Oma und Opa

Gerne hätte sie diese zwei Wochen Urlaub mit Oma und Opa noch einmal wiederholt. Aber da war es zu spät. Oma war sehr krank geworden und nun war sie nicht mehr.

Damals, vor zwei Jahren, da war Oma noch rüstig. Und diese vierzehn Tage in dem Kurort mit ihrer Enkelin haben beide nicht mehr vergessen. Es war für sie einer der schönsten Urlaube, die sie je hatten, sagten sie jedenfalls hinterher.

Opa plagte sich schon einige Jahre mit seiner Schuppenflechte herum und Oma litt seit Jahren an einer hartnäckigen Asthma-Krankheit. Deshalb planten die beiden diesen Kuraufenthalt. Oma war schon öfter da, aber für Opa war es seine erste Therapie im Psoriasis-Zentrum. Und da ihre Enkelin ein bequemes Auto fuhr, fragten sie sie, ob sie ihren Urlaub mit ihnen verbringen würde. Das Fahren mit dem Zug war ihnen nämlich schon zu beschwerlich geworden.

Gerne willigte die Enkelin ein.

Opa ist ein sehr selbstbewusster und rauer Mann und er ist mit Leib und Seele Bauer. Er ist es gewohnt zu bestimmen, wie etwas gemacht wird. Er kann schon unangenehm werden, wenn etwas nicht in seinem Sinne ist. Vor allem hat er sich im Laufe der Jahre über alles eine feste Meinung gebildet, die niemand in Frage stellen durfte. Er weiß, wo es lang geht in dieser Welt. Er ist Kriegsinvalide. Seinen Arm kann er seit ihn damals eine Granate erwischte nur mehr bedingt für die Arbeit gebrauchen. Das hat ihn aber nicht daran gehindert aus seinem kleinen Häuschen im Laufe der Jahre einen großen Bauernhof mit allem Drum und Dran zu erbauen. Viel hat er geschafft.

Und Oma war ihm bei all seinen Aktivitäten eine große Hilfe. Sie hat ihm, wo es ging die eine Hand ersetzt. Mit all ihrer Energie hat sie ihn in seinen Vorhaben unterstützt. Sechs Kinder gebar sie ihm. Sie war auch die, die für ein gutes soziales Umfeld sorgte. Wenn es Streit gab, war sie die schlichtende Kraft. Wenn jemand Hilfe brauchte, erkannte sie das meistens als erstes und entsprechend setzte sie sich ein.

Beide waren einen strikten Tagesablauf gewohnt und so hielten sie es auch im Kurort. Opas Therapien wurden jeweils täglich um sieben Uhr früh vereinbart. Auch machten sie sich aus, dass die Enkelin täglich um acht Uhr dreißig eine warme Milchsuppe mit Brot für Opa zubereitete. Oma sollte die Möglichkeit haben, so lange wie möglich auszuschlafen.

Und so wurde es gemacht.

Am ersten Morgen, als Opa von der Therapie kam, stellte die Enkelin die dampfende Suppe auf den Tisch und sagte: „Bitteschön! Guten Appetit, Opa!“ Ohne Worte setzte er sich hin und schlürfte die Suppe. Morgens kam ihm selten ein Wort über die Lippen und so auch an diesem Morgen. Dies wiederholte sich jeden Morgen in gleicher Weise.

Im Laufe der ersten Woche kamen sie sich etwas näher, die Großeltern und die Enkelin. Der Vormittag wurde mit Hausarbeit und Sitzen am Balkon verbracht. Um elf Uhr wurde gekocht, um zwölf Uhr Mittag gegessen. Dann wurde geruht bis vier Uhr nachmittags. Diese Ruhezeit nutzte die Enkelin um im Kurbad schwimmen zu gehen. Das war ihre Auszeit. Die Zeit nach sechzehn Uhr war von Opa akribisch verplant mit Fahrten in die Umgebung, meistens zu einer Buschenschank, um dort das Abendessen einzunehmen.

Eine Woche war vergangen und der Umgangston Opas wurde freundlicher. Irgendwie verlor er allmählich seine Rauheit. Oma und die Enkelin bemerkten dies sehr wohl und oft lächelten sie sich wissend zu.

Am vorletzten Abend beschlossen sie alle zu Hause am Balkon zu Abend zu essen und gemeinsam eine Flasche Wein zu trinken. Der ansonsten eher wortkarge Opa wurde richtig redselig im Laufe des Abends. Schließlich wurde bei fortgeschrittener Stunde über Gott und die Welt geredet und diskutiert. Einige Themen, die im Alltag tabu waren, wurden angesprochen. Zufrieden und glücklich über den gelungenen Abend gingen dann gegen Mitternacht alle zu Bett.

Am nächsten Morgen wiederholte sich ihr tägliches Ritual. Opa kam von der Therapie und setzte sich zum Tisch. Mit dem üblichen „Bitteschön! Guten Appetit, Opa!“ stellte die Enkelin wie jeden Tag die erwärmte Milchsuppe vor ihn hin.

Und da passierte es. Er sah ihr fest in die Augen und sagte: „Dankeschön!“

Sie lächelte ihn an und er lächelte zurück und sie wusste, Opa war ihr Freund geworden.

 

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6 Gedanken zu “Oma und Opa

  1. Manchmal hilft es Wunder , wenn man sich dem Leben anderer beugt. So war es für die Enkelin ein positives Ende. Manchmal muss man sich stärker einfühlen in anderen Personen um ihnen näher zu kommen. Da ist die Enkeln trotz ihres jungen Alters sehr Weise vorgegangen.

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  2. Liebe Maria, 🙂 am Ende der Erzählung, rieselte mir ein warmer Schauer über den Nacken. Was mir immer ein Zeichen dafür ist, dass die Seele freudvoll mit las. Dankeschön fürs Teilen der schönen Erinnerung. Fühlbare Grüße * L.

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