Das Reisebüro

Das Reisebüro befand sich ein paar hundert Meter vom Park entfernt. Als sie es betraten blieb ihnen im ersten Augenblick der Atem weg. In jedem Winkel des Büros glommen Räucherstäbchen. Der Klang von budistischer Meditationsmusik erfüllte den Raum ebenso erdrückend wie der Rauch.

„Hallo?“ rief Ingar die als erste wieder zur Besinnung kam. An den Wänden hingen vor allem Plakate von Veranstaltern die Esoterikreisen anboten. All das passte so garnicht zu dem Flyer, den der Mann im Park verteilte. Sie betraten vorsichtig die hinteren Räume. Auf einer Reismatte saß im Jogasitz eine ältere zierliche Dame mit geschlossenen Augen, die ebenfalls alle Merkmale aufwieß, die zu dem Klischee der Esoterikanhänger gehörte. Graue lange Haare, vermutlich selbstgebatigtes T-Shirt und eine in Regenbogenfarben geringelte Legins und um den Hals trug sie mehrere Ketten mit Glas- oder Holzperlen. Sie war gänzlich in ihre Meditation versunken.

Sven räusperte sich vernehmbar. Doch sie reagierte nicht. Erst als Sven die Musik an der Stereoanlage ausschaltete öffnete die Dame verträumt ihre Augen. Es dauerte noch eine Weile bis sie wahrnahm, daß noch andere Personen im Raum waren. Mit rauchig tiefer Stimme fragte sie schließlich:

„Wie kann ich ihnen helfen?“

„Gerade eben wurde ihr Mitarbeiter, der die Prospekte im Park verteilt angefahren. Können Sie mir seinen Namen verraten und vielleicht wo er wohnt?“ antwortete Sven.

„Tut mir leid aber ich habe keine Mitarbeiter. Ich manage dieses Büro alleine. Wie kommen Sie denn darauf, daß dieser Mensch für mich arbeitet?“

„Das hier ist doch eines Ihrer Prospekte? Hier ihr Stempel.“ und Sven hielt ihr die Rückseite des Flyers hin. Die Dame griff mit ihren dürren Fingern danach und betrachtete das Papier als sähe sie es zum ersten mal.

„Das muß eines der Prospekte sein, die ich auslegen muß. Dort vorne an neben der Türe liegen noch jede Menge davon. Als Reisebüro muß ich einem Verband angehören und die decken mich ständig mit diesem unsäglichen Pauschalzeug ein. Ich bin aber auf Asien und besonders auf Buthan und Tibet spezialisiert. Mich interessiert dieser Massentouristikscheiß nicht. Ich kann mir nicht erklären wie ein Mann an meine Prospekte kommt und noch viel weniger warum er das Zeug im Park verteilen sollte.“ damit gab sie Sven das Papier zurück. Sven wand sich zum gehen und sah sich nach den Werbeschriften in der Nähe des Eingangs um. Tatsächlich stapelten sich in schiefen Türmen Mengen von Prospekten und verstaubten. Einige waren vom Stapel gerutscht. Die gleichen wie der, den Sven in der Hand hielt. Er hielt noch einmal an und zog den Prospekt mit der Telefonnummer heraus.

„Kennen Sie diese Telefonnummer?“

Die Dame nahm den Zettel mit spitzen Fingern entgegen und blickte abschätzig auf die Handschrift.

„Wie kommen Sie darauf, daß dies eine Telefonnummer sein könnte?“

Sven war verblüfft.

„Ich dachte 46 ist die Ländervorwahl und 131 die Stadt. Warum sollte das keine Telefonnummer sein?“

„Ich kenne alle Vorwahlen von Schweden auswendig es gibt 121 und 141 aber 131 gibt es nicht. Zumindest in Schweden nicht.“ damit reichte sie den Zettel wieder zurück und ging zur Stereoanlage um sie wieder an zu schalten

„Haben Sie vielleicht eine Idee was diese Zahlen sonst sein könnten?“

„Nein! Und jetzt lassen Sie mich bitte meine Meditation zu Ende bringen. Schließlich muß ich ja auch noch ein wenig arbeiten.“

Verblüfft verließen die beiden Jornalisten das Reisebüro und sahen sich draußen ein wenig ratlos an.

„Und was machen wir nun?“ fragte Ingar.

„Zuerst fahren wir an den Bahnhof und schauen nach dem Schließfach. Unterwegs telefoniere ich mal ein wenig herum. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht herausbekommen könnten wie dieser schräge Vogel heißt und wo er wohnt.“
Im Auto bekam Sven endlich seinen Freund Ralf ans Telefon und versuchte herausbekommen was es mit dem Unfall auf sich hatte. Als er auflegte sah ihn Ingar fragend an. Sven schwieg.

„Und was sagt dein Informant ?“ Sven starrte aus dem Fenster. Es dauerte eine Weile bis er antwortete.

„Der Name steht noch nicht fest. Sie haben einen Führerschein mit dem Namen Ole Nordmann bei dem Jungen gefunden und einen Pass mit dem Namen Siegurd Wesekamp. Beide Namen sind wohl falsch. Ralf ist ziemlich ratlos und sagt, daß die Polizei hofft mehr zu erfahren, wenn er aufwacht und vernommen werden kann. Bis dahin konzentrieren sie sich auf das Auto. Er war besorgt, als ich ihm gesagt habe, daß der Junge meinte sein Leben sei in Gefahr. Sie schicken jemanden zur Bewachung.“

„Was will die Polizei mit dem Auto machen? Hat jemand das Kennzeichen gesehen? Und wie wollen sie es hier in Stockholm finden. Die Stadt ist doch rießig.“

„Naja es wird nach ihm gefahndet. Wenn es tatsächlich Absicht und damit ein Mordanschlag war wird der Täter versuchen das Fahrzeug so schnell wie möglich los zu werden oder es zumindest reparieren lassen. In den großen Autowerkstätten wird das nicht möglich sein. Die wurden schon benachrichtigt und die melden die typischen Schäden an die Polizei. Aber dies kleinen Hinterhofwerkstätten… Sie klappern also die üblichen Verdächtigen ab. Und hoffen dort fündig zu werden.“

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3 Gedanken zu “Das Reisebüro

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