Antisemitismus

Sie sind feige, sie sind hinterlistig. Sie vergiften unsere Brunnen, fressen unsere Kinder und kontrollieren alle Banken. Die Juden. Viel zu oft stoße ich auf solche Parolen, ob im Internet, auf der Straße, oder sogar im Gespräch mit Verwandten. Antisemitismus ist noch immer aktuell. Wenn für ein beliebiges Übel auf der Welt ein Sündenbock gesucht wird, sind die Juden die üblichen Verdächtigen. Hier wird es darum gehen, was Antisemitismus ist, in welchen Formen er sich äußert und woran mensch ihn erkennen kann.

Wer sich jetzt denken mag: „Aber heutzutage gibt es doch so etwas gar nicht mehr!“, der liegt leider daneben. Schon seit es das Judentum gibt leiden Juden unter Vorurteilen, falschen Verdächtigungen und Diskriminierung. Und daran hat sich bis heute wenig geändert. Beispiele gefällig? Noch immer besteht die Notwendigkeit von Polizeischutz vor deutschen Synagogen, weil diese oft Opfer rechtsextremer Gewalt werden. Jüdische Menschen müssen auch heute noch Sorge haben, dass ihre Synagogen geschändet werden. Mehr als 80 Anschläge gab es bisher auf Synagogen in Deutschland. Die meisten Anschläge gab es bisher in Nordrhein-Westfalen. Judenfeindliche Stereotype sind tief in der deutschen Alltagskultur verankert – da sind sich Experten einig. Mensch findet Auswirkungen dessen in vielen alltäglichen Dingen, wie z.B. in dem bekannten Trinkspruch „Ex oder Jude“. Zuletzt untersuchte die Friedrich-Ebert Stiftung offenen Antisemitismus in Deutschland, dabei kam heraus, dass 15 bis 20 Prozent der Deutschen latent antisemitische Haltungen haben und etwa neun Prozent der Bevölkerung folgenden Aussagen zustimmen:

„Noch heute ist der Einfluss der Juden zu groß.“

„Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.“

„Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.“

Dieser sogenannte primäre Antisemitismus hat eine lange Geschichte. Offenen Judenhass gab es vom Mittelalter an bis zum Nationalsozialismus. Juden wurden als geldgierig skizziert mit langen Hakennasen und einem krummen Buckel, verfolgt und schließlich massenhaft vergast. Primärer Antisemitismus ist in Deutschland seit Hitler nicht mehr häufig. Es ist seitdem (zum Glück) zu einem Tabu geworden und kaum jemand würde sich öffentlich primär antisemitisch äußern.

Recht geläufig ist dagegen sekundärer Antisemitismus. Dieser beinhaltet beispielsweise die Relativierung oder gar Verleugnung des Holocausts und eine Opfer-Täter-Umkehr. Patrioten, die es nicht mögen als Nazi-Deutsche wahrgenommen zu werden, stellen den Holocaust gerne als große Verschwörung der üblichen Verdächtigen dar, um Deutsche als böse Täter hinzustellen.

„Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen“, denn allein weil sie sich schuldig fühlen wächst der Hass weiter.

Ein weiteres Beispiel dieser Opfer-Täter-Umkehr wird an verkürzter Israel Kritik deutlich. „Früher angeblich Opfer, heute selber Täter“, ist ein Slogan auf vielen Demonstrationen für Solidarität mit Palästina. Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung ist dabei durchaus wichtig, jedoch nicht, wenn Israel sich bloß verteidigt und nicht indem mensch dem Staat Israel sein Existenzrecht abspricht. Oft beurteilt mensch nämlich den Nahost-Konflikt unter doppelten Standards, hinter denen sekundärer Antisemitismus steckt.

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Die dritte und subtilste, am weitesten verbreitete Version des Antisemitismus ist struktureller Antisemitismus. Sie besteht aus regressiver Kapitalismus-Kritik, die gerade in der linken Szene zu häufig vorkommt. Dabei werden nicht nur die Zustände einer kapitalistischen Gesellschaft kritisiert, sondern die Schuld daran wird „denen da oben“ zugewiesen. Nicht die Leute, ihr Verhalten, ihre Einstellungen, nein, die Reichen und Mächtigen, die unsichtbaren (jüdischen) Strippenzieher halten mit gespenstischer Hand die Fäden des Schicksals und bestimmen das Weltgeschehen. Genau wie bei sekundärem Antisemitismus: verschwörungstheoretischer Bullshit.

Da Juden und Jüdinnen mit Geld in Verbindung gebracht werden, werden sie auch häufig hinter Banken vermutet und bei Kritik an der Macht der Banken häufig eine typisch jüdische Darstellung verwendet, von Bankern, die sich verstecken. Das ist struktureller Antisemitismus. „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“. Vor allem in Karikaturen politischer Zeitungen finde ich oft strukturell antisemitische Darstellungen.

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Wir sehen: Antisemitismus ist und bleibt ein allgegenwertiges Problem. Umso wichtiger ist es, es zu benennen und sich mit Engagement und Herzblut dagegen einzusetzen. Anstatt also, wie in so vielen Lebensbereichen, immer einen Sündenbock zu suchen und jemandem die Schuld zuweisen zu wollen, müssen wir uns alle überprüfen, wenn wir sie voreilig den üblichen Verdächtigen geben. Gegen jeden Antisemitismus! Shalom!

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6 Gedanken zu “Antisemitismus

    1. Zweifelsohne ist der Nahostkonflikt kompliziert und es ist schwierig einer Seite vorbehaltlos Recht zu geben. Allerdings sehe ich auf der palästinensischen Seite wenig Bemühungen um eine Lösung des Konflikts (wie auch Ablehnung des 2-Staaten-Konzepts ) steht doch in der Charta der Hamas der Aufruf zum Mord an allen Juden und Jüdinnen in der Welt. Zitat aus Artikel 7: „Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn! „. Außerdem vermute ich, dass hinter deiner Argumentation eine Doppelmoral steht, da du den Mord anderer Staaten wahrscheinlich auch nicht derart ablehnst, oder liege ich da falsch?

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      1. Du liegst falsch. Es ist nicht kompliziert. Hier in D beschweren sich Leute wegen Flüchtlingen. jammern wegen Geld, Arbeit und Wohnung die sie bekommen. Palästina wurde gestohlen, die Palästinenser vertrieben getötet oder man hat sie ohne sauberes Wasser und medizinische Versorgung sterben lassen. Wie würdest du reagieren wenn die Flüchtlinge oder die Türken plötzlich ihren Landsleuten Geldgeschenke anbieten wenn sie, egal wo auf der Welt sie sich befinden, alles verlassen und nach Deutschland kommen? Wenn sie dich aus deiner Wohnung vertreiben, deine Familie töten, die die Nahrung nehmen?Dir den freien Zugang zu Krankenhäusern verwehren, ect. Es ist nicht kompliziert. Die Doppelmoral findest du hier in Deutschland.

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      2. Es ist heftig, dass ich mich unter einem Artikel über Antisemitismus mit derart antisemitischen Äußerungen auseinandersetzen muss. Dein Antisemitismus wird hier durch antiisraelische und antizionistische Thesen verdeckt. Der entscheidende Unterschied ist, dass es wenn Palästinenser die Waffen niederlegen würden Frieden gäbe. Täte Israel das, würde Israel vernichtet werden. Israel ist durchaus gezwungen sich zu verteidigen. Golda Meir sagte einmal: Die Moslems können kämpfen und verlieren, und dann wiederkommen und erneut kämpfen. Aber Israel kann nur einmal verlieren.

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