Grüne Invasion.

Still stand er im hinteren Garteneck unter den Ribiselsträuchern. Einzig sein feiner Duft nach Knoblauch verriet, dass hier irgendwo Bärlauch wachsen musste. Aus nur ein paar gezielt hier eingegrabenen Pflanzen war in kürzester Zeit ein grüner wogender Teppich mit einer Größe von einem Quadratmeter geworden. Doch mittlerweile schienen sich die Pflanzen über den ganzen Garten ausbreiten zu wollen. Plötzlich waren sie überall. In den Gemüsebeeten, zwischen den Rosen, mitten in der Minze, sogar in den Fugen zwischen den Trittsteinen. Beinahe unbemerkt reckten kleine Pflänzchen ihre beiden ersten Blätter in die Höhe, wenn es für alle anderen noch viel zu kalt war. Mit der Zeit wurden sie größer und kräftiger und wie aus dem Nichts eroberte eine Armee aus Bärlauchpflanzen den Garten. Nicht einmal vor fremden Grund und Boden machte sie halt und überwand sogar Grundgrenzen mit hohen Mauern.

Die Gärtnerin, die gern der Natur ihren Lauf ließ, war für den Moment ratlos. Was hatte sie übersehen? Sie fragte sich, wie das geschehen konnte. Denn an ihr lag es sicher nicht, dass sich der Bärlauch so hemmungslos ausbreitete. Nicht, dass es sie besonders störte. Sie mochte den feinen Duft, der im Frühling durch den Garten waberte. Es würde ohnehin nur von kurzer Dauer sein, bis die Blätter gelb und welk geworden einzogen und nichts mehr darauf hindeutete, was hier gewachsen war. Bei aller Natürlichkeit im Garten hätte sie aber trotzdem gerne die Oberhand behalten.

Der Bärlauch indes verwandelte sich mit fortschreitendem Frühling in ein weißes Blütenmeer. Dann wurden die weißen Blüten welk und schmutzig grau. Es kamen die schwarzen Samenkörner zum Vorschein. Je länger sie reiften, umso mehr trockneten die Hüllen rundum ein und gaben irgendwann raschelnd ihre kostbare Fracht frei. Die Samenkörner fielen zu Boden. Das alles beobachtete die Gärtnerin. Sie wusste um diese Vorgänge. Trotzdem ließ sich die Bärlauchexplosion nicht erklären. Denn die üblichen Verdächtigen, der Wind und die Vögel, kamen als Täter nicht in Frage.

Während sie grübelnd vor ihrem knofeligen Bärlauch sass, krabbelte eine Ameise ihren Schuh hinauf. Eine weitere verirrte sich und schließlich sah sie, dass sie mitten in einer Ameisenstraße stand. Sofort zog sie entschuldigend den Fuß zurück und beobachtete die emsigen Tiere, folgte ihnen quer durch den ganzen Garten. Immer wieder staunte sie darüber, was die Winzlinge schleppen konnten. Kleine schwarze Körnchen zum Beispiel. Die wuchteten sie auf ihre Rücken und trugen sie fort. In alle Himmelsrichtungen ging die Reise. Mal waren es kleine rote Ameisen, mal schwarze. Manchmal dunkel glänzende Riesen, manchmal hell scheinende Winzlinge. Die schwarzen Körnchen schleppten sie alle. Die Gärtnerin lachte leise in sich hinein. Sie hatte gerade die Täter entdeckt. Da waren fleißigere Wesen am Werk, als sie eines war.

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2 Gedanken zu “Grüne Invasion.

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