ist sowieso niemand da, vor dem sie erröten könnte, falls die Frage dumm war.

Dann halt nicht“ schnauft die Rampensau verärgert und zieht ihre Schwester auch in den Garten hinaus.

Nur der Zwerg ist trotzig im Zimmer geblieben. „Ha!“ ruft er entzückt und reibt sich seine kleinen Hände. „Jetzt gehört der Computer mir. Mal sehen, Morgengrauen, bunt und Zwerge. Das Märchen schreibt sich ja fast von selbst ….“

Aus dem Haus ist nur ein leises tipp, tipp, tipp zu vernehmen, während die Ghostreiterinnen im Garten den Sonnenaufgang mit „Oh!“s und „Ah!“s bestaunen.

 

 

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7 Gedanken zu “Ein bunter Haufen

  1. Zu viel der Ehre, flüstert errötend die Schüchterne, aber die Rampensau klatscht laut in die Hände und ruft: Ha! Da haben wir ja mal wieder einen formidablen Anstoß gegeben! Aber, aber! mahnt die Abersagerin, ohne den Zwerg wärs nix geworden. Und so geht es weiter – eine buntscheckige Quasselbude halt. Und wenn ich sie nicht stoppe, quasseln sie weiter bis zum Morgengrauen.
    Seid allesamt lieb gegrüßt und macht M Mama das Leben nicht so schwer – sagt Gerda aus GR

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