Trau keinem unter 80

Ihm war sofort klar, wer der Schuldige war. Oder vielmehr die Schuldige. Die Alleinstehende mit den vielen, ungezogenen Kindern von der 2-er Stiege. Keine Frage. Wie konnte man auch so viele Kinder ohne einen Mann großziehen? Da fehlt doch die starke Hand. Er schüttelte entrüstet den Kopf und rappelte sich mühsam auf. Wahrscheinlich war jedes Kind von einem anderen! Unmoralisch war so ein Lebensstil.

Wo war denn nur sein Gehstock? Ach ja, ins Gras gefallen. Die Hüfte schmerzte fürchterlich, als er sich nach ihm bückte. Verklagen sollte er das liederliche Weib! Mit der Spitze des Stocks fischte er dann nach dem Corpus Delicti, einer Bananenschale. Mitten am Gehweg lag sie. Vor dem Eingang zur 2-er Stiege. Eine bösartige Falle war das! Überhaupt lag hier immer so viel Müll herum. Kinder werfen einfach alles weg. Erzogen wird ja heute nicht mehr. Diese Frau und ihre Fratzen waren eine Zumutung für den ganzen Wohnblock.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht, die matschige Bananenschale in der einen, den Gehstock in der anderen Hand, humpelte er langsam Richtung 1-er Stiege.

„Morgen!“ grüßte ihn jemand und eilte vorbei. Ach, der Junge von gegenüber. Ja, der war höflich. Nur seine scheußliche Musik drehte er immer viel zu laut auf. Und hier am Hof rannte der so schnell herum, dass es gefährlich war. Er hätte ihn jetzt fast umgerannt!

Der alte Mann umklammerte den Griff seines Gehstocks ein bisschen fester. Ihm war schwindlig. Vom Sturz wahrscheinlich. „Meine Hose ist sicherlich auch schmutzig geworden“, dachte er verärgert. „Die Reinigung sollte sie mir bezahlen müssen, die Schlampe!“, wütete er weiter in Gedanken.

Endlich vor der Haustür angekommen, wusste er erst nicht, wie er nun den Schlüssel aus der Tasche nehmen sollte, wo er doch in beiden Händen etwas hielt. Schließlich legte er die Bananenschale auf die Briefkästen, um nach dem Schlüssel zu greifen. In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür und die Hausmeisterin stand vor ihm.

„Sie können Ihren Mist doch nicht einfach auf dem Briefkasten liegen lassen, Herr Rhomberg!“ rief sie entsetzt und zeigte mit vorwurfsvoller Miene auf die Bananenschale.

„Aber das ist ja nicht mein Mist!“ rief er und wurde noch ärgerlicher. Was sich diese Person erlaubte. Ihm zu unterstellen, dass er hier alles verschmutzen würde! Er! Unerhört war das. Früher hätte es ein Hausmeister gar nicht gewagt, so mit ihm zu sprechen, aber heutzutage hatten die Leute keinen Respekt mehr. „Für Sie bin ich außerdem Herr Direktor Rhomberg! So viel Zeit muss sein!“ blaffte er sie an.

„Zeit habe ich aber nicht! Ich muss zur Witwe Reindl auf die 2-er Stiege. Da geht der Türöffner nicht und die Kinder kommen nicht ins Haus rein. Entschuldigen Sie mich, Herr DIREKTOR“ murmelte sie und betonte das letzte Wort stark übertrieben. Dann drängte sie sich an ihm vorbei und ließ ihm die Türe vor der Nase zufallen.

„Eine bodenlose Frechheit ist das!“ schnaubte er. „Dumme Schnepfe!“

Er war so aufgeregt, dass seine Hände zitterten. Erst der Sturz und dann dieses unmögliche Weibsbild. Aufgeregt wie er war, brauchte er noch länger als sonst, um in die eigene Wohnung zu kommen.


Am nächsten  Morgen trug er wie immer den Mülleimer nach dem Frühstück zur Mülltonne in den Hof. Heute waren die paar Meter besonders beschwerlich. Ganz blau war seine Hüfte von dem Sturz. Vielleicht sollte er ja wirklich seinen Rechtsanwalt anrufen und diese Kindsmutter auf Schmerzensgeld verklagen. Und wegen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten. Die lebt ja eh nur auf Kosten der Steuerzahler. Für jedes Kind bekommt die doch mehr als ich für meine ganzen Dienstjahre zusammen!“

„Herr Rhomberg!“ tönte es plötzlich hinter ihm. Er drehte sich um. Ausgerechnet die Frau von der 2-er Stiege, die er in Gedanken schon vor den Kadi zerrte, stand jetzt freundlich lächelnd vor ihm. Sie hielt eine Bananenschale in der Hand.

„Das ist ja wohl die Höhe!“ rief er aus und starrte sie entgeistert an. Was hatte sie vor? Ihm die Schale direkt vor die Füße zu werfen, weil es ihre Bälge heute noch nicht getan hatten? „Sie … Sie …“ er stammelte vor Wut.

Die Frau trat erschrocken einen Schritt zurück. „Was ist denn mit Ihnen?“ fragte sie verwundert. „Fühlen Sie sich nicht wohl? Ich wollte nur die Bananenschale wegwerfen, die ist ihnen gerade runtergefallen. Sonst rutscht noch jemand darauf aus. Sie halten den Eimer ja auch so schief. Da fällt der ganze Müll schon raus, noch vor sie bei der Tonne sind“ plapperte sie weiter und griff nach seinem Handgelenk, um den Eimer aufzurichten.

„Ach Leon, hole doch schnell das Papier, das da hinten auf den Weg gefallen ist!“ rief sie nebenbei einem kleinen Buben zu, der auf der Stufe vor der 2-er Stiege saß. Das Kind stand langsam auf und ging etwas widerwillig, um zu tun, was seine Mutter wollte.

Herr Rhomberg stand mit offenem Mund da und schaute wortlos erst auf den Mülleimer in seiner Hand, dann auf Weg, den er gekommen war und schließlich auf den blonden Jungen, der mit einem zerrissenen Briefkuvert in der Hand vor ihm stand und nicht wusste, was er nun damit tun sollte. Auf dem Papierfetzen konnte man „omberg“ lesen.

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Trau keinem unter 80

  1. Gute Geschichte! An einer Stelle musste ich an ein eigenes Erlebnis denken. In den Kinderladen-Jahren ging ich oft mit vier-fünf Kindern in den Park. Einmal fragte mich jemand: „Sind das alle Ihre?“ Ich, stolz strahlend: „Ja, und alle von verschiedenen Vätern!“

    Gefällt 4 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s