Herzblut-Abschiedsbrief

Hallo Magersucht!

Ich weiß eigentlich gar nicht, wo ich beginnen soll, so viel habe ich dir zu sagen. Du bist eigentlich ganz langsam in mein Leben getreten. Du hast dich gut getarnt angeschlichen und plötzlich warst du da in all deinen Facetten.

Wer warst du eigentlich, dass du mein Leben so dominiert hast? Wie konnte es geschehen, dass du so große Macht über mich bekommen hast?

Ja, ich erinnere mich doch an so einige kleine Anzeichen, die dein Ankommen ankündigten. Da war diese übergroße Liebe zu einer extraschlanken äußeren Körperform, die man nur dadurch bekommt, dass man wenig Essen zu sich nimmt. X-Small und XX-Small waren die erstrebenswerten Kleidergrößen.

Dann war da die große Überforderung, die ich nicht artikulieren konnte und mit einem zarten Aussehen abwenden wollte. Die Überforderer sollten durch mein dünn gebautes Äußeres merken, dass sie mir zu viel abverlangten. Unfähig, mir darüber im Klaren zu sein, dass das kein Weg war, stürzte ich immer mehr in die Abhängigkeit zu dir.

Du bist mein Weggefährte geworden, indem du mir ein Ästhetik-Bewusstsein suggeriertest, das mich immer weiter in deine Fänge trieb. All mein Herzblut habe ich für dich hingegeben.

Und es blieb nicht beim wenig essen. Ich fühlte mich plötzlich so schmutzig. Ich konnte das Ausscheiden des Nahrungsbreirestes nicht mehr ertragen. Meine Lösung war, dass das wenige Essen, das ich noch zu mir nahm, den umgekehrten Weg wieder heraus musste.

Du hast mir sogar vorgegaukelt, dass die Pillen, die Essen abführen, mich in einen Sauberkeitszustand versetzen würden. Als ich diesen Tabletten dann verfallen war, fühlte ich mich nur mehr rein, nachdem ich mit Hilfe dieser alles ausgeschieden hatte.

Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, wurde mein Körpergewicht weniger. Bis ich bei siebenundvierzig Kilos angelangt war und das bei einer Größe von einhundertzweiundsiebzig Zentimetern.

Das Komische war, dass ich mein Spiegelbild sehr verzerrt wahrgenommen habe. Ich sah zu diesem Zeitpunkt immer noch irgendwo Speckpolster, die weg mussten. Aber das warst du, liebe Magersucht. Du hast mich völlig beherrscht.

Heute, nach einem einjährigen Krankenhausaufenthalt und einer mehrjährigen Therapie, weiß ich, dass ich dich nie mehr in mein Leben lassen werde. Ich weiß, dass mein Denken abnormal war und dass ich auf Überforderung anders reagieren kann. Ich werde mich auch immer wieder daran erinnern, wie schwer es war, dass mein Körper wieder Nahrung angenommen hat und auch wie schwierig es war, eine Gewichtszunahme zuzulassen.

Erst über das Ausdrucksmalen lernte ich, mein Inneres nach außen zu bringen und indem ich über die Bilder sprechen musste, lernte ich Probleme nicht mehr länger hinunterzuschlucken.

Deshalb möchte ich mich heute von dir verabschieden. Du warst ein Teil meines Lebens, aber ich habe mich von dir befreit und atme jetzt frei durch. Mein Leben, so selbst bestimmt wie es jetzt ist, gibt mir ein enormes Lebendigsein-Gefühl.

Ich bin allen Menschen zutiefst dankbar, die mir geholfen haben, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Das sind viele Ärzte, Psychologen, Therapeuten und vor allem auch ein liebes Ehepaar, das mir durch die ganze Zeit zur Seite stand. Und heute ist es meine Familie und vor allem mein Mann, die mir Halt geben und mich wertschätzen. Vor allem darf ich so sein wie ich bin und muss mich nicht verstellen oder eine Rolle spielen.

Ade, du Magersucht … auf Nimmer-Wiedersehen!

Deine

Maria Fasching

 

 

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23 Gedanken zu “Herzblut-Abschiedsbrief

  1. Du kannst stolz darauf sein diesem Teufel den Kampf angesagt zu haben und als Sieger daraus hervor gegangen zu sein. Du kannst dir selbst auf die Schulter klopfen. Ich finde es mutig von dir so offen darüber zu schreiben. So kannst du es vielleicht auch besser verarbeiten und mit dem Thema abschließen. LG, Nati

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    1. Vielen lieben Dank, Nati. Ja, ich fühle mich als Sieger, da ich zu dem Drittel gehöre, die es geschafft haben. Leider ist es so, dass ein Drittel aller Magersüchtigen an den Folgen ihrer Krankheit stirbt und ein weiteres Drittel ein Leben lang damit kämpft. Nur ein Drittel aller Betroffenen schafft es aus dieser Sucht heraus.
      Alles Liebe
      Maria 🙂

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      1. Ja, diese Fakten sind hart – somit ist eine Magersucht eine schwerere Erkrankung als ein Herzinfarkt. Das teilte mir meine Ärztin mit, als ich meine Sucht versucht habe herunterzuspielen. Und ja, Achtsamkeit spielt im Moment eine große Rolle in meinen Gedanken und meinem Leben. Und auch 🙂 ja, ich habe einen liebenden Mann an meiner Seite, der mich stärkt wo es nur geht, und das trotzdem es ihm oft selber nicht gut geht und das mittlerweile seit acht Jahren heute auf den Tag genau. 🙂
        Lieben Dank für deine Zeilen.
        Alles Liebe dir
        Maria 🙂

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    1. Das tut mir sehr leid für euch, dass ihr als Angehörige von dieser schweren Krankheit betroffen wart. Der Weg heraus aus dieser Sucht ist alles andere als leicht für den Betroffenen. Und um nichts weniger leiden oft die Angehörigen mit. Umso mehr bin ich unendlich dankbar für alle Menschen, die mir die Hand reichten und mich unterstützten auf meinem Weg. Und da waren einige.
      Alles Liebe
      Maria 🙂

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  2. Liebe Maria, wie schön, dass du noch tiefer in dein eigenes Leben gefunden hast. Ich freu mich mit. Alle Selbstbefreiung von jeglicher Kasteiung, aufgrund von trügerischen Vorbildern, ist doch nun wahrlich ein Grund zum Feiern! Wie viel Raum da frei wird, für Schöneres. Fühlbare Grüße * Luxus

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  3. Danke für den so wichtigen Beitrag, liebe Maria.

    Ich kann deine Worte so gut nachvollziehen, ich selbst war 12mal magersüchtig, 35 Jahre hatte ich Bulimie, abgemagert bis auf 27kg fühlte ich mich immer noch zu dick. Ganz schlimm war es, dass ich mit 30kg noch in einer Klinik arbeitete, umgeben von Schwestern und Ärzten, die aber immer nur mein „geiles Fahrgestell“ bewunderten, sie sahen nicht, dass ich zum Skelett abgemagert war 😦

    Erst als ich die Magersucht liebevoll annehmen konnte als einen wichtigen Teil von mir, konnte sie gehen. Meine Thera hat ganze Arbeit geleistet, sonst gäbe es mich nicht mehr.

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