Das Höhlenmärchen

Es war einmal eine bunte Welt mit gelb-grellem Sonnenschein, weiß-grauen Wolken, ab und zu blau-tristem Regen und im Winter auch einmal glitzerndem Schnee. Dazwischen gab es hellgrüne bis ockerfarbene Felder, grüne Bäume und Sträucher, sowie Blumen und Autos in allen Farben. Das vom Menschen Geschaffene sprengte sowieso alle Farbpalettennuancen, die man sich nur vorstellen und schon gar nicht mehr richtig benennen konnte.

In dieser bunten Welt gab es eine Höhle, tief drinnen im Wald. Dort lebte ein Zwerg. Es war kein gewöhnlicher Zwerg. Nein, er war tatsächlich außergewöhnlich.

„Ach, was war denn so außergewöhnlich an ihm?“ unterbrach ich den Zwerg neugierig.

„Unterbrich mich bitte nicht. Du zerstörst ja den ganzen Spannungsbogen!“ heischte er mich an und las weiter vor:

Dieser außergewöhnliche Zwerg hatte noch ein paar Mitbewohner. Auch sie waren ganz besonders. Mächtige Drachenkinder seien es, wurde gemunkelt. Sie wären so groß, dass sie die Höhle nicht verlassen konnten. Das einzige Licht, das sie kannten, war jenes des Vollmondes, das durch den schmalen Höhleneingang fiel.

„Und was ist mit dem Sonnenlicht untertags, leuchtete das nicht in die Höhle hinein?“ fragte ich nach, doch der strenge Blick des Zwerges ließ mich ganz schnell verstummen.

Nur der Zwerg verließ die Höhle und kannte daher die Farbenpracht der Welt. Seine Mitbewohner aber dachten, es gäbe nur schwarz und weiß, obwohl ihnen der Zwerg wieder und wieder von seinen bunten Erlebnissen draußen berichtete. Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen, wie es war, eine Welt in Licht und Farbe zu sehen, bis eines Tages, im Morgengrauen ….

„Warte einmal. Irgendwie erinnert mich dieses Märchen an eine Geschichte von Sokrates aus dem Philosophieunterricht.“ unterbrach ich die Erzählung erneut und grübelte. „Wie nennst du das Märchen nochmal? Höhlen-was?“

„Ich bitte dich. Die Geschichte habe ICH erfunden. Hör einfach zu, dann wirst du erfahren, wie es weitergeht. Also, wo war ich …

… bis eines Tages im Morgengrauen ein Gesandter des Sockenrates vorbeikam und alle Waldbewohner aufforderte, sich ehebaldigst auf der großen Lichtung einzufinden.

Die Höhlenbewohner waren in heller Aufruhr, obwohl es in ihrer Höhle stockfinster war. Wie sollten sie zur Lichtung gelangen? Was war eine Lichtung überhaupt und wer würde da noch aller erscheinen? Sie kannten doch nur sich selbst. Den Sockenrat aber wollten sie nicht verärgern. Wer ein „Rat“ im Namen hat, der musste doch weise sein und außerdem wussten sie gar nicht, dass man Einladungen auch ablehnen konnte, denn sie waren ja noch niemals irgendwohin eingeladen worden.

Außerdem behauptete der Zwerg, beim Sockenrat würden immer besonders billige Getränke ausgeschenkt, die sogenannten Schillingsbecher. Er selbst hatte zwar noch nie jemanden gesprochen, der davon getrunken hatte, aber diesen Drinks wurde eine recht nachhaltige Wirkung zugeschrieben.

Sie waren also alle sehr neugierig auf die Versammlung und da der Zwerg so außergewöhnlich war, fiel ihm natürlich eine Lösung ein, wie sie alle zur Versammlung kommen könnten. Er kletterte aus der Höhle und lief zur Lichtung. Dort trafen schon die ersten Waldtiere ein, ein paar Rehe, ein Hase, eine alte Füchsin und ihre Jungen. Sogar eine Schnecke war schon da. Die hatte zufällig ihren Urlaub auf der Lichtung verbracht und war noch gar nicht weggekrochen. Daher war sie jetzt unter den ersten Anwesenden.

Endlich erblickte der Zwerg einen Bären. Der war groß und kräftig genug, um ein paar schwere Steine des Höhleneingangs beiseite zu schaffen, sodass die Mitbewohner des Zwergs auch herauskommen könnten. Die anderen Tiere des Waldes begleiteten den Bären und den Zwerg zur Höhle, weil sie neugierig waren und die Höhlendrachen endlich einmal sehen wollten.

Als der Eingang freigeräumt war, hielten die versammelten Tiere den Atem an und starrten gebannt ins Dunkel der Höhle. Der Zwerg rief seine Mitbewohner und der Schreck war für alle wirklich groß.

Denn zum Vorschein kamen ein paar Grottenolme! Der Zwerg hatte immer angenommen, seine Mitbewohner würden die Höhle nicht verlassen können, weil sie so groß und angsteinflößend wären. Nun aber sah er, dass sie klein, nackt, ziemlich blind und völlig harmlos schienen.

Als die Olme das hämische Lachen der Waldtiere hörten, fürchteten sie sich so sehr, dass sie sofort wieder in ihre Höhle zurückliefen und sich noch tiefer drinnen versteckten. Sie trauten sich nie wieder heraus und wollten nur noch unter sich bleiben. Dem Zwerg verwehrten sie den Zutritt.

Der Zwerg aber grämte sich sehr. Er fühlte sich nicht nur von den Grottenolmen hinters Licht geführt, sondern schämte sich auch, weil die anderen Tiere ihn wegen seiner „Drachenerzählungen“ ausgelacht hatten. Grummelnd verließ er den Wald und siedelte von da an in der Nähe des Menschen. Tagsüber stand er ganz still in ihren Gärten und rührte sich erst, wenn die Menschen alle schlafen gegangen waren. Mit den echten Waldtieren wollte er sich nicht mehr abgeben, nur noch mit hübschen Deko-Tieren, welche die Menschen für ihn kauften.

Und die Lehre, die wir aus diesem Gleichnis, äh, Märchen ziehen können? Was du noch nicht mit eigenen Augen gesehen hast, das kann auch ganz anders aussehen, als du es dir vorstellst.

Übrigens wurde der außergewöhnliche Zwerg zum Urbild aller Zwerge, die bei den Menschen anzutreffen sind.

„Dann sind die Gartenzwerge also alle beleidigte Aufschneider und feige noch dazu?“ platzte es aus mir heraus. Der Zwerg aber stapfte beleidigt von dannen, was ich als stillschweigende Zustimmung auffasste. 


Warum der Zwerg das Märchen aufgeschrieben hat, könnt ihr hier nachlesen.

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