Träume zwischen Mallorca und Spitzbergen

Meine ersten Inselbesuche verursachten hauptsächlich Albträume. Es begann mit einer Klassenfahrt, da war ich ungefähr 13, es müsste also die siebte Klasse gewesen sein. Eine Woche, gefangen auf der ostfriesischen Insel Langeoog, gemeinsam mit mindestens 25 weiteren Jugendlichen, die ich absolut nicht ausstehen konnte. Sogar die Lehrer waren mir damals sympathischer, als meine Mitschüler. Bereits während der langen Busfahrt bis zur Fähre fragte ich mich unentwegt, wieso ich überhaupt an dieser Fahrt teilnehmen musste. Gerade ich, der Einzelgänger und Außenseiter, der einsame Wolf, der sicher Spaß daran gehabt hätte, diese Insel allein zu erkunden, wurde gezwungen, mit einem Haufen Hip-Hop hörender, Pokemon-Karten sammelnder und Tamagochi spielender Chaoten, sieben Nächte in einer Jugendherberge zu verbringen. Ja, ich war offensichtlich schon immer so – auch bezüglich meiner Abneigung gegenüber Schwimmbädern. Aber wir waren ja am, nein im, Meer, da war es mehr als nahe liegend selbiges zum schwimmen zu nutzen. Ich gebe zu, es wäre zu einfach gewesen.

Der zweite Inselausflug folgte ein Jahr später, als ich meine Großeltern während der Sommerferien an den Bodensee begleiten durfte. Dank meines damals noch agilen und naturverliebten Opas war es ein schöner Urlaub, mit langen Radtouren, einer Wanderung auf den Gipfel des Pfänders und, nach kurzen Startschwierigkeiten, bestem Sommerwetter. Doch es gibt im Bodensee eine gewisse Insel, deren Besuch ebenfalls auf der To-Do-Liste meiner Großeltern stand: Mainau. Die Blumeninsel. Zwar war ich schon mit 14 Jahren sehr naturbegeistert, das künstlich-begeisterte Dauerbetrachten diverser Blumenformationen ging mir dann aber doch ein paar Schritte zu weit. Zumal dies in einem Tempo vonstatten ging, bei dem ich aufpassen musste, nicht im Laufen einzuschlafen und in eines der sorgsam gestalteten Beete zu fallen. Vermutlich waren es die langweiligsten Stunden, die ich bis dahin je erlebte.

Irgendwie hatte ich mir von Inseln mehr erträumt, nachdem ich die Robinson Crusoe Kassetten meines Vaters hörte und im Fernsehen Dokumentationen über die Galapagos Inseln sah. Eine Mischung aus Ruhe und Abenteuer, Einsamkeit und Natur. Stattdessen erlebte ich Menschenmassen, Trubel und Hektik. Und Langeweile.

Mehr als 10 Jahre dauerte es, bis ich einen weiteren Trip auf eine Insel wagte – und bei dieser handelte es sich ausgerechnet um Mallorca. Eine verlorene Wette (was eigentlich gar nicht hätte passieren dürfen!) zwang mich dazu, mich für eine Woche auf die Insel der betrunkenen, pöbelnden, Schlager hörenden und Socken-in-Sandalen tragenden Deutschen zu wagen. Umso überraschter war ich, als mir diese klischeehaften Touristen gar nicht begegneten. Dies ist wohl der große Vorteil, wenn man außerhalb der Saisonzeiten reisen kann. Ich schnappte mir das Leihfahrrad und erkundete die Insel. Dabei entdeckte ich traumhafte Orte, einsame Plätze inmitten der mallorquinischen Natur, zum abschalten und träumen. Und das auf einer Insel im Mittelmeer, anstatt im von mir so sehr geliebten Schweden.

Der nächste Inselurlaub steht noch aus. Bislang habe ich sie zu sehr vernachlässigt, obwohl es so viele interessante Inseln zu entdecken gibt. Vielleicht habe ich Angst, dass mich die räumlich begrenzten Inseln auf meiner Suche nach der „grenzenlosen Freiheit“ zu sehr einschränken. Wobei Mallorca mir nicht nur bewiesen hat, dass dieser Gedanke Quatsch ist – die Insel hat sogar einen weiteren Punkt auf meine „Bucketlist“ befördert und damit für eine nahezu sichere Rückkehr gesorgt: Die Serra de Tramuntana. Sollen die Pauschaltouristen sich doch an Hotelpools und vollen Stränden in der Sonne rekeln. Ich ziehe zur Wanderung ins Gebirge!

Zurück in den Norden. Die Gedanken an anstrengende Gebirgswanderungen in der glühenden Sommerhitze Mallorcas erfordern eine sofortige Abkühlung durch einen winterlichen Ausflug nach Norwegen. Genauer gesagt, nach Spitzbergen. Reisen dorthin sollen angeblich Expeditionscharakter haben. Das klingt auf jeden Fall nach Abenteuer. Allerdings auch nach „Reisegruppen“ und geführten Touren. Keine Einsamkeit, keine Ruhe. Dazu müsste ich allein los ziehen, was dort gar nicht so einfach ist. Ohne Polarexpeditions- und Waffenerfahrung ende ich dort nur als Snack im Magen eines Eisbären. Das würde sicherlich von besonders ausgeprägter Naturverbundenheit zeugen, mein Ableben stelle ich mir dann aber doch irgendwie anders vor.

Bevor ich wieder neue Inselalbträume bekomme, suche ich lieber etwas weiter südlicher nach geeigneten Inseln. Dabei stoße ich schnell auf einige potenzielle Reiseziele. Zum Beispiel auf die Lofoten, die sich dank einschlägiger Reiseberichte inzwischen weit oben auf meiner Liste befinden. Ebenfalls auf dieser, und das schon seit einigen Jahren: Island. Geysire, Vulkane, Gletscher, rauhe Natur, Einsamkeit, eine wundervolle Sprache, Heimat der Metal-Band Sólstafir, die mit Fjara eines der gefühlvollsten, wunderbarsten Lieder geschrieben hat, die ich kenne. Ich lausche den Klängen dieses musikalischen Meisterwerks, schließe meine Augen, sehe die Bilder dieser traumhaften Insel und sage mir: Ich muss dort hin. Nicht irgendwann. Nein, so schnell wie möglich. Und schon gerate ich ins träumen.

 

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6 Gedanken zu “Träume zwischen Mallorca und Spitzbergen

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